Detlef Siegfried untersucht in seinem gut lesbaren und anregenden Buch “Der Fliegerblick” die Entwicklung der Junkerswerke in der Zwischenkriegszeit. Junkers hatte sich in dieser Zeit zu einem der führenden Flugzeugwerke entwickelt, das wiederholt mit Innovationen in der Luftfahrttechnik auf sich aufmerksam machte. Zugleich war der Konzern eine Schnittstelle von technischer und künstlerischer Moderne mit hoher politischer Symbolkraft. Auf der einen Seite ging es darum, Deutschland nach dem demütigenden Versailler Vertrag rasch zu neuer Größe zu bringen. Hier bot sich die zivile Luftfahrt an, denn die friedliche Beherrschung des Luftraumes war Deutschland nicht verboten. Mit den silberglänzenden Junkersmaschinen und der stolzen Luft-Hansa sollte die Erneuerung der Nation beginnen. Während der Weimarer Republik sahen vor allem die Militärs eine Möglichkeit, auf diesem Wege auch die militärische Lufthoheit vorzubereiten. Zugleich ließ der “Fliegerblick”, der Blick von oben aus dem Flugzeug, die Strukturen menschlichen Zusammenlebens überschaubar werden, die der Erdenblick bislang als chaotisch und irrational wahrgenommen hatte. Zahllose Probleme schienen plötzlich lesbar zu werden. So verband sich mit dem Flugzeug eine Mischung aus militärischen und zivilen Hoffnungen. Auf der anderen Seite heuerte im Laufe der 20er Jahre eine Gruppe expressionistischer Künstler mit kommunistischem Hintergrund bei Junkers an, Peter Drömmer, Adolf Dethmann, Richard Blunck, Heinrich Ehmsen und andere. Ihre Utopie einer kommunistischen Revolution hatte sich zerschlagen, nicht aber der Wille, die Gesellschaft zu verändern. Sie verschmolzen die neue Sachlichkeit der Technik mit ihrem gesellschaftlichen Avantgardismus zum Traum einer durch Technologie egalisierten Gesellschaft: “Die Technologie kennt kein Klassenbewußtsein. Jeder kann Herr über die Maschine sein oder ihr Sklave. Hier liegt die Wurzel des Sozialismus, die endgültige Vernichtung des Feudalismus.” (László Moholy-Nagy) Inbegriff des egalitären Prinzips war ihnen die hochmoderne Gestalt der Junkersmaschinen. In der Zentrale in Dessau entwickelte sich eine anregende, wenn auch nicht immer unproblematische Zusammenarbeit zwischen dem Patriarchen des Konzerns, Hugo Junkers, der Gruppe um Drömmer und sogar dem Bauhaus. Die linksradikalen Künstler gewannen in der Produktentwicklung an Einfluß und konnten Anfang der dreißiger Jahre die “Militärdirektoren”, eine Gruppe von Weltkriegsoffizieren um Hans Sachsenberg, in einem Machkampf verdrängen. Junkers selbst hätte am liebsten nur Innovationen entwickelt, schon die Serienproduktion war ihm lästig. Darin sah sich der Firmenchef nur von seinen linksradikalen Mitarbeitern verstanden. Für die deutsche Nation war der Konzern jedoch symbolisch viel zu stark aufgeladen und politisch zu wichtig; 1933 wurde er daher von den Nationalsozialisten verstaatlicht. Die spannende Verknüpfung von gesellschaftlichen Utopien, künstlerischer Avantgarde, ästhetischer Radikalität, Technikeuphorie und links- wie rechtsradikalen Politikentwürfen arbeitet Siegfried in seinem Buch sehr anschaulich heraus.





