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Der lange Weg zur Ikone
Jeanne d’Arc ist heute eine der berühmtesten Figuren der Geschichte. Doch Mitte des 16. Jahrhunderts schien man das Schicksal der jungen Frau aus Domrémy bereits fast vergessen zu haben. Ihre Verehrung gewann erst durch die Französische Revolution wieder Schwung.
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Nach der Hinrichtung wurde Jeannes Asche in die Seine gestreut, denn ihre Henker befürchteten, die sterblichen Überreste könnten zu Reliquien werden. Zumindest in Orléans gedachte man ihrer: Bereits am Tag der Befreiung der Stadt am 8. Mai 1429 war beschlossen worden, dieses Datum zu einem Gedenktag zu machen. Der Feiertag besteht bis heute, auch wenn sich seine Formen zwischenzeitlich ziemlich geändert haben. 1896 durfte erstmals eine weibliche „Pucelle“ bei der jährlichen Prozession mitreiten.
Über Jahrhunderte hinweg blieb der Jeanne-Kult auf Orléans beschränkt. 1607 beklagte der humanistische Rechtsgelehrte Étienne Pasquier (1529–1615), dass die Jungfrau, die so viel für Frankreich getan habe, weitgehend in Vergessenheit geraten sei.
Auf englischer Seite hielt sich lange die Überzeugung, dass Jeannes für die Engländer so bittere Heldentaten einer Intervention Satans zuzusprechen seien. Daraus resultierte wohl auch das Bemühen, sie lächerlich zu machen, um den Zauber zu bannen.
Exemplarisch sichtbar wird das bei William Shakespeare, der in seinem Drama „Heinrich VI.“ von 1592 die Jungfrau als eine Hexe darstellt, die alle Teufel gegen England aufwiegelt und von den inneren Zwistigkeiten der Engländer zugunsten des verhassten Frankreich profitiert. Jeanne ist für ihn eine Soldatenhure, die schließlich in die Hölle fährt, nachdem auch ihr eigener Vater sie verdammt hat.
Einige wenige Historiker bemühten sich um ein quellentreues Bild der Jungfrau und ihrer Taten. Etwa Papire Masson (1544 –1611), der die erste auf den Prozessakten aufbauende Biographie verfasste (1612 postum veröffentlicht). Und im 17. Jahrhundert erschien auch eine Edition der wichtigsten Quellen zur Geschichte Jeanne d’Arcs.
Insgesamt gab es zwei Varianten ihrer Geschichte: Entweder wollte man zeigen, dass ihre Taten bewiesen, wie gottgewollt das französische Königtum war. Oder aber – so die ironisch-aufklärerische Variante – man behauptete, das naive Bauernmädchen sei nur von den hohen Herren und dem König vorgeschickt worden, um das Volk glauben zu machen, dass Gott Wunder für die absolute Monarchie vollbringe.
Das wichtigste und bekannteste Beispiel für die letztgenannte Auffassung ist Voltaires Satire „La Pucelle“ von 1762, die während des 18. Jahrhunderts vielfach neu aufgelegt wurde. Hier trieb Voltaire die Kritik des „barbarischen“ Mittelalters auf die Spitze und machte Jeanne d’Arc zum willfährigen Objekt einer korrupten Hofgesellschaft.
Nach der Französischen Revolution wird „La Pucelle“ wiederentdeckt
Erst als mit der Revolution und Napoleon die Monarchie abgeschafft und durch die vom französischen Volk als Träger der Nation errungene Republik ersetzt wurde, konnte Jeanne d’Arc auf eine neue Weise erinnert werden. In den Jahren nach 1800 wurde ihre Geschichte zu einem tragenden Baustein nationaler Identität.
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Napoleon erkannte, wie sehr die Pucelle geeignet war, das Nationalbewusstsein der Franzosen zu stärken. 1803 erklärte er: „Die berühmte Jeanne d’Arc hat bewiesen, dass es kein Wunder gibt, das der französische Genius nicht zu vollbringen vermöchte, wenn die nationale Unabhängigkeit gefährdet ist.“
War damit die „nationale Bedeutung“ Jeanne d’Arcs festgelegt bzw. wiedergefunden, so wurde ihre Verehrung durch das neue „romantische“ Interesse am Mittelalter und seinen Heldinnen und Helden seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entscheidend verstärkt. Bedeutenden Einfluss hatte dabei Friedrich Schiller. Seine „Jungfrau von Orléans“ wurde 1801 uraufgeführt und bis in die 1850er Jahre hinein auch in Frankreich in mehr als 250 verschiedenen Inszenierungen auf der Bühne gezeigt.
