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Der erste militärische Konflikt des Industriezeitalters
Die technischen Entwicklungen spielten auch eine wesentliche Rolle für das Militärwesen. Erst zögerlich, dann aber immer rasanter setzten sich in den Armeen der europäischen Mächte neue Gewehre, Geschütze und Strategien durch. Im Krim-Krieg wurden sie erstmals umfassend angewandt.
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von Klaus Jürgen Bremm
Liberale Hoffnungen auf eine neue Welt des Handels und des friedlichen Wettbewerbes
Nach dem Willen der von Prinzgemahl Albert geleiteten Commission of Arts sollte die Londoner Weltausstellung von 1851 einem internationalen Publikum nicht allein die industrielle Überlegenheit des prosperierenden Inselreiches demonstrieren. 36 Jahre nach dem Ende der Napoleonischen Kriege kündete die Great Exhibition of Works of Industry of all Nations in ihrem von dem Architekten und Landschaftsgärtner Joseph Paxton entworfenen futuristischen Palais aus Glas und Stahl den insgesamt sechs Millionen Besuchern auch von einem neuen pazifistischen Internationalismus. Beseelt vom Geist eines aufstrebenden Unternehmertums und des freien Handels sprach das offizielle Begleitbuch ganz euphorisch von einem „Tempel des Friedens“. Sir Richard Cobden, prominenter Aktivist der Anti Corn Law League in den 1840er Jahren und unermüdlicher Vorkämpfer einer zukünftigen Weltregierung, sah in der beeindruckenden Sammlung industrieller Spitzenleistungen aus insgesamt 94 Ländern bereits einen „Triumph der wirtschaftlichen Schaffenskraft“ über die „alten Triumphe der Waffen“.
Zwar waren die blutigen Barrikadenkämpfe der hektischen Revolutionsjahre 1848/49 auch in Großbritannien noch in frischer Erinnerung, ebenso wie die regulären Schlachten der Armeen Preußens, Österreichs und Russlands gegen Italiener, Ungarn und Dänen, doch das gebildete Publikum im Vereinigten Königreich hatte darüber nur aus den Zeitungen erfahren und war davon allenfalls durch den Zulauf zahlloser Flüchtlinge und Exilanten betroffen. Seit Jahrhunderten hatte kein Feind mehr seinen Fuß auf britischen Boden gesetzt, und seiner selbstbewussten herrschenden Klasse erschienen die jüngsten europäischen Revolutionswirren dann auch nicht mehr als ein letztes Donnergrollen einer zum Untergang verurteilten bellizistischen Welt.
Die tonangebenden Kreise in Großbritannien waren zutiefst überzeugt, dass freier Handel und technischer Fortschritt schließlich auch für die noch in traditionellen Denkmustern verharrenden Völker des Kontinents eine neue und friedliche Epoche einleiten würden. So prognostizierte der liberale Publizist Andrew Ure, ein ehemaliger Militärarzt und Chemiker von etwas anrüchigem Ruf, der durch seine Experimente mit den Leichen Hingerichteter bekannt geworden war, in seiner seit 1835 mehrfach aufgelegten Enzyklopädie des britischen Fabrik- und Minenwesens, dass sich Kriege in Zukunft kaum mehr lohnen würden. Statt Schwerter und Musketen zu produzieren, kämen die zivilisierten Völker Europas schon bald zu der Einsicht, zukünftig in Fabriken, Dampfschiffe und Eisenbahnen zu investieren, um ihre alten Rivalitäten fortan nur noch auf unblutigem Wege, aber gleichwohl nicht weniger intensiv auszutragen. Die Ambivalenz seiner Prophezeiung war allerdings kaum zu übersehen, denn eine gänzlich der Wirtschaft unterworfene Welt musste nicht unbedingt friedlicher sein, wie der spätere Wettlauf der europäischen Mächte um neue koloniale Absatzgebiete zeigen sollte.
