Wenn heute der deutsche Bundespräsident sein Amt antritt, verpflichtet er sich, sämtliche besoldeten Ämter niederzulegen, weder Beruf noch Gewerbe auszuüben und Leitungsfunktionen in Unternehmen aufzugeben. Kaum vorstellbar wäre es, daß der Bundespräsident ein ähnliches Amt in einem anderen europäischen Staat bekleidet. Das Mittelalter kannte solche strengen Limitierungen nicht, es kannte auch keine Staaten. Es war gerade die Ansammlung von vielfältigen Rechten und Ämtern, die Königreiche und Fürstentümer entstehen ließ. Diese Ämteranhäufungen konnten zusammen mit Landrechten und einheitlichen Sprachen zum Nährboden heranreifen, auf dem sich das nationale Bewußtsein der späteren Staaten auszubilden begann. Nationalitäten machten es jedoch auf der großen politischen Bühne im späten Mittelalter schwer, neue Verbindungen von Reichen mit einem Herrscher an der Spitze zu etablieren. Aber dennoch: Häufig reichte die Zähigkeit weniger Generationen aus, damit solche Verbindungen über Jahrhunderte bestehen konnten. Die habsburgische Donaumonarchie ist dafür ein bekanntes Beispiel; als ihr Begründer gilt Kaiser Sigismund, ein Luxemburger.
Sigismunds Ehrgeiz ließ ihn zum „Kronensammler“ werden: 1387 Krönung in Stuhlweißenburg zum ungarischen König im Alter von 15 Jahren, 1410/11 Wahl zum deutschen König in Frankfurt am Main, 1420 Krönung zum böhmischen König in Prag, 1431 Krönung mit der „Eisernen Krone“ in Mailand zum italienischen König und letztlich 1433 Erhebung durch Papst Eugen IV. zum Römischen Kaiser.
Hinter dieser bemerkenswerten Erfolgsbilanz verbergen sich Zielstrebigkeit, diplomatisches Geschick, Glück, zahlreiche Rückschläge, nebulöse rechtliche Verfahren sowie eine Vielzahl von gewaltsamen Auseinandersetzungen mit eigenen Familienangehörigen und einflußreichen europäischen Kräften. Die Grundlage für den Erwerb der Kronen hatte Sigismunds Vater, Kaiser Karl IV., gelegt. Er war selbst deutscher und böhmischer König gewesen. Dadurch waren seine Söhne prädestiniert, ebenfalls in diese Würden aufzusteigen. 1375 hatte Karl Sigismund mit der ungarischen Königstochter Maria verlobt. Nach dem Tod ihrer älteren Schwester war sie zur Erbin des väterlichen Reichs aufgerückt. Doch erst die Gefangennahme Marias und ihrer intriganten Mutter, die vor den Augen der Tochter erdrosselt wurde, ermöglichte Sigismund, seinen Platz auf dem Königsthron einzunehmen. Als König von Ungarn gelang es ihm rasch, seine Gemahlin aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien. In der Folge rebellierten ungarische Magnaten immer wieder gegen den König, setzten ihn sogar gefangen. Erst nach der erfolgreichen Bekämpfung einer Verschwörung 1402/03 gelang es Sigismund, beständige und treue Bindungen zu den Großen seines Reichs zu knüpfen. Ungarn wurde zu seiner wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Basis.