Zwar entsprach das Stück kaum den historischen Tatsachen, weil Johanna sich verliebt und auf dem Schlachtfeld stirbt, aber es kam dem neuen Interesse an individuellen Heldenschicksalen und nationaler Größe entgegen.
Die politischen Lager haben jeweils einen anderen Blick auf die Ikone
Viele Historiker und Journalisten, Maler und Bildhauer beschäftigten sich nun mit ihr, und so entstand ein farbenprächtiges Bild der Heldin. Für die damals „liberal“ genannten linksorientierten Schriftsteller und Historiker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Jeanne d’Arc geradezu zum Sinnbild des einfachen Volkes, welches mit der Revolution von 1789 die französische Nation in der Nachfolge der Jungfrau geschaffen hatte.
Jules Michelet (1798–1874), der bis heute einflussreichste französische Nationalhistoriker, hat wohl am meisten dazu beigetragen, den Mythos von Jeanne d’Arc als Vorkämpferin der nationalen Befreiung und schließlich als Personifizierung der aus dem Volk erwachsenden Nation in die mémoire collective einzubringen.
So war Jeanne d’Arc um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem für die republikanischen Kräfte eine Identifikationsfigur geworden. Für die politische Linke blieb sie das einfache Mädchen aus dem Volk, dessen innerer Elan es dazu befähigt hatte, militärische Wundertaten zur Befreiung Frankreichs zu vollbringen. Aber es habe sein Werk nicht vollenden können, da es von den Mächtigen verraten und von der Kirche verbrannt worden sei.
Gleichzeitig begann aber auch eine gegenläufige Entwicklung, die dazu führte, dass die Pucelle auch von den „nationalen“ Katholiken als Kultfigur entdeckt wurde. Denn auch bei ihnen geriet das frühere Gottesgnadentum der Monarchie mit der untergeordneten Rolle der Jungfrau allmählich in Vergessenheit.
Monsignore Félix Dupanloup (1802–1878), seit 1849 Bischof von Orléans, widmete sich der Neubestimmung Jeanne d’Arcs als eigentlich katholischer Heldin, deren unbedingtes Gottvertrauen und offensichtliche Sendung durch Gott sie sogar zur Heiligen der katholischen Kirche werden lassen konnte. Dupanloup stützte sich dabei ganz besonders auf eine Biographie von Guido Görres (1805–1852), Sohn des katholischen Publizisten Joseph Görres, der 1834 eine „Johanna von Orléans“ verfasst hatte, in der sie als Frau aus dem Volk mit göttlichem Auftrag agierte.
Görres’ „Johanna“ war seit den 1840er Jahren in mehreren französischen Ausgaben zugänglich, an denen sich auch der Bischof Dupanloup orientierte. Mit Unterstützung von zwölf französischen Bischöfen brachte er schließlich 1867 ein formelles Heiligsprechungsbegehren vor den Heiligen Stuhl, und Pius IX. leitete im Jahre 1869 den Heiligsprechungsprozess ein.
Dem päpstlichen „Venerabilis“-Dekret von 1894 folgte die mit großem Aufwand in Orléans begangene Seligsprechung 1909. Die Heiligsprechung sollte sich eigentlich 1914 anschließen, aber das unterließ der Vatikan angesichts des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs – man fürchtete den Vorwurf, dass sich der Heilige Stuhl mit Frankreich gegen Deutschland solidarisiere. 1920 erfolgte dann die Heiligsprechung im Zeichen einer Wiederannäherung des republikanischen Frankreich an den Vatikan, nachdem die offiziellen Beziehungen 1905 abgebrochen worden waren.
Doch die Figur der Pucelle wollte nicht so recht in die Kampffronten der Innenpolitik seit den 1920er Jahren passen. Die alles beherrschende Auseinandersetzung zwischen Kommunismus und Faschismus kreiste um Klassen- und Rassenfragen und betonte den kollektiven Charakter gesellschaftlichen Handelns.
