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Der ewige Verlierer
Am 4. September 1970 gewann Salvador Allende, Kandidat der vereinigten Linken, die chilenischen Präsidentschaftswahlen. Doch im Hintergrund wurde bereits sein Sturz betrieben – Drahtzieher waren die USA.
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Eher zurückhaltend verkündeten die US-amerikanischen Zeitungen das Ergebnis der chilenischen Präsidentschaftswahlen: „Marxist hat knappen Vorsprung in Chile-Wahl“, titelte die „Washington Post“ am Morgen des 5. September 1970. Auf der anderen Seite des Atlantiks war man da schon deutlicher: „Neues Kuba in Chile?“, fragte die Wochenzeitung „Die Zeit“.
Nie zuvor hatte ein kommunistischer Kandidat in einer freien Wahl triumphiert. Und diese Sensation war nicht in irgendeinem Land gelungen: Im Gegensatz zu anderen Ländern Lateinamerikas galt Chile nicht als „Bananenrepublik“, sondern als stabile und gefestigte Demokratie mit einer starken Zivilgesellschaft. Es war eben kein „neues Kuba“.
Der Arzt Dr. Salvador Allende galt bis dahin als der ewige Verlierer der Präsidentschaftswahlen. 1952 war er nur auf dem vierten Platz gelandet, 1958 dem konservativen Kandidaten Jorge Alessandri unterlegen, 1964 seinem Jugendfreund Eduardo Frei von den Christdemokraten. Doch die linken Parteien hatten sich ein weiteres Mal zu einer Einheitsfront zusammengerauft, hatten zusammengehalten, und der mittlerweile 62-jährige Allende hatte es tatsächlich geschafft: Im vierten Anlauf entschied er die Präsidentschaftswahlen für sich.
Allende, Taufname: Salvador Isabelino del Sagrado Corazón de Jesús Allende Gossens (1908 –1973), war kein typischer Revolutionär. Schon sein langer Name weist auf seine Herkunft aus gutem Haus hin. Er war Freimaurer und Lebemann, galt als Salonrevoluzzer und Frauenheld, als ironisch und arrogant. Der US-Botschafter in Chile, Edward Korry, war verblüfft, als er ihm auf einem Segeltörn zum ersten Mal begegnete: „Er sah aus wie einer von den reichen, alten Leuten, den Vanderbilts in Amerika. Ich konnte nicht glauben, dass dies Allende war. Er war wunderbar elegant, und natürlich war seine Jacht eine der schönsten.“
Trotz seines Wohlstandes lagen die Wurzeln von Allendes sozialistischer Gesinnung in seiner Familie. Sein Großvater Ramón Allende Padín (1845 –1884) war bekannt als „Roter Allende“ und Begründer der Radikalen Partei. Schon während des Medizinstudiums zeigte sich das politische Talent seines Enkels. Salvador stieg zum Vizepräsidenten der Studentenvereinigung und zum Mitglied des Universitätsrates auf. 1933 wurde er, frisch promoviert, Gründungsmitglied der Sozialistischen Partei und 1939 im Alter von 31 Jahren der jüngste Minister in der Geschichte Chiles. Lange hielt die linke Regierung dieser Tage jedoch nicht. Das Bündnis aus Sozialisten und Kommunisten, Radikalen und Anarchisten, Linkssozialen und Falangisten zerbrach nach wenigen Jahren. Allende trat 1942 zurück.
Bei den folgenden Wahlen traten immer wieder Bündnisse linker Parteien mit Allende an der Spitze an. Es zeigte sich, dass Allende die integrative Kraft besaß, die verschiedenen Fraktionen im linken Lager zu einen. Es gelang jedoch nie, die Macht zurückzuerobern. Nach der dritten Wahlniederlage schien es, als sei es Allende beschieden, als ewiger Verlierer in die Geschichte einzugehen. Er selbst kommentierte: „Wenn ich sterbe, wird man auf mein Grab einen Stein setzen, auf dem geschrieben steht: Hier ruht Salvador Allende – der künftige Präsident Chiles“.
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Dennoch kam der Wahlsieg Allendes 1970 nicht für jeden Beobachter überraschend. Bereits im Januar 1969 gelangte die CIA, Auslandsgeheimdienst der USA, zur Einschätzung, dass ein gemeinsamer Kandidat der linken Parteien bei der Präsidentschaftswahl 1970 gute Chancen haben würde. Der seit 1964 regierende Amtsinhaber Eduardo Frei sei mittelmäßig, und die wirtschaftliche Lage des Landes verspreche keine Aussicht auf Besserung. Das Papier riet jedoch dazu, Freis Christdemokraten weiter zu unterstützen, seien diese doch am ehesten bereit, die US-Interessen beim Kupferabbau zu schützen.
Kupfer machte zu dieser Zeit rund 75 Prozent der chilenischen Exporte aus. Der Abbau lag fest in den Händen der US-amerikanischen Anaconda Copper Mining Company. Die Nationalisierung des Kupferabbaus war seit Jahren auf der Tagesordnung chilenischer Politik und wurde von allen Parteien unterstützt.
