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Der lange Weg des Kaisersohns
Am 21. Februar 1958 bekannte sich Otto Habsburg-Lothringen, der letzte Thronfolger der k. u. k. Monarchie, zur Republik Österreich. In sein Heimatland einreisen durfte er jedoch erst acht Jahre später nach zähen politischen Debatten.
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Lange Jahre zierte den Reisepass des Oberhauptes des Hauses Habsburg ein seltsamer Zusatz. Dieser besagte, dass der Pass für alle Länder der Welt gültig sei – außer für Österreich. Der Österreicher Otto Habsburg-Lothringen durfte weder nach Österreich einreisen noch sein Heimatland durchqueren. Hintergrund war ein Gesetz vom 3. April 1919 (kurz: Habsburgergesetz). Dieses erklärte nicht nur alle Herrscherrechte des Hauses Habsburg-Lothringen für aufgehoben, sondern „im Interesse der Sicherheit der Republik“ all seine Mitglieder für des Landes verwiesen, „soweit sie nicht auf ihre Mitgliedschaft zu diesem Hause und auf alle aus ihr gefolgerten Herrschaftsansprüche ausdrücklich verzichtet und sich als getreue Staatsbürger der Republik bekannt haben“.
Zum politischen Dauerbrenner mutierte die Frage der Einreise aber erst durch den darauffolgenden Satz: „Die Festsetzung, ob diese Erklärung als ausreichend zu erkennen sei, steht der Bundesregierung im Einvernehmen mit dem Hauptausschuss des Nationalrates zu.“ Ob die Erklärung Ottos, die dieser im Februar 1958 abgab, ausreichend sei, wurde nun zum Gegenstand erbitterter politischer Auseinandersetzungen.
Nur durch eine ganze Reihe dynastischer Zu- und Unglücksfälle war Otto überhaupt Thronfolger geworden. Erst durch das tödliche Mexiko-Projekt des Kaiserbruders Maximilian, der 1867 von Rebellen hingerichtet wurde, den Suizid Erzherzog Rudolfs im Jahr 1889 und die nicht-ebenbürtige Ehe des 1914 ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand gelangte nach dem Tod Kaiser Franz Josephs im November 1916 dessen Großneffe Karl, Ottos Vater, auf den Thron. Für den 29-jährigen Karl konnte die Ausgangslage katastrophaler kaum sein: Sein von Nationalitätenkonflikten gebeuteltes Reich befand sich mitten in einem mörderischen Weltkrieg, der nicht mehr zu gewinnen war.
Karl I. versuchte, den Einfluss der Militärs zurückzudrängen, und nahm über seinen Schwager Sixtus von Bourbon-Parma, der als Offizier in der belgischen Armee diente, Kontakt zur französischen Regierung auf, um einen Separatfrieden auszuhandeln. Doch die geheimen Gespräche scheiterten, die „Sixtus-Affäre“ wurde publik und geriet zum innenpolitischen Eigentor. Kurz darauf war die Monarchie am Ende. Am 11. November 1918 verzichtete Karl „auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften“. Am 23. März 1919 ging er mit seiner Familie ins Schweizer Exil. Schon am Folgetag veröffentlichte er das „Feldkircher Manifest“, in dem er erklärte, dass die Beschlüsse der neuen Nationalversammlung in seinen Augen „null und nichtig“ seien.
Zweimal unternahm er Versuche, in Ungarn eine Restauration herbeizuführen, beide Aktionen waren jedoch schlecht geplant und scheiterten. Im Oktober 1921 verfrachtete die britische Marine den unruhigen Ex-Kaiser auf die abgelegene portugiesische Atlantikinsel Madeira.
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Nur ein halbes Jahr später, am 1. April 1922, starb Karl. Die Erziehung des kaum zehnjährigen Otto übernahm jetzt seine Mutter Zita, eine Tochter des letzten Herzogs von Parma aus dem Haus Bourbon, die mütterlicherseits vom portugiesischen Königshaus abstammte. Ihr familiärer Hintergrund verweist auf die Selbstwahrnehmung der Habsburger: Sie verstanden sich als europäische Familie, die nicht nur Österreich und Ungarn regierte, sondern auch enge Bindungen in andere Länder, nach Spanien und ins Gebiet des historischen Herzogtums Burgund, pflegte. In dieser supranationalen Tradition wurde nun auch Otto erzogen. Noch im Sommer 1922 zog die Familie in den Norden Spaniens um. Hauslehrer unterrichteten Otto nach den alten österreichischen und ungarischen Lehrplänen. Erst zum Abschluss der Ausbildung wurde er auf das Gymnasium der Abtei Clervaux geschickt. Anschließend ging es zum Studium an die Katholische Universität in Löwen (Belgien).