Die ausgeprägte Individualität der Jungfrau, ihre immer selbstbestimmte Gläubigkeit („Meine Stimmen …“), ihre so bewusste Auseinandersetzung mit geistlichen und weltlichen Machthabern und Mächten machten es schwer, sie zum Sinnbild einer autoritären Ideologie umzuformen.
Résistance: Jeanne als Symbol der Befreiung
Spürbar wird das etwa in den gescheiterten Versuchen des Vichy-Regimes, die Nationalheldin zu seiner Bannerträgerin zu machen. Zwischen 1940 und 1944 versuchten Pétain und seine Gehilfen, Jeanne d’Arc als Verkörperung von Gehorsam und Tradition zu verklären, als Vorbild für das von ihnen erträumte „Neue Frankreich“.
Diese Propaganda fand aber keineswegs die erhoffte Zustimmung in der Bevölkerung und auch nicht bei den Vertretern der katholischen Kirche, für die Jeanne in erster Linie eine Heilige war. Die Variante General de Gaulles und der französischen Résistance, Jeanne d’Arc als Befreierin Frankreichs von illegitimer und fremder Herrschaft zu feiern, hatte eine deutlich größere Überzeugungskraft als das Bemühen des Pétain-Regimes, sie zur Ideologin von „Blut und Boden“ zu machen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg konnte Jeanne d’Arc nie wieder diese politische Prominenz erlangen, die sie als unbestrittene Nationalheldin im 19. Jahrhundert besessen hatte. Dennoch hat es immer wieder Ideologien gegeben, die sich „unter ihrer Fahne“ sammelten, etwa das Bemühen des Front National seit den 1980er Jahren, die Pucelle zu ihrer Patronin auszurufen.
„Man hat das Gefühl, dass es hier darum geht, dem Geruch aus einem leeren Parfüm-Flacon nachzuspüren“ – so der französische Mediävist Philippe Contamine, aktuell der bekannteste Jeanne-Spezialist. Ein wenig gilt diese Bemerkung wohl auch für die immer wiederholten Versuche nahezu aller französischen Präsidenten oder Ministerpräsidenten, sich in die Sonne der Jungfrau zu stellen. Immer wieder wird mit derselben fast verzweifelten Wiederholung betont, dass Jeanne bitte schön „keiner Partei gehört“.
In Wirklichkeit spielt Jeanne im politischen Streit heute kaum noch eine Rolle. Zu sehr ist früher versucht worden, sie für parteipolitische Ziele einzuspannen, zu groß ist die Skepsis bzw. auch das Desinteresse im französischen Volk geworden. Aber sie bleibt zweifellos eine Ikone der populären Erinnerungskultur, was man an der Vielzahl der Objekte ablesen mag, die sie symbolisieren sollen. Das geht vom „Camembert Jeanne d’Arc“ mit der Fahne schwingenden Jungfrau auf dem Deckel bis zu den – wohl wenig geschmackvollen – Scheiterhaufen-Holzscheiten, die in Rouen en minature in Schokoladenform verkauft werden.
Aber dass diese Art von reinem Souvenir-Spielzeug möglich ist, zeigt die allgemeine Distanz zu einer nationalistischen Inanspruchnahme der Jungfrau. Und dass sie eine Heilige der katholischen Kirche ist, wissen heute nur noch einige Spezialisten.
Bemerkenswert ist, dass Jeanne d’Arc nach dem Ersten Weltkrieg erstmals seit Schiller wieder als Figur der Weltliteratur Geltung fand. George Bernard Shaws „Joan of Arc“ von 1923 ist heute noch vor allem wegen des Vorworts des Autors ein bemerkenswertes Stück dichterischer Reflexion über die Macht des freien Denkens und die Vernichtung individueller Größe durch die Bürokratie des verordneten Heils.
War Jeanne bei Shaw die „erste Protestantin“, so hat Bertolt Brecht es in seinen verschiedenen Adaptierungen des Jeanne-Stoffes zur sozialkritischen Parabel („Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, „Die Gesichter der Simone Marchand“, „Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen“) besonders auf das Problem von Herrschaft und Glauben, von individuellem Protest und gesellschaftlichen Zwängen abgesehen.
