Die ewig neue alte Frage, wie der Erfolg des Christentums zu erklären ist, steht im Zentrum des Buchs. Der rote Faden ist das Übernatürliche, mit dem sich unterschiedslos alle Reichsbewohner, Männer wie Frauen, Freie wie Sklaven, Adlige wie Bauern konfrontiert fühlten. In dieser Angelegenheit fanden alle Religionen ihre Gemeinsamkeit, ganz gleich, ob man viele Götter oder nur den einen Gott anbetete. Und das Christentum bildete, so die These des Buchs, eine Art Synthese, konnte für Polytheisten wie für Juden gleichermaßen attraktiv werden, weil es sich auf beide zu bewegte.
In elf Kapiteln geht das Buch durch die komplette Antike, behandelt ausführlich das Leben derjenigen, die sich am Judentum bzw. am Polytheismus orientierten, schildert konkret die Vielfalt der philosophischen Denkrichtungen bzw. der Mysterienreligionen und sucht nach den Motiven zur Erneuerung. An sich habe gar keine Sehnsucht nach spirituellen Veränderungen bestanden, wie sie das Christentum propagierte, aber das Buch bietet dann doch spannende Verknüpfungen zwischen den einzelnen Religionen und Kulten.
Der zweite Teil der Studie nimmt auf dieser Grundlage das Umfeld, die Entstehung und die Entwicklung des Christentums in der römischen Welt in den Blick, verortet es im Dunstkreis der Charismatiker und Messiasse, stellt die Konfliktzonen mit der Umwelt und der Reichsführung heraus, behandelt die Feindseligkeiten gegenüber den Christen, die ersten Christenverfolgungen oder auch den Reiz des Christentums in einer zu Magie und Wundern neigenden Zeit.
„Das“ Christentum habe es sowieso nicht gegeben, und so spiegelt das Buch aktuelle Forschungen zur Vielfalt der Gruppen unter den frühen Christen wider. Nach Knapp hat es zwei wichtige Zäsuren auf dem Weg der frühen Christen gegeben, nämlich die Tempelzerstörung im Jahr 70 n. Chr. und das Ausbleiben der Endzeit, wie sie die Prophezeiungen beschworen hatten – Zäsuren, die vernichtend hätten wirken können, wenn nicht die Flexibilität des Christentums und insbesondere die Kreuzvision Konstantins das Überleben ermöglicht hätten. Dabei gab es höchstens zehn Prozent städtische Anhänger des Christentums im Reich.
Sympathie für die frühen Christen will das Buch nicht erregen; als arrogant seien sie empfunden worden, auch als wendig; Jesus sei ein Zauberer gewesen, der sich als Jahwes Sohn inszeniert habe, und überhaupt seien die Vorwürfe der Heiden nicht ganz unberechtigt gewesen – so kommt Knapps Deutung daher. Das Buch malt jedenfalls ein klares Bild. Das Christentum brach in eine Welt ein, in der das Übernatürliche allgegenwärtig war; es war jüdisch im Ursprung, entfernte sich aber insbesondere nach 70 n. Chr. von diesen Wurzeln und orientierte sich mehr an den philosophischen Strömungen des Heidentums.