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Im Rausch dieses hoffnungsfrohen Pazifismus, der mit seinem visionärem Pathos die zahllosen Kolonialkonflikte Großbritanniens gegen Nichteuropäer in Burma, China und Afghanistan glänzend auszublenden verstand, musste der Pavillon der damals noch kaum bekannten Firma des Essener Unternehmers Alfred Krupp wie ein düsterer Kontrapunkt wirken. Gleichwohl fand das martialische Ensemble aus einer polierten Gussstahlkanone und den beiden davor drapierten blitzenden Offizierkürassen auch viel Zuspruch, und die Illustrated London News schwärmte später sogar von der „schönen Stahlkanone“. Doch es war nicht allein die militärkritische Haltung der Initiatoren der Ausstellung, die das stählerne Geschütz im Londoner Crystal Palace beinahe zu einem Einzelfall machte. Die Entwicklung und Produktion fortschrittlicher Militärtechnik traf im Mutterland der Industrialisierung nicht nur auf ideologische Vorbehalte, sie schien vor allem auch kein lohnendes Geschäft. Obwohl die Industrialisierung schon seit den 1780er Jahren eine beachtliche Reihe technischer Wunderwerke hervorgebracht hatte, agierten die Armeebehörden der meisten europäischen Großmächte gegenüber Neuerungen eher zurückhaltend. Daran war freilich nicht allein der politische Konservatismus vieler Entscheidungsträger schuld. Auch die durchaus berechtigte Sorge vor den immensen Kosten, die für die lange Entwicklung militärischer Innovationen bis zur Feldbrauchbarkeit aufgebracht werden mussten, erwies sich als Hemmnis.
Skeptische Militärbürokratien
Freilich hatte bereits 80 Jahre zuvor in Frankreich Étienne-François de Choiseul, Staatsminister für das Kriegswesen, eine erstaunliche Experimentierfreude bewiesen, als er im Jahre 1769 den Artillerieoffizier Nicolas Joseph Cugnot beauftragte, eine dampfbetriebene Zugmaschine für Artilleriegeschütze zu entwickeln. Tatsächlich schaffte es Cugnot, einen funktionierenden Prototyp zu konstruieren, der jedoch an seiner mangelnden Lenkbarkeit scheiterte und einmal sogar eine Kasernenmauer rammte. Die Versuche mit dem etwa sieben Meter langen Gefährt wurden bereits 1771 wieder eingestellt, da sich die verwendete Dampfmaschine noch als zu schwer und mit ihrer auf das Vorderrad wirkenden Last als zu ungünstig platziert erwiesen hatte. Gleichwohl zeigte sich König Ludwig XV. von der Technik beeindruckt und verfügte, dass Cugnot eine jährlich auszuzahlende Gratifikation erhalten sollte. Seine Erfindung ließen die Militärbehörden jedoch vorerst im Arsenal von Vincennes verschwinden. Zu neuerlichen Versuchen ist es auch dann nicht mehr gekommen, als etwa 30 Jahre später stark verbesserte und leichtere Dampfmaschinen zur Verfügung standen.
Bis zur Entwicklung einer funktionsfähigen Gleiskettezu Beginn des 20. Jahrhunderts blieben Cugnots Gefährt und ähnliche Entwürfe für Zugmaschinen oder automobile Kampffahrzeuge reine Zukunftsmusik. Hinzu kam, dass Vorschläge wie der des vermögenden Philanthropen James Cowen zum Bau eines kanonenbestückten Landkreuzers auf starke moralische Bedenken von Politikern stießen. Lord Palmerston, das Urgestein der britischen Politik und mehrfacher Premierminister, empfand eine derartige Kriegführung als unwürdig für eine zivilisierte Nation. Nüchterner urteilende Militärs befanden schlicht, dass Pferde auch im heraufziehenden Maschinenzeitalter in unebenem Gelände und unter Gefechtsbedingungen trotz ihrer unbestreitbaren Nachteile bei Fütterung und Pflege als Fortbewegungs- und Zugmittel immer noch unverzichtbar waren.
