Der junge Mann, mittelgroß, blond, blauäugig, reist in Begleitung seiner Mutter. Er ist zwar schon 22 Jahre alt, sieht aber aus wie ein Teenager. In seinem Gepäck hat er einen Kasten voller Spulen und Drähte, den die Zollbeamten zu seinem Entsetzen trotz aller Erklärungen gründlich auseinandernehmen. Doch gerade erst hat es einen Attentatsversuch auf Königin Victoria gegeben, und dieses Paar da kommt aus Italien. Das weckt besonderen Verdacht. Aber schließlich dürfen Signora Annie Marconi und ihr Sohn Guglielmo doch an Land. Man schreibt das Jahr 1896, und beide sind gekommen, um der britischen Admiralität ein neues Signalverfahren zu demonstrieren: die „Telegraphie ohne Drähte“. Denn auch die Schiffe der damals stärksten Seemacht können untereinander nur in Sichtweite kommunizieren: mit Flaggen oder Blinksignalen. Verschiedene Kontakte mit Telegraphie-Experten und Vertretern der Post haben dem jungen Marconi den Weg zur britischen Admiralität geebnet. Im Juli 1896 demonstriert er auf Salisbury Plain, einer großen Ebene unweit von Stonehenge, seine zukunftsweisende Entwicklung. Der Sender steht im „Bungalow“, einer kleinen Hütte. Der Empfänger ist auf einem Fuhrwerk untergebracht. Beim ersten Versuch wird die bescheidene Entfernung von etwas mehr als 100 Metern überbrückt. In weiteren Tests mit entsprechend höheren Antennen, die von Ballons herabhängen, demonstriert Marconi dann jedoch Signalübermittlungen über fast 15 Kilometer. Marine, Fachwelt und Presse sind begeistert, Marconi wird mit Briefen aus aller Welt überschwemmt. Damit ist es mit der Ruhe seines jungen Lebens endgültig vorbei – „La calma della mia vita ebbe allora fine“, wird er später einmal sagen…
Cord Christian Troebst





