Seit 1917 stand der katholische Jurist Konrad Adenauer als Oberbürgermeister an der Spitze der Stadt Köln. In den rund 16 Jahren bis zu seinem durch die Nationalsozialisten erzwungenen Rückzug gab der spätere Bundeskanzler der Rheinmetropole ein neues Gesicht.
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von MARIE-LUISE RECKER
Konrad Adenauers Lebensspanne umfasste vier unterschiedliche Epochen – das Deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und die Bundesrepublik Deutschland – und war damit reich an politischen Erfahrungen. Als er am 5. Januar 1876 in Köln geboren wurde, waren die Einigungskriege und die Schaffung eines deutschen Nationalstaats im öffentlichen Bewusstsein noch sehr präsent. Die Familie seines Vaters stammte, ebenso wie die seiner Mutter, aus dem ländlichen Umfeld Bonns. Seine Eltern waren nach ihrer Heirat im August 1871 nach Köln gezogen, wo der Vater im preußischen Justizdienst arbeitete, zuletzt als Kanzleirat am Oberlandesgericht. In einer Familie mit vier Kindern wuchs Konrad als drittältester Sohn auf.
Bestimmend für den familiären Alltag war eine starke religiöse Bindung, die sich bis in den Tagesablauf auswirkte; ein gemeinsames Gebet morgens und abends war üblich. Diese Verwurzelung im rheinischen Katholizismus hat den späteren Bundeskanzler bis an sein Lebensende geprägt. Aber auch weitere wichtige Voraussetzungen für sein künftiges Wirken erwarb Adenauer in seinem Elternhaus: Fleiß und Arbeitseifer, Sparsamkeit und einen starken Aufstiegswillen.
Ostern 1885 trat Adenauer in das Aposteln-Gymnasium ein, das bereits seine beiden älteren Brüder besuchten. Nach dem Abitur 1894 nahm er das Studium der Rechtswissenschaften auf und schloss es 1897 bzw. 1901 mit den beiden Staatsexamina ab. In den folgenden Jahren sammelte er erste berufliche Erfahrungen als Assessor für die Staatsanwaltschaft und für einen Anwalt. Allerdings sollte der Justizdienst nicht seine endgültige berufliche Perspektive werden, vielmehr zog es ihn schließlich in die Kommunalverwaltung seiner Heimatstadt.
Im März 1906 erfolgte hier der entscheidende Schritt für die spätere politische Karriere, nämlich die Wahl zum Beigeordneten der Stadt Köln. Vorgeschlagen hatte ihn die Zentrumspartei, der er nach Herkunft und Milieu verbunden und der er 1901 beigetreten war. Damit war ein erster Schritt zu einer beruflichen Karriere im Schnittfeld von Politik und Verwaltung getan. Drei Jahre später wählte die Stadtverordnetenversammlung den 33-Jährigen zum Ersten Beigeordneten und damit zum Vertreter des Stadtoberhaupts. Für Adenauers späteren Lebensweg waren diese politischen Lehrjahre in Köln ein wichtiger Baustein. Hier konnte er den Umgang mit einem großen administrativen Apparat erlernen, hier gewann er Einsicht in zentrale Bereiche der Politik: Wirtschaft, Haushalt, Finanzen, Soziales. Seine straffe, auf Effizienz und Rationalität ausgerichtete Vorgehensweise als Erster Beigeordneter ließ bereits Charakteristika seiner späteren Amtsführung als Bundeskanzler erkennen.
In diesen Jahren gründete Adenauer auch eine Familie. Seine erste Ehefrau Emma, geb. Weyer, stammte aus einer angesehenen Kölner Familie, so dass dieser Schritt auch den Zutritt zu Kreisen des Kölner Bürgertums und damit beruflichen Aufstieg erwarten ließ. Aus dieser Ehe (Heirat im Januar 1904) gingen drei Kinder hervor, Konrad, Max und Ria. Allerdings starb Emma bereits im Oktober 1916. Drei Jahre später heiratete Adenauer erneut, diesmal die Tochter eines in der Nachbarschaft wohnenden Arztes, Gussie (Auguste) Zinsser. Sie gebar ihm fünf Kinder, Ferdinand (er starb bereits als Säugling), Paul, Lotte, Libet und Georg. Für seine Position in der Führungsspitze seiner Heimatstadt war Gussie eine große Stütze, sie führte ihm ein repräsentatives Haus und engagierte sich in verschiedenen Verbänden und Vereinen. Auch nach seiner Entlassung aus allen Ämtern 1933 war sie es, die die Familie zusammenhielt. Ihr Tod im März 1948 machte Adenauer erneut zum Witwer.