Ebenso naheliegend und verführerisch wie die Idee, die neuartige Dampfkraft zum Antrieb von Militärfahrzeugen einzusetzen und damit nach Jahrtausenden technischer Stagnation das Pferd endlich durch eine zuverlässige Zugmaschine zu ersetzen, war die Hoffnung vieler ambitionierter Konstrukteure, mit ihrer Hilfe die Feuerkraft der Schusswaffen entscheidend zu verbessern. Seit den Tagen des Dreißigjährigen Krieges hatten sich die Armeen Europas mit primitiven und seither kaum verbesserten Vorderladern bekämpft, aus deren glatten Läufen bestenfalls zwei Projektile in der Minute abgefeuert werden konnten. Deren Wirkung und Treffgenauigkeit nahmen jedoch schon nach 50 Metern deutlich ab, selbst wenn der Schütze alles richtig gemacht hatte. Militärischen Fachleuten war es durchaus bekannt, dass die wenigsten Opfer in den Schlachten Napoleons durch Schusswaffen ums Leben gekommen waren.
Doch erst gegen Ende der Revolutionskriege, als im Frühjahr 1814 die Armeen Preußens, Russlands und Österreichs bereits auf Paris marschierten, soll es dem französischen General Jean-Baptiste Girard gelungen sein, mit seinen Dampfbatterien zur Verteidigung der bedrohten Hauptstadt einen völlig neuen Weg in der Schusswaffentechnik einzuschlagen. Sechs miteinander verbundene Gewehrläufe, die von einem einzigen Kessel bestückt wurden, waren bei vorangegangenen Versuchen in der Lage gewesen, mittels der Dampfkraft bis zu 180 Schuss in der Minute abzugeben. Zu einem Kriegseinsatz des verheißungsvollen Geschützes kam es jedoch nicht mehr, da Napoleons Marschälle ohne Kampf kapitulierten und Paris hinter dem Rücken ihres Kaisers den Alliierten übergaben. Immerhin blieb noch Zeit genug, Girards Wunderwaffen vor dem Einmarsch der gegnerischen Armeen zu zerstören, doch seine Idee war damit nicht gestorben.
Zehn Jahre nach dem Sturz des Korsen experimentierte der aus Neuengland stammende Jacob Perkins, ein erfinderisches Multitalent, das sich zuvor mit Kühlschränken und Dampfheizungsanlagen beschäftigt hatte, in Großbritannien mit derselben Technik dampfgetriebener Projektile. Während einer Vorführung, der 1825 immerhin auch der Herzog von Wellington und einige hohe britische Artillerieoffiziere beiwohnten, zeigte sich sein Geschütz in derLage, mehr als 400 Schuss in der Minute abzufeuern, wobei eine Eisenplatte von sechs Millimetern Stärke auf etwa 35 Meter Distanz mühelos durchschlagen wurde. Mit verhaltenem Optimismus vermerkte der Herausgeber des Londoner Courier, dass diese bewundernswürdige Mischung aus menschlicher Genialität und maschineller Zerstörungskraft eine Epoche universellen Friedens einleiten müsse, da keine Nation die durch diese Erfindung drohenden Verluste an Menschenleben ertragen könne. Obwohl Wellington, der erfolgreiche Feldherr in Spanien und gefeierter Sieger in der Schlacht von Waterloo, nach der Vorführung gemeint haben soll, ein Land, das durch solche Artillerie verteidigt werde, könne nie erobert werden, wurde das Projekt von der zuständigen Army Ordnance nicht weiterverfolgt. Die Regierung zeige eine „lobenswerte Ängstlichkeit“, sich dieser furchtbaren Anwendung des Dampfes zu bemächtigen, hieß es ein Jahr später im Glasgow Mechanics Magazine. Man könne aber ganz beruhigt sein, dass diese Erfindung dem Vaterland nicht verloren gehe. Offenbar stuften Politiker wie Militärs Perkins’ Dampfkanone als eine ungeheuerliche Waffe ein, von der England nur im äußersten Notfall Gebrauch machen würde. Der Feldherr Wellington wiederum dürfte offenbar auch ihre umstürzenden Folgen für die bisherige Taktik der Infanterie, in dichten Kolonnen zu kämpfen, bedacht haben. Eine aufgelockerte Gefechtstaktik mit höherer Verantwortung der unteren Dienstgrade würde unweigerlich das traditionelle Gefüge der britischen Armee infrage gestellt haben.
