Dies ist einer von 112 aktenkundigen Fällen von Majestätsbeleidigungen beim Salzburger Landgericht, die der Geschichts- und Rechtswissenschaftler Czech für seine im Böhlau-Verlag erschienene Dissertation nutzte, um mehreren Fragen nachzugehen: Wer beleidigte wann, wo, wie und warum den Kaiser Franz Joseph? Wie lauteten die Urteile, und was für Schlüsse kann man daraus ziehen?
Der Untersuchungszeitraum reicht von der Thronbesteigung Franz Josefs 1848 bzw. dem Inkrafttreten des Strafgesetzes 1852 bis zum Ende der Donaumonarchie. Zu diesem Zeitpunkt wurde die strafrechtliche Verfolgung von Majestätsbeleidigungen eingestellt. In der Republik Österreich war der Präsident allen anderen Bürgern rechtlich gleichgestellt, auch was den Schutz vor Beleidigungen anging.
Der Autor beleuchtet das Thema aus sozial-, kultur-, politik- und rechtsgeschichtlicher Perspektive. Nach einer Darstellung der Entwicklung der strafrechtlichen Behandlung von Staatsschutzdelikten werden anhand der erhaltenen Akten des Salzburger Landgerichts Majestätsbeleidigungen im Salzburger Raum untersucht. Es ergibt sich ein recht interessantes Bild: Vor allem Industriearbeiter beleidigten den Kaiser, Tatort des Geschehens war oft das Wirtshaus, da eine gewisse Öffentlichkeit gegeben sein musste, und Beleidigungen fanden oft – nicht gerade überraschend – im Zusammenhang mit Konflikten mit der Obrigkeit statt.
Anhand der gerichtlichen Ahndung von Majestätsbeleidigungen werden auch verschiedene andere Fragestellungen untersucht: Die strenge Strafandrohung erlaubt einen Einblick in das neoabsolutistische Herrschaftsverständnis des Kaisers und seiner Regierungen. Bei der praktischen Anwendung allerdings blieben die Verurteilungen auch oft unter dem Mindeststrafmaß. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Reform des Strafrechts, die zwar seit langem geplant war, aber immer wieder scheiterte, von den Richtern in gewisser Weise bereits vorweggenommen wurde. Im Gegenzug lassen die Motive der Beleidiger und die Tatumstände erkennen, welches Herrschaftsverständnis diese hatten und welche Erwartungen die Untertanen auf den Kaiser richteten: Falls dieser sich nicht wie der fürsorgliche Herrschervater verhielt, für den er sich ausgab, fühlten sich auch die Untertanen nicht an den geforderten Respekt gebunden.
Die Bürger waren normalerweise gut informiert über das Tagesgeschehen und interessiert an der Politik. Dies zeigt die Analyse der Akten daraufhin, ob der Inhalt der Majestätsbeleidigungen und die Zahl der Verurteilungen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen entsprechen. Denn tatsächlich sind einige verstärkte Verurteilungswellen bestimmten Ereignissen wie etwa dem verlorenen Italienkrieg 1859 zuzuordnen. Dass das Strafrecht dazu benutzt wurde, politisch unliebsame Strömungen zu unterdrücken, ergibt sich ebenfalls aus den Akten: Oft wurden diese unter dem Vorwand der Majestätsbeleidigung unterbunden; insbesondere die sozialdemokratische Zeitung „Salzburger Wacht“ wurde mehrfach konfisziert.