Die folgenden Jahre waren geprägt vom Studium, von Reisen und vom Aufbau eines weitverzweigten politischen Netzwerks. Eine wichtige Rolle dabei spielte sein Onkel Sixtus, der ihn in die französische Gesellschaft einführte. Auch in die österreichische Heimat pflegte Otto früh und intensiv Kontakt. Dabei umgab er sich mit jenen legitimistischen Kreisen, die von der Rechtmäßigkeit der Herrschaftsansprüche Ottos überzeugt und im „Eisernen Ring“ organisiert waren. In einem Brief an den Erzbischof von Wien, Kardinal Theodor Innitzer, beklagte er im Sommer 1933 selbst die „bittere, ungerechte Verbannung“.
Kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten besuchte Otto Berlin. Mehrfach versuchte Hitler, ein Treffen mit ihm zu arrangieren, doch Otto, der keine Illusionen hegte, lehnte ab und zog sich so den Zorn des „Führers“ zu. Politisch unruhig wurde es bald auch in Österreich. Am 25. Juli 1934 wurde der austrofaschistische Kanzler Engelbert Dollfuß erschossen. Unter der Regierung seines Nachfolgers Kurt Schuschnigg wurde das Habsburgergesetz zwar im Juli 1935 aufgehoben, der Kanzler warnte Otto jedoch vor einer Rückkehr nach Österreich – die Nationalsozialisten würden dies niemals hinnehmen. Tatsächlich planten diese für den „Sonderfall Otto“: Sie wollten den Habsburger „ausschalten“, sollte es in Österreich zur Wiederherstellung der Monarchie kommen.
Den „Anschluss“ Österreichs konnte Schuschnigg nicht verhindern – sehr zum Unmut des jungen Habsburgers, der ihn immer wieder vor dem wachsenden Einfluss der Nationalsozialisten gewarnt hatte. Noch am 17. Februar 1938 übermittelte er Schuschnigg einen „Plan zur Rettung der schwerstbedrohten Heimat“, drängte ihn zur Annäherung an die Westmächte und zum politischen Schulterschluss mit den Sozialdemokraten. Man müsse sich auf die Arbeiter und die Legitimisten (Monarchisten) stützen und dürfe Deutschland gegenüber nicht weiter nachgeben. Er selbst, Otto, sei „fest entschlossen, zum Schutze von Volke und Staat bis zum Äußersten zu gehen“. Wenn Schuschnigg Hitler nicht standhalten könne, solle er ihm die Kanzlerschaft übergeben.
Doch Schuschnigg lehnte den bewaffneten Widerstand ab. Otto sei über die Stimmung im Land „nicht richtig oder zumindest nicht vollständig informiert“. Das Land „in einen von vornherein aussichtslosen Kampf zu führen“ sei unverantwortlich, jeder Versuch einer Restauration führe „mit hundertprozentiger Sicherheit den Untergang Österreichs“ herbei. In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein – das sogenannte Unternehmen Otto lief an.
In den folgenden beiden Jahren hielt sich Otto Habsburg-Lothringen in Paris auf, wo das Hotel „Cayré“ zum Versammlungsort österreichischer Emigranten wurde. Allerlei kühne Pläne wurden entworfen. Der Schriftsteller Joseph Roth schlug vor, Otto in einem Sarg nach Wien zu schmuggeln und die Monarchie ausrufen zu lassen. Der nutzte derweil seine Kontakte zu französischen Beamten, um sich für die zahlreichen österreichischen Flüchtlinge in Frankreich einzusetzen. Versuche, eine Exilregierung zu bilden, scheiterten am Streit zwischen Monarchisten und Sozialisten.
Am 9. Mai 1940 reiste Otto zum Geburtstag seiner Mutter nach Belgien. Am nächsten Tag überfiel die Wehrmacht Belgien. Otto floh zunächst nach Paris und erst im letzten Moment weiter nach Bordeaux, wohin sich auch die französische Regierung zurückgezogen hatte. Von dort aus ging es über Spanien und Portugal in die USA.
Während sich die Familie im kanadischen Québec niederließ, blieb Otto in New York und Washington. Gehör fand er auf der Konferenz von Québec im August 1943, auf der er den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und den britischen Premierminister Winston Churchill drängte, Österreich als „Opferstaat“ zu betrachten, dessen territoriale Integrität und Souveränität schützenswert sei.
Auch in den USA gelang es den österreichischen Emigranten nicht, eine gemeinsame Linie zu finden. Die Jahre in Amerika waren zudem geprägt vom Konflikt mit der tschechischen Exilregierung um Edvard Beneš, der gänzlich andere Vorstellungen von einer Nachkriegsordnung hatte als Otto, dem eine „Donauföderation“ jener Staaten vorschwebte, die einst Teil der k. u. k. Monarchie gewesen waren. Über Kontakte im Vatikan versuchte Otto, einen Gesprächskanal zur ungarischen Regierung herzustellen und diese zum Frontenwechsel auf die Seite der Alliierten zu bewegen – auch dieses Unternehmen misslang.