Dass letzteres Werk über weite Strecken die Akten des Verdammungsprozesses von 1431 „zum Sprechen bringt“, mag als Zeugnis dafür dienen, wie lebendig Jeanne bis heute durch ihre Prozess-Aussagen wirkt.
Schon das frühe Kino verfilmt den Stoff gleich mehrmals
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand Jeanne d’Arc auch Eingang in das damals noch neue Medium Film. Zwischen 1898 und 1928 gab es bereits sechs Jeanne-Filme. 1928 entstand dann der Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“ des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer. Dieses Werk hat einen bleibenden Einfluss gehabt, im Unterschied zu Victor Flemings „Joan of Arc“ von 1948 (mit Ingrid Bergman in überschwerer Rüstung) oder Otto Premingers „St. Joan“ von 1957 (mit Jean Seberg) sowie Robert Bressons Film über den Prozess – in der Tradition von Dreyers großem Entwurf – von 1962.
Seit den 1990er Jahren ist wieder versucht worden, das Thema filmisch zu erneuern. Jacques Rivettes „Jeanne la Pucelle“ (1994) brachte zwar eine einzigartig dichte Atmosphäre, etwa wie Jeanne mit ihren Vertrauten umgeht oder wie sich die Heldin vom einfachen Bauernmädchen zu einer bisweilen recht hochmütigen Feldherrin entwickelt. Das Defizit dieses Films liegt aber darin, dass die notwendigen Massenszenen mangels hinreichender Finanzmittel nicht adäquat in Szene gesetzt werden konnten.
Letzteres hat Luc Bessons „Jeanne d’Arc“ von 1999 hervorragend geleistet. Aber auch dieser Film wird keinen Bestand haben, geht er doch allzu sorglos mit den historischen Quellen um. Von Christian Dugays Fernsehproduktion von 1999 über die „Frau des Jahrtausends“ ist außer der realistischen Kulisse nur der Titel zutreffend. In gewisser Weise war Jeanne d’Arc tatsächlich die „Frau des Jahrtausends“, denn es gibt keine andere historisch belegte Frauengestalt, die annähernd 600 Jahre nach ihrem Tod im kulturellen Gedächtnis der Menschheit so lebendig geblieben ist.
Sie ist sogar zu einer Figur in den japanischen Mangas geworden. Und weltweit werden immer wieder neue Jeanne-Comics produziert, die allerdings zumeist ihre militärischen Taten und Erfolge in den Fokus stellen. Genauso in Jeanne-Gesellschaftsspielen, die im Internet viral gehen. Eine Anfrage bei Google unter „Jeanne d’Arc-Spiele“ bringt Millionen von Treffern. Aber schon bei Durchsicht der ersten 100 Einträge wird klar, dass es sich hier einzig und alleinum Kriegsspiele und Mittelalter-Inszenierungen handelt, die keinerlei historische Bedeutung haben.
Doch glücklicherweise hat der mediale Sog nicht alles verschlungen. In Frankfurt am Main wurde 2017 mit großem Erfolg die Oper „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ von Paul Claudel und Arthur Honegger aufgeführt. Johanna Wokalek spielte darin die Hauptrolle. In einem Interview erzählte sie, was sie an der Figur so beeindruckte: „Hier im Oratorium Honeggers ist sie jemand, der in der Situation einer grausamen Unmenschlichkeit feststeckt. Sie wird für etwas zu Unrecht verurteilt, was sie nicht begreift und nicht begreifen kann. Das ist etwas, was wir alle verstehen können, weil es das tagtäglich überall gibt. Einfach, weil jemand unbequem ist, etwas vertritt, was nicht erwünscht ist, wird er gefoltert bis zum Tode. Und hat nicht die Chance, sich über das Wort allein zu befreien. Die Sprachohnmächtigkeit ist das Grauenhafte an der Situation von Jeanne d’Arc.“
So bleibt Jeanne ein ebenso präsenter wie lebhafter und leidender Mensch, und dies fast 600 Jahre nach ihrem Tod.
Autor: Prof. Dr. Gerd Krumeich
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