Auch Frei hatte 1964 damit Wahlkampf gemacht. Einmal im Amt, verzichtete er jedoch auf eine vollkommene Verstaatlichung. Er sicherte dem Staat zwar 51 Prozent der Besitzanteile an den Minen, machte aber gleichzeitig Zugeständnisse bei der Besteuerung der Gewinne der ausländischen Investoren. Allende verfolgte ebenfalls das Ziel, wichtige Industrien in Chile zu verstaatlichen und eine Umverteilung zugunsten der ärmeren Schichten vorzunehmen.
Am 24. Juli 1969 trafen sich US-Botschafter Korry und der chilenische Verteidigungsminister General Tulio Marambio zum Lunch. Der General versicherte, dass der Generalstab einen kommunistischen Präsidenten nicht akzeptieren würde. Überzeugen konnte der Offizier den Amerikaner jedoch nicht. In seinem Bericht nach Washington betonte Korry, die chilenische Armee verhalte sich traditionell politisch neutral, eine starke Führungsfigur gebe es aber nicht.
Im Oktober stellte die CIA in ihrem neuesten Lagebericht fest, Präsident Frei sei unter den Militärs wenig beliebt. Die Klagen betrafen hauptsächlich den schlechten Zustand der Armee, den niedrigen Sold, die veraltete und unzureichende Ausrüstung und die schlechte Ausbildung der Soldaten. Als Beschwerdeführer wurde Brigadegeneral Roberto Viaux ausgemacht. Dessen Chancen auf einen Staatsstreich stünden jedoch schlecht, da es ihm an politischer Unterstützung mangele.
Viaux wurde kurz darauf unfreiwillig in den Ruhestand versetzt. Als Reaktion organisierte er Proteste von Soldaten seiner Einheit. Die Unruhen wurden in der chilenischen Öffentlichkeit als von den USA gesteuert wahrgenommen. Die CIA war daraufhin bedacht, unter dem Radar zu bleiben. Keinesfalls durfte der Verdacht einer US-amerikanischen Einmischung in die Wahl aufkommen.
Dabei war eine solche Einmischung Washingtons in die chilenischen Wahlen nicht ohne Vorbild. 1964 hatte die US-Regierung den Wahlkampf des Christdemokraten Frei gegen Allende großzügig unterstützt, und bei den Kongresswahlen im Jahr 1969 hatte das „303 Committee“ des National Security Council, das für verdecke Operationen im Ausland zuständig war, 350 000 Dollar zur Verfügung gestellt, um bestimmten Kandidaten in Chile Parlamentssitze zu verschaffen.
Am 19. Januar 1970 wurde in Washington die Strategie für die kommende Wahl im September besprochen. Drei Kandidaten wurden von den US-Experten Chancen eingeräumt: Radomiro Tomic, von 1964 bis 1968 chilenischer Botschafter in Washington, trat für die regierenden Christdemokraten an, der ehemalige Präsident Jorge Alessandri (1958 –1964) als unabhängiger Kandidat mit Rückendeckung der rechten Nationalpartei und Salvador Allende als gemeinsamer Kandidat der „Unidad Popular“, des Zusammenschlusses von Sozialisten, Kommunisten, Christlicher Linker und kleinerer Linksparteien. Amtsinhaber Frei war die sofortige Wiederwahl gemäß Verfassung untersagt.
US-Botschafter Korry schlug bei diesem Treffen vor, eine mögliche Regierung Allendes als „another Castro government“ zu betrachten und das eigene Handeln danach auszurichten. Als Favorit für die Wahl wurde Jorge Alessandri gesehen, vor Allende und Tomic, dem Kandidaten der schwächelnden Christdemokraten.
Es fiel den Amerikanern jedoch schwer, eine Strategie zu entwickeln. Korry gelangte noch im Frühjahr zu der Auffassung, dass es Alessandri an einem funktionierenden Parteiapparat und einem klaren politischen Programm mangele. Der Christdemokrat Tomic wurde von ihm als noch schwächer eingeschätzt. Daher beschloss man in Washington, gegen Allende zu agieren, ohne einen der anderen Kandidaten zu bevorzugen – und den Dingen ansonsten ihren Lauf zu lassen.
Diese Herangehensweise erwies sich bald als Fehler. Allende wurde immer stärker, beseitigte Gerüchte über eine erlittene Herzattacke mit einem fulminanten Fernsehauftritt und legte in den Umfragen stetig zu. Ein am 16. Juni von CIA-Direktor Richard Helms an den Nationalen Sicherheitsberater Henry Kissinger gesandtes Memorandum belegt die wachsende Nervosität in Washington. Darin heißt es: „Wir in der Agency wollen kein Geld in Alessandris Kampagne stecken, weil seine Organisation so diffus ist, dass wir fürchten, damit keine Wirkung zu erzielen. Auf der anderen Seite erkennen wir, dass Allende ziemlich stark geworden ist, trotz der Gerüchte über einen Herzanfall. Die Agency verfolgt die Sache genau, aber man kann durchaus sagen, dass wir uns in einem Dilemma darüber befinden, welche Vorgehensweise am klügsten ist.“
Zwei Tage darauf, am 18. Juni, bat Botschafter Korry um die Bereitstellung neuer Geldmittel für den Wahlkampf Jorge Alessandris, da ein Wahlsieg Allendes unbedingt verhindert werden müsse. Das Außenministerium zögerte jedoch, die Mittel freizugeben, und bat um genauere Informationen. Korry kabelte zurück: „Wenn er [Allende] die Macht übernimmt, was wäre unsere Antwort an die, die fragen: Was haben wir unternommen?“.
