Bereits die lange Zufahrtsstraße versetzt den Besucher in vergangene Zeiten zurück: An Militärposten der Nachkriegsjahre vorbei, erreicht man die „Ordensburg Vogelsang“. Hoch über der Eifel auf einem Plateau gelegen, dominiert das massive Bollwerk die Landschaft. Es braucht einen Moment, sich von dem geschichtsschweren Anblick zu lösen und über das terrassierte Gelände hinweg den Ausblick weit in den Nationalpark Eifel hinein wahrzunehmen.
In dieser Anlage sollte einst der „neue Adel Deutschlands“ heranwachsen und zu überzeugten Nationalsozialisten geformt werden. Nach 1945 diente das Gelände zunächst dem britischen und später dem belgischen Militär. Die Infrastruktur wurde teils weitergenutzt, teils den eigenen Zwecken angepasst.
Als die NSDAP 1933 an die Macht kam, offenbarte sich bald das Personalproblem in den eigenen Reihen. Während Hitler an der Spitze engste Vertraute um sich scharte, fehlte es in den mittleren und unteren Ebenen an qualifiziertem Führungspersonal. Es brauchte Konzepte, um gezielt diese Lücken zu schließen und zuverlässigen Nachwuchs zu fördern. Gleich mehrere Anwärter traten im Kampf um das Bildungssystem auf den Plan. Sie alle erhofften sich eine Beschleunigung der eigenen Parteikarriere.
Das Konzept des Reichsorganisationsleiters Robert Ley setzte sich schließlich durch: An der Spitze eines von unten aufgebauten, parteinahen Auswahlsystems sollten nur die Besten – junge Männer Mitte 20, ausgewählt nach körperlichen, rassischen und ideologischen Kriterien – geschult und auf ihre späteren Pflichten vorbereitet werden.
Vorgesehen war ein vierjähriger Ausbildungsturnus, für den vier (nacheinander zu durchlaufende) Schulungszentren, die „Ordensburgen“, errichtet werden sollten. 1936 begann der Bau der ersten drei Ordensburgen in Krössinsee (Pommern), in Sonthofen (Allgäu) und in Vogelsang (Eifel). Dass keine der Anlagen je fertiggestellt und der Baubeginn der vierten immer wieder verschoben wurde – letztlich also auch nie das Lehrprogramm regulär durchgeführt werden konnte –, ist charakteristisch für dieses braune Prestigeprojekt. Es wurde mit viel Propaganda begonnen und ging später sang- und klanglos unter.
Krössinsee und Sonthofen dienen heute als Kasernen, „Camp Vogelsang“ wurde dagegen 2006 als „Vogelsang IP“ in eine zivile Nutzung überführt. Seither entwickelt sich dort ein vielseitiges Ausstellungs- und Bildungszentrum mit den Schwerpunktthemen Demokratie und Menschenrechte. Die Dauerausstellung „Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“ fokussiert sich auf die historische Aufarbeitung des Standortes. Das interdisziplinäre Projekt (siehe Artikel in Damals 4 –2014) beleuchtet die Nutzungsgeschichte von „Camp Vogelsang“ auch anhand persönlicher Biographien der einstigen „Ordensjunker“.