Nach Kriegsende zeigte sich, dass Ottos Ideen keinen Widerhall fanden. Ungarn verschwand hinter dem Eisernen Vorhang, Beneš setzte seine Vertreibungspolitik um, Österreich wurde in Besatzungszonen aufgeteilt und stellte die alte Verfassung von 1920/1929 wieder her, inklusive des Habsburgergesetzes. Die Gründung einer politischen Partei durch die legitimistische Bewegung scheiterte am Veto der Sowjets. Nach einem kurzen Aufenthalt in Tirol musste Otto erneut ins Exil.
Die folgenden Jahrzehnte verbrachte er größtenteils auf Reisen. Auf ausgedehnten Vortragstourneen sprach er über weltpolitische Themen, schrieb Bücher, verfasste Artikel und Kolumnen für Zeitungen und Zeitschriften in Europa und den USA. Viel Zeit nahm das Engagement für die Paneuropa-Union in Anspruch, eine von dem Schriftsteller Richard Coudenhove-Kalergi (1894–1972) gegründete Bewegung, die sich der politischen und wirtschaftlichen Einigung Europas verschrieben hat, für die sich nun auch Otto starkmachte.
Sein politisches Engagement war dabei nicht immer unumstritten. Insbesondere seine engen Kontakte zum spanischen Diktator Francisco Franco und sein Eintreten für die international nicht anerkannte Republik Rhodesien (heute Simbabwe) sorgten für Kritik. Scharf kritisierte er seinerseits die sozialdemokratische Entspannungspolitik und immer wieder die Vereinbarungen der Konferenz von Jalta 1945, auf der in seinen Augen die Weichen für das „koloniale Regime“ der Sowjetunion in Osteuropa gestellt worden waren.
Nach seiner Hochzeit mit Regina von Sachsen-Meiningen, einer Nachkommin Ernsts des Frommen (DAMALS 7-2022), im Jahr 1951 bezog Otto eine Villa in Pöcking am Starnberger See. Eine Rückkehr in die Heimat war ihm weiterhin nicht vergönnt, da der österreichische Staatsvertrag von 1955 das Habsburgergesetz übernahm. Zu stark waren die Vorbehalte wegen Ottos Kontakten zur „Monarchistischen Bewegung Österreichs“ (MBÖ) und aufgrund von journalistischen Beiträgen wie jenem, der im Oktober 1957 in der „Wochenpresse“ erschien und in dem der Habsburger ausführlich die Vorzüge einer Monarchie darstellte.
Als er am 21. Februar 1958 versprach, sich „als getreuer Bürger zur Republik zu bekennen“, wies Bundeskanzler Julius Raab (1953–1961) dies daher als unzureichend zurück, da Otto nicht ausdrücklich auf seine Herrschaftsansprüche verzichtet habe. Erst am 31. Mai 1961 erklärte Otto, „dass ich auf meine Mitgliedschaft zum Hause Habsburg-Lothringen und auf alle aus ihr gefolgerten Herrschaftsansprüche ausdrücklich verzichte“.
Doch die Regierung in Wien konnte sich auch weiterhin nicht auf eine Anerkennung der Erklärung einigen. Insbesondere Vizekanzler Bruno Pittermann (SPÖ) äußerte Bedenken: „Von einem Mann, der sich bei der Taufe seines Sohnes als Majestät bezeichnet hat, muss man annehmen, dass jede Loyalitätserklärung gegenüber der Republik falsch und betrügerisch war.“
Da dem Gesetz formal Genüge getan war, beschwerte sich Otto beim Verfassungsgericht, das sich jedoch für nicht zuständig erklärte. Erst eine Klage beim Verwaltungsgerichtshof brachte den gewünschten Erfolg. Doch da österreichische Staatsbürger nur mit gültigen Papieren die Grenze überschreiten dürfen, Otto darüber aber nicht verfügte, durfte er weiterhin nicht einreisen. Ein beim Generalkonsulat in München gestellter Antrag auf einen neuen Reisepass blieb unbearbeitet.
Erst als die ÖVP bei den Wahlen im März 1966 die absolute Mehrheit gewann, erhielt Otto einen neuen Reisepass, den er Ende Oktober erstmals nutzte, um das Grab seines Großonkels in Innsbruck zu besuchen. In der Folge häuften sich die Besuche in Österreich, wurden ausgedehnter, doch bis zu seinem Tod im Jahr 2011 blieb er in Bayern wohnen. Seit Ende der 1960er Jahre beriet der Habsburger die CSU in welt- und europapolitischen Fragen. Als 1979 die ersten Europawahlen anstanden, setzte die Partei den mittlerweile 66-Jährigen auf einen sicheren Listenplatz. Bis 1999 vertrat er seine Wahlheimat in Straßburg. Aus dem letzten Thronfolger der Habsburger-Monarchie war ein Parlamentarier geworden.
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