Das „40 Committee“, Nachfolger des „303 Committee“ in der Koordination verdeckter Operationen, stellte daraufhin weitere 750 000 Dollar zur Verfügung. Vor allem sollte die Wahl Allendes durch den chilenischen Kongress verhindert werden, falls kein Kandidat die absolute Mehrheit erringen sollte. In diesem Fall wählten die chilenischen Abgeordneten traditionell den Kandidaten mit den relativ meisten Stimmen zum Präsidenten.
Gleichzeitig begann man sich im Außenministerium Gedanken über die Strategie im Fall der Wahl Allendes zu machen. Am 11. August traf ein neuer Bericht von Botschafter Korry ein. Dieser schätzte die Möglichkeit einer Intervention der Armee als gering ein, da der Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte, General René Schneider, für eine neutrale Haltung des Militärs eintrete („Schneider-Doktrin“). Ein Putsch sei nur denkbar, wenn man Schneider übergehe oder ihn absetze.
Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Am 4. September errang Allende 36,3 Prozent der Stimmen. Jorge Alessandri landete mit 35 Prozent auf Platz zwei, Radomiro Tomic ging mit 27,8 Prozent als Dritter ins Ziel. Der Marxist hatte triumphiert. Am Tag nach der Wahl dankte Salvador Allende seinen „Compañeros“ und kündigte von einer improvisierten Bühne in der Hauptstadt Santiago die Bildung einer „nationalen und revolutionären Volksregierung“ an.
Die Versuche der CIA, die Wahl des Kongresses zu beeinflussen, schlugen fehl: Die Christdemokraten gaben Salvador Allende ihre Stimmen und folgten der Tradition, den relativ stärksten Kandidaten in Amt und Würden zu bringen. Am 24. Oktober 1970 wählte der Kongress Salvador Allende zum neuen Präsidenten Chiles.
Die Weichen für seinen Sturz waren zu diesem Zeitpunkt jedoch schon gestellt. Als am 3. November aus Anlass der Amtseinführung in der Kathedrale von Santiago das „Te Deum“ erklang, war Allendes Messe bereits gelesen.
Am 22. Oktober hatten fünf unbekannte Attentäter an einer Straßenkreuzung in Santiago den Wagen von General René Schneider angegriffen. Sie näherten sich seinem Auto mit Schusswaffen und einem „Gerät, das einem Vorschlaghammer ähnelte“, wie es im Bericht der chilenischen Polizei hieß. Einen Tag nach der Wahl Allendes im Kongress erlag General René Schneider, Oberbefehlshaber der chilenischen Armee, Verfechter der politischen Neutralität des chilenischen Militärs, im Krankenhaus von Santiago seinen schweren Verletzungen.
Als Drahtzieher des Attentats auf General Schneider galt in Chile bald der im Vorjahr entlassene Brigadegeneral Roberto Viaux. Wenige Tage vor dem Angriff auf General Schneider hatten jedoch US-amerikanische Agenten General Camilo Valenzuela, den Kommandeur der Garnison in Santiago, getroffen und ihm Maschinenpistolen, Tränengasgranaten und 50 000 Dollar in bar zukommen lassen.
In einem geheimen Memorandum vom 18. November erklärte die CIA gegenüber US-Präsident Richard Nixon, sowohl mit Viaux als auch mit Valenzuela in Kontakt gestanden zu haben. Man wisse selbst nicht so genau, welcher General für die Ermordung Schneiders verantwortlich sei.
Es sollte noch einige Zeit dauern, ehe die Putschisten im Militär bereit waren. Indes wurde die Regierung Allendes immer turbulenter. In der Folge von Verstaatlichungen, Lohnerhöhungen und Landumverteilungen stiegen Inflation und Arbeitslosigkeit, Linke und Antikommunisten standen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. In einem letzten innenpolitischen Versöhnungsversuch nahm Allende im August 1973 die vier Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte als Minister in seine Regierung auf. Es war zu spät. Am 11. September 1973 putschte die Armee unter ihrem neuen Oberbefehlshaber Augusto Pinochet.
Militärfahrzeuge fuhren durch die Straßen Santiagos. Der Präsidentenpalast wurde aus der Luft bombardiert. Am frühen Nachmittag begann die Erstürmung des Gebäudes. Salvador Allende zog sich in den „Saal der Unabhängigkeit“ zurück und beging Selbstmord.
Autor: Felix Melching
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