Ernsthafter als ihre britischen Rivalen befassten sich offenbar die Franzosen mit Perkins’ Wunderwaffe. Offizielle Versuche der Armee in Vincennes führten allerdings drei Jahre später zu einer gewissen Ernüchterung unter den Beobachtern. Die Waffe erschien den Militärs trotz ihres geringen Energieverbrauchs als zu kompliziert, um unter Feldbedingungen verwendet werden zu können, und zudem erfüllte die Durchschlagsleistung einer Geschützversion, die während der Vorführung vierpfündige Bleikugeln verschoss, bei weitem nicht die hochgesteckten Erwartungen. Gleichwohl experimentierte Perkins noch jahrelang weiter mit seiner Waffe, und der damals viel rezipierte Militärschriftsteller Antoine- Henri Baron Jomini zeigte sich 1836 zuversichtlich, dass dessen Dampfgeschütz wie auch die Raketen des britischen Artillerieoffiziers William Congreve die Zukunft des Krieges entscheidend prägen würden. Das sollte sich freilich als gründliche Fehleinschätzung des Schweizer Offiziers erweisen. Zwar näherten sich die militärischen Mittel der Zerstörung, wie er schrieb, mit beängstigender Geschwindigkeit ihrer Perfektion, die wesentlichen Fortschritte der Waffentechnik seiner Zeit vollzogen sich dann aber doch in eher konventionellen Bahnen. Auch wenn die Armeen Österreichs und Frankreichs zeitweise ihre Armeekorps mit je einer Batterie der in der Schlacht bei Leipzig 1813 so eindrucksvoll in Erscheinung getretenen Congreve’schen Raketengeschosse ausgestattet hatten, blieb es dank rascher Fortschritte in der traditionellen Geschütztechnik nach 1850 bei diesen zaghaften Ansätzen. Selbst in ihrer später von William Hale verbesserten Version spielten Congreves Raketen nur noch ein Nebendasein auf einigen kolonialen Kriegsschauplätzen und verschwanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts völlig aus den militärischen Arsenalen.
Die ausgeprägte Zurückhaltung britischer Militärbehörden bei der Förderung und Übernahme waffentechnischer Innovationen hatte der Vater der Raketen, William Congreve, schon 1827 beklagt. Es sei ein bemerkenswerter Umstand, dass die Macht der Rakete auf dem Kontinent höher geschätzt werde als in diesem Land. Kaum mehr Erfolg war seinem Landsmann Henry Shrapnel mit dessen gleichnamigen Streugeschoss beschieden, das dank einer verzögerten Zündung mit seiner Ladung aus Bleikugeln ganze Infanteriekolonnen auf weite Distanz dezimieren konnte und damit eine entscheidende Verbesserung gegenüber den bisher verwendeten Kanisterladungen bedeutete. Nach den Friedenschlüssen von 1814/15 wurde Shrapnels Entwicklung, die Wellington offenbar ebenso wenig schätzte wie Congreves Raketen, unter strenge Geheimhaltung genommen. Auch mit dem Vorschlag eines gewissen Henry Bessemers vermochte die allmächtige Army Ordnance offenbar nichts anzufangen. Bei Ausbruch des Krimkriegs im Frühjahr 1854 hatte der spätere Erfinder des Konverters zum Frischen von Eisen der hohen Militärbehörde vergeblich vorgeschlagen, eine konisch geformte Artilleriegranate mit spiralförmig gefrästen Führungsrillen zu verwenden, sodass auch in Glattrohrgeschützen durch die am Geschoss vorbeiströmenden Pulvergase eine stabilisierende Rotation erzeugt werden konnte. In Versuchen hatte sich das verfügbare Geschützmaterial den hohen Belastung nicht gewachsen gezeigt.
