Von Beginn an verdeutlicht Schloemann den fortwährenden Konkurrenzkampf der Stegreifrede mit der Schriftlichkeit. Während in der Antike die geplante Rede noch „undemokratisch“ wirkte, wurden im alten Rom immer öfter Reden schriftlich vorbereitet. Das Christentum wendete sich jedoch wieder energisch gegen den „toten Buchstaben“, um die unmittelbare göttliche Eingebung des Predigers zu betonen. Der Autor zeigt, dass die Bewältigung der Stegreifrede immer auch eine Frage der schriftlichen Vorbereitung ist und inwieweit diese in einer ‚freien‘ Rede akzeptiert wird. Dabei nimmt Schloemann die Doppeldeutigkeit der ,freien‘ Rede wörtlich und verbindet die Geschichte der Stegreifrede mit der der Demokratie. Schon im antiken Griechenland galten vorbereitete Reden als ein Verstoß gegen die „Egalität und die Unmittelbarkeit“ der direkten Demokratie und stellten auch die Glaubwürdigkeit des Redners infrage, denn jemand, der professionell geschriebene Reden vortrug, so fürchteten die Athener, würde rhetorische Mittel nur nutzen, um das Publikum zu hintergehen.
Spätere Kapitel behandeln vorwiegend die unterschiedlichen Redetraditionen verschiedener Länder. So beschreibt der Autor die englische Debattenkultur, die präzise vorbereiteten politischen Reden im nachrevolutionären Amerika und die vorwiegend geplante, akademische deutsche Rede. Interessant ist hier die Entwicklung Frankreichs, das, nach der Explosion der freien Rede während der Revolution, später wieder zur vorher konzipierten Rede zurückkehrte. Die jüngste Vergangenheit zeigt jedoch den erneuten rhetorischen Fokus der französischen Eliteausbildung, die brillante Redekünstler wie Charles de Gaulle oder Emanuel Macron hervorbrachte. Die Verbindung der Stegreifrede mit der Entwicklung der Demokratie ist in diesem Teil jedoch weniger überzeugend, denn in Amerika und Deutschland, ja selbst Frankreich, wurde die freie Rede weitgehend durch die schriftlich vorbereitete Rede verdrängt, und dennoch entwickelten sich hier fest verankerte Demokratien. Auch verpasst der Autor hier die Gelegenheit, die Stegreifrede unter anderen politischen Gegebenheiten, wie zum Beispiel in einer Diktatur, zu analysieren.
Zuletzt stellt Schloemann die Frage, ob es in einer digitalisierten Welt die freie Rede so überhaupt noch gibt. TV-Debatten, Ted Talks und Donald Trump bezeugen jedoch, dass die freie Rede lebt, ja sogar floriert. Dennoch bringt die Digitalisierung auch Probleme, denn die Kommunikation und das Publikum sind kaum mehr zu kontrollieren.
Rezension: Charlotte Alt
Johann Schloemann
„I have a dream“
Die Kunst der freien Rede: Von Cicero bis Obama
C.H. Beck Verlag, München 2019, 288 Seiten, 24,00€





