Als Willy Brandt an jenem kalten Dezembermorgen seine Unterkunft verließ, wusste er, dass es ein wichtiger Tag werden würde. Seine Reise nach Polen war von höchster politischer Bedeutung. Mit der Unterzeichnung des „Warschauer Vertrags“ sollten 25 Jahre nach Kriegsende die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen normalisiert werden. Doch zuvor stand noch ein anderer Punkt auf der Tagesordnung: der Besuch des „Denkmals der Helden des Ghettos“, das an den Aufstand der Warschauer Juden gegen die deutschen Besatzer im Jahr 1943 erinnerte. Brandt, der als entschiedener Gegner des Nazi-Regimes von 1933 bis 1945 im skandinavischen Exil gelebt hatte, wusste um die historische Bedeutung des Ortes.
In seinen „Erinnerungen“ schrieb er: „Immer wieder bin ich gefragt worden, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht. Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen, und als jene, die der Szene ferngeblieben waren, weil sie ,Neues‘ nicht erwarteten. Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“
Sicher ist: Jene Fotografen, welche den Termin ausließen, verpassten die Gelegenheit für den Schnappschuss ihres Lebens. Das Bild vom knienden deutschen Bundeskanzler beherrschte am nächsten Tag die Titelseiten auf der ganzen Welt und wurde zu einem der berühmtesten Zeugnisse deutscher Nachkriegsgeschichte. In Bronze gegossen, ziert das Bild seit dem Jahr 2000 den Willy-Brandt-Platz in Warschau.
Der eigentliche Anlass von Brandts Reise war innenpolitisch nicht unumstritten. Im „Vertrag über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen“ erkannte die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens an. Konservative Kreise und deutsche Vertriebenenverbände warfen Brandt vor, deutsche Interessen zu verraten. Vor diesem Hintergrund wurde auch der Kniefall als Geste der Unterwerfung zum Teil scharf kritisiert. Die „Berliner Morgenpost“ schrieb in ihrem „Requiem“ betitelten „Nachruf auf die deutschen Ostgebiete“, dass „ungeheuerliches Unrecht“ geschehen sei, Brandt eine Geste „übertriebenen Büßertums“ vollzogen habe, „sieben Jahrhunderte deutscher Pionier- und Kulturleistung jenseits von Oder und Neiße“ damit vergessen seien und der Kanzler die „Rechte der Ostdeutschen auf Heimat und Selbstbestimmung praktisch auf den Müllhaufen“ geworfen habe.
Von anderen Teilen der Medienlandschaft erfuhr Brandt Zustimmung. Im „Spiegel“ kommentierte der Journalist Hermann Schreiber: „Wenn dieser nicht religiöse, für das Verbrechen nicht mitverantwortliche, damals nicht dabei gewesene Mann nun dennoch auf eigenes Betreiben seinen Weg durchs ehemalige Warschauer Ghetto nimmt und dort niederkniet – dann kniet er da also nicht um seinetwillen. Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf.“