Das Offizierkorps Ihrer Majestät, dessen führende Vertreter noch unter Wellington in Spanien und Belgien gekämpft hatten, zeigte sich grundsätzlich misstrauisch gegenüber weitreichenden Waffen. Taktiker betrachteten sie allenfalls als Hilfsmittel auf dem Gefechtsfeld. Stattdessen bevorzugten hohe Offiziere wie Sir Charles Napier oder der Marquess of Anglesey immer noch den Nahkampf mit dem Bajonett, da er nach ihrer Überzeugung den Angriffsgeist stärkte und den Mut der Soldaten festigte. Die Fähigkeit einer Truppe, dem physischen Schock einer unmittelbaren Konfrontation mit dem Feind standzuhalten, galt nicht nur in Großbritanniens Armee nach wie vor als entscheidendes Qualitätsmerkmal.
Vorsichtige Modernisierung im Vorfeld des Krimkriegs. Neue Infanteriewaffen
Immerhin rang sich das britische Kriegsministerium 1839 dazu durch, das neue Perkussionsgewehr mit seinem gegenüber den alten Steinschlossmusketen weitaus zuverlässigeren Zündmechanismus für die gesamte Armee einzuführen. Dagegen fand das von dem britischen Hauptmann John Norton schon in den 1830er Jahren entwickelte konisch-zylindrische Gewehrprojektil erst nach einem Umweg über Frankreich als sogenanntes Miniégeschoss 1851 Eingangin die britischen Arsenale der Armee. Fraglos hatte die Machtergreifung von Louis Bonaparte, einem Neffen des legendären Korsen, auch die britische Generalität alarmiert, wo man der französischen Armee keinesfalls den Vorteil einer höchst zuverlässigen und weitreichenden neuen Infanteriewaffe allein überlassen wollte. Da die neuartige Hohlraumpatrone des französischen Hauptmanns Claude-Étienne Minié erst durch den Zündvorgang ihr volles Kaliber erhielt, ließ sie sich auch problemlos in Vorderladermusketen einführen, in deren Läufe man Züge und Felder zur Drallstabilisierung der Geschosse eingefräst hatte. Derartige Läufe waren schon lange für Jagdwaffen verwendet worden, wo es auf den gezielten Einzelschuss ankam und die Dauer des Ladevorganges nur eine geringe Rolle spielte. Jetzt aber ermöglichte das Miniégewehr auch der Infanterie im Gefecht ein gezieltes Feuer auf mehr als 700 Meter Distanz, ohne dass sich ihr Ladeaufwand erhöhte. Eine völlig neu errichtete Gewehrfabrik in Enfield revolutionierte zudem seit 1852 die englische Produktion von Handfeuerwaffen. Mithilfe amerikanischer Werkzeugmaschinen waren britische Büchsenmacher nun in der Lage, sämtliche Einzelteile so präzise herzustellen, dass sie erstmals vollkommen austauschbar waren und in jedes andere Gewehr derselben Modellreihe passten. Seit Enfield hatte das Fabrikzeitalter somit auch in der Waffenproduktion Einzug gehalten. Die taktischen Ansichten der britischen Heeresleitung aber verharrten vorerst noch auf der Stelle, eine gründliche Ausbildung der Truppe im Feuerkampf auf Distanz hatte man offenbar nicht in Betracht gezogen. So blieb es schließlich der Gardeinfanterie überlassen, in der Eröffnungsschlacht gegen die Russen an der Alma die Befehle ihrer Offiziere zum Bajonettangriff zu ignorieren und ihre Gewehre schon auf weite Distanz mit erstaunlicher Wirkung gegen den Feind einzusetzen.