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Oberbürgermeister von Köln – Modernisierer der Rheinmetropole
Die Position eines Ersten Beigeordneten war immer auch ein Sprungbrett für die Wahl zum Oberbürgermeister. Adenauer gelang dieser Schritt im September 1917, als er, erneut von der Zentrumspartei vorgeschlagen, ohne Gegenstimmen zum Oberhaupt seiner Geburtsstadt gewählt wurde. Vor dem Hintergrund einer Amtszeit von zwölf Jahren verfügte er über eine erhebliche Machtfülle und viel Gestaltungsspielraum an der Spitze der größten Stadt des Rheinlands.
Köln hatte und hat Adenauer viel zu verdanken. Er sei „einer der großen Oberbürgermeister dieser Zeit gewesen“, so hat ihn sein Zeitgenosse Theodor Eschenburg rückblickend beschrieben, „schlau, rheinisch-höflich, aber rücksichtslos, ein überaus gewiefter Verhandlungspartner“, der mit den von ihm angestoßenen und mit Nachdruck verfolgten Projekten das Bild seiner Heimatstadt maßgeblich verändert habe. Dazu zählen Projekte wie der Ausbau der Messe, die Ansiedlung der Ford-Werke, die Erweiterung des Rheinhafens in Niehl und die Errichtung einer Hängebrücke nach Mülheim. Auch mit der Gründung der Universität 1919 sowie ersten Schritten zum Ausbau der neuen Hochschule setzte er neue Akzente.
Adenauers größter Stolz war jedoch die Anlage des Grüngürtels rund um die Stadt. Bei Kriegsende musste Köln, bisher die zentrale Festung des Rheinlands, seine entsprechenden Anlagen schleifen, so dass eine riesige Fläche frei wurde, die nun als Wohnungsbau- und Gewerbegebiet sowie als Grünanlage und Naherholungsgebiet für die Bevölkerung genutzt werden konnte.
Diese von Adenauer mit Verve vorangetriebenen Projekte haben der Rheinmetropole ein neues Gesicht gegeben. Sie lassen den Willen erkennen, die Bedeutung der Domstadt als Wirtschaftsstandort zu stärken und sie zu einem modernen, attraktiven Gemeinwesen zu machen. Dies gelang ihm trotz erheblicher Widerstände und trotz der einen oder anderen waghalsigen Finanzierung in eindrucksvoller Weise. Mit Beharrlichkeit, taktischem Geschick und unter Nutzung seiner vielfältigen Verbindungen zu Politik und Wirtschaft vermochte er seine Vaterstadt nachhaltig zu prägen. Gegen Ende seiner Amtszeit flaute die Unterstützung in der Stadt jedoch ab, bei seiner Wiederwahl im Dezember 1929 erreichte er gerade das notwendige Minimum an Stimmen.
Seine energische, oft als autokratisch empfundene Amtsführung spiegelte sich in diesem Ergebnis ebenso wider wie die sich am Horizont abzeichnende Weltwirtschaftskrise. In den mittleren Jahren der Republik hatte sich die Stadt Köln für ihre ehrgeizigen Bauprojekte hoch verschuldet. Da die meisten dieser Investitionsprojekte von Adenauer tatkräftig angeschoben und unterstützt worden waren, wurde ihm nun der wachsende Schuldenberg zur Last gelegt. Auch wenn er mittlerweile auf einen rigorosen Sparkurs umgeschwenkt war, begleiteten diese Spannungen seine zweite Amtszeit.
Im Unterschied zu späteren Jahren blieb während der Kölner Zeit Ade-nauers sichtbares parteipolitisches Engagement gering. Er war weder Vorsitzender der Kölner Zentrumspartei noch stand er an der Spitze des rheinischen Zentrums, und auch auf Reichsebene nahm er kein gewichtiges Parteiamt wahr. Allerdings hatte er parteiorientierte Mandate im Rheinischen Provinziallandtag sowie im Preußischen Staatsrat inne. Sie waren ihm willkommene Betätigungsfelder, um persönliche Kontakte zu knüpfen und seinen Einfluss auszubauen.
Durch sein Ansehen, seine Erfahrung und seine politischen Erfolge galt er als herausragender Kommunalpolitiker, von denen das Zentrum sonst nur wenige aufweisen konnte. Zweimal – 1921 und 1926 – war Adenauer sogar für das Amt des Reichskanzlers im Gespräch, auch dies ein Ausweis seines politischen Ansehens. Allerdings zerschlugen sich diese Vorhaben schnell, da der so Angesprochene für die Regierungsbildung Bedingungen stellte, die seine Verhandlungspartner nicht zusagen konnten oder wollten.