Kaum zwei Jahre waren seit dem folgenreichen Entschluss zur Einführung des Miniégewehrs vergangen, als im Orient ein neuer Krieg zwischen der Türkei und Russland ausbrach. Offiziell beanspruchte Zar Nikolaus I., der Enkel der Zarin und Türkenbezwingerin Katharina, das Schutzrecht über alle christlichen Untertanen des Sultans. Insgeheim aber hoffte er, aus der Erbmasse des zerfallenden Osmanischen Reichs die alte Kaiserstadt Konstantinopel mit der wichtigen Dardanellenpassage an sich zu reißen. Russland hatte zwar seinen Ruf als despotischer und rückständiger Koloss des Ostens schon allein dadurch bestätigt, dass es auf der Londoner Weltausstellung mit keinem einzigen industriellen Produkt vertreten gewesen war, doch seine Schwarzmeerflotte verfügte immerhin schon über die von dem Franzosen Henri Joseph Paixhans drei Jahrzehnte zuvor entwickelte Bombenkanone. Nur einen Monat nach der Kriegserklärung des Sultans an Russland hatte am 30. November 1853 ein russisches Geschwader unter Admiral Pawel Nachimov in nur wenigen Minuten die türkische Schwarzmeerflotte im Hafen von Sinope zerstört und damit ein neues Zeitalter der Seekriegsführung eingeleitet. Mit ihren mörderischen Sprenggeschossen pulverisierten die russischen Artilleristen mühelos die hölzernen Schiffsrümpfe ihrer türkischen Gegner. Eine einzige Fregatte konnte dem Inferno entkommen. Die Empörung des feinsinnigen Publikums in London und Paris war groß, und nur innerhalb eines halben Jahres eskalierte der Streit zwischen Sultan und Zar durch den Kriegseintritt Frankreichs und Großbritanniens an der Seite der muslimischen Türken zum ersten Konflikt der europäischen Großmächte seit der Schlacht von Waterloo. Am 12. September 1854 landeten etwa 50 000 Briten und Franzosen bei Eupatoria auf der Krim und rückten nach einer ersten siegreichen Schlacht am Fluss Alma auf die Seefestung Sewastopol vor, die nach elfmonatiger Belagerung und dem Verlust der Malakoff-Schanze von den russischen Truppen geräumt werden musste. Obwohl es auch in der Ostsee und im Fernen Osten zu Kämpfen gekommen war, blieb doch die Schwarzmeerhalbinsel der Hauptkriegsschauplatz. Nach dem Fall von Sewastopol kamen die militärischen Operationen jedoch zum Erliegen. Das Zweite Kaiserreich hatte seinen erhofften Prestigegewinn, Großbritannien sah die Dardanellen dauerhaft für russische Kriegsschiffe gesperrt, und Russland war zu schwach, um dem Geschehen noch eine Wende zu geben.
Revolutionierung des Seekrieges. Abschied von Segel und Holz
Schon die ungleiche Schlacht von Sinope hatte innerhalb nur weniger Stunden sämtliche weltweit noch im Dienst befindlichen hölzernen Kriegsschiffe wertlos gemacht. Obwohl General Paixhans’ Entwicklung damals schon lange bekannt gewesen war, setzte erst nach dem blutigen Exempel von Sinope, das 2700 türkischen Seeleuten das Leben gekostet hatte, unter allen Marinefachleuten ein hektisches Umdenken ein. Dampfgetriebene Schiffe mit eisernen Rümpfen wie die Great Western waren in den europäischen Handelsflotten zwar schon vereinzelt in Betrieb gewesen, doch die Marinestrategen in Frankreich und Großbritannien, den beiden damals größten Seemächten, hatten weiterhin auf hölzerne Segelschiffe gesetzt. Allerdings war man immerhin so weit gegangen, sie mit zusätzlichen dampfbetriebenen Schaufelrädern auszustatten, um sie wenigstens im Gefecht beweglicher zu machen. Seit dem Stapellauf der Agamemnon im Jahre 1849 wurden zudem alle weiteren Neubauten der britischen Marine mit einer unter Wasser liegenden Schiffsschraube versehen, die auch bei schwerer See zuverlässig arbeitete und zudem wieder mehr Platz für Geschütze ließ. Doch auch dieser Entwicklungsschritt, den die russische Marine damals noch nicht vollzogen hatte, fußte noch immer auf dem alten Kompromiss zwischen Segel- und Dampfantrieb. Ausschließlich durch Dampf angetriebene Kriegsschiffe hätten zwar gepanzert werden können, mussten aber zu viel Kohle bunkern und deswegen auf Teile ihrer Bewaffnung verzichten. Bei der Lösung des Problems halfen erst leistungsfähigere und genügsamere Dampfmaschinen wie etwa die Verbundmaschine, die allerdings erst 1854 auf einem Schiff installiert wurde. Vor allem aber benötigten die Marinen wirksamere Schiffsgeschütze, die trotz reduzierter Zahl nicht zu Abstrichen in der Gesamtfeuerkraft des Schiffes führten.
Zwar dominierten die Schraubenschiffe der anglofranzösischen Flotte seit ihrer Passage durch die Dardanellen das gesamte Schwarze Meer und zwangen den russischen Gegner, in den sicheren Häfen zu verbleiben, doch im Duell mit landgestützten Batterien erwiesen sie sich als eindeutig unterlegen. So endete die sechsstündige Beschießung der Festung Sewastopol am 17. Oktober 1854 mit erheblichen Beschädigungen der alliierten Schiffe, und der verlustreiche Tag erschütterte nachhaltig den Ruf der Unwiderstehlichkeit der britischen Flotte. Weitere Versuche einer Beschießung von See unterblieben daher, und die russische Seefestung musste schließlich nach einer mühsamen Belagerung von 328 Tagen von der Landseite genommen werden.
Auf das strategische Patt im Schwarzen Meer reagierten die Franzosen schneller als ihre britischen Alliierten und entwickelten in aller Eile mehrere völlig gepanzerte Geschützträger, sogenannte batteries flottantes mit jeweils elf schweren Geschützen, die allerdings wegen ihrer geringen navigatorischen Fähigkeiten von anderen Schiffen in ihre Position gezogen werden mussten. Bei der Beschießung der Festung Kinburn auf der gleichnamigen ukrainischen Halbinsel im Oktober 1855 brachten aber die fast 1500 Tonnen schweren Ungetüme die russischen Batterien in weniger als zwei Stunden zum Schweigen und beeindruckten damit die gesamte Fachwelt. Der Bau ausschließlich dampfbetriebener Panzerkolosse schien nun keine Utopie mehr und wurde dann auch drei Jahre nach dem Friedensschluss von Paris realisiert, der im Frühjahr 1856 – zum Ärger Großbritanniens – das Zweite Kaiserreich als neue Hegemonialmacht Europas bestätigt hatte. Als Kernstück eines großen französischen Flottenprogramms lief 1859 mit der Gloire der erste Panzerkreuzer der Welt vom Stapel. Trotz ihres stählernen Rumpfes von bis zu zwölf Zentimetern Stärke erreichte das mit sechs Geschützen vom Kaliber 24 Zentimeter sowie zwei 16 Zentimeter Kanonen bestückte Schiff eine Höchstgeschwindigkeit von immerhin 13 Knoten.
Die nur wenig später fertiggestellte britische Kopie der französischen Pioniertat erhielt den Namen Warrior, besaß aber immer noch eine zusätzliche Besegelung. Obwohl ihre Baukosten gegenüber einem konventionellen hölzernen Dreidecker beinahe um die Hälfte höher lagen, genehmigte das sparsame Parlament der Marine bis 1862 acht weitere Schwesterschiffe derselben Bauart. Damit hatte ein neues, von Panzerschiffen bestimmtes Flottenzeitalter eingesetzt, und die Lehren aus dem Krimkrieg ließen innerhalb kürzester Zeit die meisten Segelkriegsschiffe von den Weltmeeren verschwinden. Anders als der im April 1861 ausbrechende Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten war der sogenannte Krimkrieg allerdings noch kein industrialisierter Konflikt gewesen. Bezeichnenderweise benötigte die ökonomische Supermacht Großbritannien, obwohl mit dem gleichfalls fortschrittlichen Frankreich verbündet, entgegen den vollmundigen Prognosen der Londoner Presse mehr als zwei Jahre, um gegen das hoffnungslos rückständige Zarenreich wenigstens einen halben Sieg zu erzielen. Die technischen Errungenschaften der industriellen Revolution waren auf der Krim erst ansatzweise zum Einsatz gekommen und ohne entscheidenden Einfluss auf das Kampfgeschehen geblieben. Zwar waren die Franzosen 1854 erstmals in großer Truppenzahl mit der Eisenbahn zu ihren Einschiffungshäfen in Marseille und Toulon marschiert, und allein die Dampfschiffe hatten sich als zuverlässige Transportmittel für den alliierten Nachschub über See erwiesen, doch die russischen Stellungen vor Sewastopol mussten in klassischer Manier durch einen monatelangen Belagerungskrieg bezwungen werden. Für einen Paradigmenwechsel sorgte der Krimkrieg jedoch in seiner Wahrnehmung durch das ferne Publikum.