Die „Rheinlandfrage“: im Zentrum widerstreitender Interessen
Die Debatte um seine Rolle in der „Rheinlandfrage“ 1918/19 und dann wieder 1923 sollte Adenauer sein Leben lang verfolgen. Seine politischen Vorstellungen wie sein Agieren in dieser Frage lassen sich nicht leicht rekonstruieren, zumal die Quellen teils widersprüchlich sind und seine Position je nach Situation oszillierte. Dennoch lässt sich eine gewisse Leitlinie in seinen Vorstellungen erkennen.
Das entscheidende Motiv für die mögliche Schaffung einer „Rheinischen Republik“ war die Furcht, Frankreich wolle nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Annexion der linksrheinischen Gebiete erreichen oder zumindest die Schaffung eines Pufferstaates dort durchsetzen. Die Zerschlagung Preußens und die Bildung einer „Rheinischen Republik“ aus links- und rechtsrheinischen Territorien sollten in den Augen der Befürworter diese Pläne durchkreuzen und die bisherige Grenzlinie im Westen halten. Mit dieser territorialen Neuordnung hofften die Befürworter dieser Pläne, sowohl dem französischen Sicherheitsstreben als auch dem Wunsch der rheinischen Bevölkerung nach regionaler Eigenständigkeit Rechnung zu tragen.
Allerdings konnte die Schaffung einer solchen „Rheinischen Republik“ auch als erster Schritt zu einer Anlehnung an Frankreich gewertet werden – und wurde von vielen Zeitgenossen auch so gesehen. Dies tauchte Ade-nauers Vorgehen im Winter 1918/19 in ein gewisses Zwielicht. Noch vor der Ankunft der alliierten Truppen in Köln empfing der Oberbürgermeister einige Vertreter der Rheinland-Bewegung im Rathaus, machte ihnen jedoch keine konkreten Zusicherungen. Bei weiteren Zusammenkünften glänzte er durch Abwesenheit oder ließ sich zu keinen Festlegungen bewegen. Mit der Entscheidung der Pariser Friedenskonferenz, dem französischen Wunsch nach Abtrennung der linksrheinischen Gebiete nicht zu entsprechen, fielen die Überlegungen zur Schaffung einer „Rheinischen Republik“ dann in sich zusammen.
Erneut in den Dunstkreis des rheinischen Separatismus geriet Adenauer im Herbst 1923. Mit der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen im Januar dieses Jahres entwickelte sich ein Konflikt um das Rheinland, dessen Ausgang völlig offen schien. Hatte die Reichsregierung in Berlin zunächst die Bevölkerung des besetzten Gebiets zu passivem Widerstand aufgerufen und dies materiell durch Unterstützungszahlungen untermauert, so wurde spätestens im Spätsommer klar, dass diese Unterstützung die Reichsfinanzen in den Ruin trieb. Mit dem Abbruch des passiven Widerstands und dem absehbaren Ende der Transferleistungen aus Berlin spitzte sich die Lage an Rhein und Ruhr zu: Separatistische Kreise versuchten, einen Rheinstaat auszurufen, und konnten sich dabei des aktiven Schutzes französischer und belgischer Behörden sicher sein.
Für Adenauer und andere führende Vertreter von Politik und Wirtschaft an Rhein und Ruhr stellte sich die Frage, wie ein Ausweg aus dieser Situation gefunden werden konnte. Ähnlich wie im Winter 1918/19 brachte der Kölner Oberbürgermeister die Schaffung einer „Rheinischen Republik“ ins Gespräch, eines eigenständigen Bundesstaates innerhalb des Deutschen Reiches, dessen konkrete rechtliche Stellung noch auszuhandeln sein würde. Zudem sollte dieses neue Gebilde wirtschaftlich auf breiter Ebene mit den westlichen Nachbarn verflochten werden, um dem französischen Sicherheitsbedürfnis Genüge zu tun.
Die Diskussionen zwischen Vertretern der Reichsregierung und Bevollmächtigten des besetzten Gebiets um eine mögliche Verselbständigung des Rheinlands verliefen kontrovers und letztlich ohne Ergebnis. Aus Adenauers Sicht waren diese Pläne aus der Notwendigkeit geboren, in der existentiellen Krise des Deutschen Reiches die Belange der besetzten Gebiete zu wahren und diesen angesichts der harten Hand der französischen Besatzungsbehörden und der schwindenden materiellen Unterstützung aus Berlin einen Weg aus der Zwangslage zu weisen.