Erstmals ermöglichte die noch junge Telegraphie eine rasche Übermittlung von Nachrichten vom Kriegsschauplatz in die heimischen Hauptstädte, und mit den Kriegskorrespondenten entstand eine neue Kategorie des Journalismus. Hatte erst 40 Jahre zuvor nach der Schlacht von Waterloo Wellingtons Siegesbotschaft an Kriegsminister Lord Bathurst wegen einer Flaute im Kanal noch drei Tage in das nur 300 Kilometer entfernte London benötigt, rückten inzwischen dank eines ständig dichter werdenden Netzes von Telegraphenleitungen die täglichen Meldungen von der Krim dem Publikum in London und Paris den Krieg direkt vor die Haustür. Die ungeschminkten Lageschilderungen des Korrespondenten der London Times, William Howard Russell, bewirkten im Frühjahr 1855 sogar den Sturz der Regierung von Premierminister Lord Aberdeen. Auch die Militärs vor Ort taten sich schwer, in der neuen Technik einen Segen zu sehen. Die ständigen Versuche der unter dem Druck der heimischen Presse stehenden Regierungen in London und Paris, ihre Generale auf der Krim mit einer Flut wohlmeinender Ratschläge zu bevormunden, hatten jedenfalls für erhebliche Missstimmung in den militärischen Stäben gesorgt. Helmuth von Moltke, der Chef des Generalstabs der preußischen Armee, prägte später sogar das Bild eines neuen Oberbefehlshabers im technischen Zeitalter, dem jetzt wie einer Marionette die Kabel aus der Hauptstadt am Rücken befestigt seien.
Gleichwohl wuchs das Bedürfnis der Generalität nach technischen Verbesserungen nach dem Ende der Kampfhandlungen rapide an. Selbst am Krieg unbeteiligte Mächte wie Preußen rüsteten in den Folgejahren massiv auf, und 1861 konnte Alfred Krupp ein lang ersehntes Geschäft mit Kriegsminister Albrecht von Roon abschließen. Die Essener Stahlschmiede lieferte der Armee die ersten 300 modernen Gussstahlgeschütze. In den militärischen Konflikten der kriegerischen Dekade zwischen 1861 und 1871 kam bereits ein beachtliches Arsenal neuartiger und mörderischer Waffen wie Hinterladergewehre und stählerne Geschütze mit gezogenen Läufen zum Einsatz. Große Truppentransporte auf einem rasant wachsenden Eisenbahnnetz und die telegraphische Nachrichtenübermittlung führten überdies zu einer Beschleunigung der Operationen, die nur noch mit wachsenden Stäben zu kontrollieren waren. Es entstand ein neues Kriegsbild, zu dem der Krieg auf der fernen Krim immerhin den entscheidenden Anstoß gegeben hatte.
Autor: Dr. Klaus Jürgen Bremm
Jahrgang 1958, ist Experte für Technik- und Militärgeschichte. Zu seinen Veröffentlichungen gehören erfolgreiche Bücher über die Industrialisierung, die deutschen Einigungskriege, aber auch über den Siebenjährigen Krieg und die Türkenkriege. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Normandie 1944“.
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