Deshalb blieben für ihn Ausmaß und Reichweite der Eigenständigkeit einer „Rheinischen Republik“ abhängig von den äußeren Umständen und seiner Einschätzung der Situation. Dies erklärt die mangelnde Schärfe und Präzision seiner Überlegungen. Dennoch war er im Herbst 1923 von den politischen Umtrieben der Separatisten so weit entfernt wie fünf Jahre zuvor. Mit der Initiative der Reichsregierung zum Abbruch des passiven Widerstands, zur Sanierung der Währung und zu einem neuen Anlauf in der Reparationsfrage wurden die Rheinstaatspläne schließlich obsolet.
Absetzung durch das NS-Regime und Leben als „Pensionär“
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten trieb Adenauer dann aus dem Rathaus. In den Kommunalwahlen am 12. März 1933 gewannen die NSDAP und ihre Verbündeten 46 Sitze in der Kölner Stadtverordnetenversammlung, so dass sie – nachdem die kommunistischen Mandate für „ruhend“ erklärt worden waren – über die Mehrheit dort verfügten. Damit blieb dem Stadtoberhaupt nur der freiwillige Rücktritt oder die gewaltsame Entfernung aus dem Amt.
Weder das eine noch das andere wollte Adenauer jedoch akzeptieren. Am Abend des Wahltags ging er noch einmal in sein Arbeitszimmer, um Abschied zu nehmen, und schloss die Rathaustür hinter sich zu; den Schlüssel fand man nach seinem Tod im Rhöndorfer Schreibtisch.
Am nächsten Morgen fuhr er, unbemerkt von der SA-Wache vor seinem Haus, nach Berlin, um dort beim Preußischen Innenminister über die Lage in Köln und die mangelnde Unterstützung durch staatliche Stellen Beschwerde zu führen. Die Hoffnung auf Beistand war jedoch vergeblich. Die nächsten Jahre waren geprägt von Auseinandersetzungen um seine Dienstentlassung, um ungezahlte Dienstbezüge und um Pensionsansprüche.
Nach seiner überstürzten Abreise aus Köln und dem kurzen Aufenthalt in Berlin kam Adenauer Ende April 1933 zunächst im Benediktinerkloster Maria Laach in der Eifel unter, dessen Abt sein Schulkamerad gewesen war. Diese Lebensphase war für ihn eine Zeit tiefer Bedrückung und Ausweglosigkeit. „Heute vor 6 Monaten bin ich von Köln abgereist, ich dachte in kurzer Zeit wieder zu Hause zu sein“, vertraute er am 13. September 1933 seinem Tagebuch an. „Schwere 6 Monate liegen hinter mir, die schwersten meines bisherigen Lebens … Wie mag es in Deutschland in 6 Monaten aussehen, wo mag ich sein, wo meine Familie; ich weiß es nicht. – Alles ist ungewiss, alles ist schwankend.“
Um wieder mit Frau und Kindern vereint zu sein, mietete er im Frühjahr 1934 ein Haus am Rande Berlins, doch zog die Familie Ende April 1935 zurück an den Rhein, nach Rhöndorf am Rande des Siebengebirges. Nachdem durch einen juristischen Vergleich mit der Stadt Köln seine finanziellen Verhältnisse überschaubar geworden waren, ließ sich Adenauer am Hang über dem Ort ein Haus bauen; kurz vor Weihnachten 1937 zog die Familie dort ein.
Für die nächsten Jahre lebte Ade-nauer, mit Beschäftigungsverbot belegt, als Pensionär in Rhöndorf. Von der Polizei überwacht und zum Nichtstun verdammt, war diese Zeit von Sorge um die Familie und die eigene Zukunft geprägt. Die Nähe zum sich formierenden Widerstand suchte Adenauer nicht. Enttäuschung über die unrühmliche Andienung mancher politischer Freunde und Weggefährten an das NS-Regime, aber wohl auch die Einschätzung, dass die Absichten wie die Vorgehensweise des bürgerlich-militärischen Widerstands gewagt und wenig aussichtsreich seien, und nicht zuletzt die Sorge um das Schicksal seiner Familie dürften zu dieser Distanz beigetragen haben.
Dass er ein eindeutiger Gegner des „Dritten Reiches“ war, steht jedoch außer Frage. Ende Juni 1934 war er nach dem sogenannten Röhm-Putsch kurzzeitig festgenommen, nach einigen Tagen jedoch wieder aus der Haft entlassen worden. Ins Visier der Machthaber geriet er erneut gegen Ende des Krieges. Einen Monat nach dem 20. Juli 1944 verhaftete man ihn und brachte ihn in ein Lager auf dem Kölner Messegelände. Nach einer verwegenen Flucht aus diesem Lager und anschließender Festnahme wurde er in das Gefängnis Brauweiler eingewiesen. Im November 1944 entließ man ihn wieder; so konnte er nach Rhöndorf zurückkehren und dort das Ende des Krieges abwarten.
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