Im Ringen um den Thron von Numidien geriet Prinz Jugurtha um 112 v. Chr. in einen Konflikt mit dem Römischen Reich. Durch Beschwichtigung und Bestechung, aber auch mittels seiner geschickten militärischen Strategie konnte sich Jugurtha eine Zeitlang behaupten. Doch 104 v. Chr. erreichte ihn der lange Arm Roms.
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Im Jahr 133 v. Chr. war die Bevölkerung der kleinen spanischen Stadt Numantia in einer ausweglosen Lage. Eine römische Armee hatte die Stadt eingeschlossen und belagerte sie schon seit Monaten. Dennoch weigerten sich die letzten Aufrührer der Iberischen Halbinsel lange, sich zu ergeben. Seit 154 v. Chr. hatten sie Rom im Zuge des Iberischen Krieges eine Niederlage nach der anderen zugefügt, doch nun war der Aufstand vorüber. Sklaverei und Tod warteten auf sie.
Unter den vielen ambitionierten Männern im römischen Heerlager war auch ein junger nordafrikanischer Prinz, der genau beobachtete, wie Rom vorging. Sein Name war Jugurtha (um 160 –104 v. Chr.). Er war beeindruckt von dem enormen Materialaufwand, der Logistik, der Effizienz und der Gnadenlosigkeit, mit der die Römer in Spanien vorgingen.
Der Fall von Numantia: Lehrbeispiel und Gelegenheit für den Prinzen, Kontakte mit Römern aufzubauen
Jene Armee, die sich vor Numantia anschickte, den letzten Rest des Widerstandes in den Staub zu treten, stand unter dem Kommando des Scipio Aemilianus Africanus (185 –129 v. Chr.), des Zerstörers Karthagos. Doch es war keine typische römische Armee. Obwohl die römischen Truppen in Spanien von den ständigen Niederlagen gegen die Aufständischen völlig demoralisiert waren, hatte es der Senat nicht erlaubt, auf Staatskosten neue Truppen auszuheben. Scipio wusste sich zu helfen – unter den führenden Köpfen der Republik gab es niemanden, der über eine derart umfassende Klientel verfügte wie er. Nicht nur Veteranen griffen auf seinen Ruf hin zu den Waffen. Auch Könige, die sich ihm persönlich verpflichtet fühlten, schickten Hilfskontingente: Antiochos von Syrien, Attalos von Pergamon und nicht zuletzt Micipsa von Numidien (148 –118 v. Chr.).
Letzterer stellte Bogenschützen, Schleuderer und zwölf Elefanten – unter dem Kommando seines Neffen Jugurtha. Der damals etwa 27-Jährige traf im Heerlager auf die politische Prominenz der Zeit. Alle Positionen in Scipios Armee waren mit namhaftem Personal besetzt. So hatte Jugurtha die Möglichkeit, die Bekanntschaft vieler einflussreicher Römer zu machen und Kontakt zu den wichtigsten Familien Roms aufzubauen. Neben seinen zukünftigen Verbündeten traf er auch seine zukünftigen Feinde: Gaius Marius (um 158 – 86 v. Chr.) sollte ihm einst auf dem Schlachtfeld begegnen, und Gaius Memmius (Volkstribun im Jahr 111 v. Chr.) war es, der später öffentlich gegen ihn agitierte.
Die rund 4 000 Verteidiger Numantias hatten nicht den Hauch einer Chance. Ihnen standen etwa 60 000 Römer gegenüber, die einen Festungsring um die Stadt herum gebaut und alle verbündeten Stämme im Umland besiegt hatten. Hunger und Verzweiflung griffen um sich. Bald kam es zu Kannibalismus. Aber Rom verhandelte nicht. Niemand durfte davonkommen. Wer sich nicht selbst umbrachte, wurde in die Sklaverei verkauft. Jugurtha sah sehr genau zu.
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Aus Spanien kehrte er nach Numidien zurück – ein Gebiet, das sich heute Algerien und Tunesien teilen. Er brachte militärische Erfahrung, wertvolle Kontakte und ein Empfehlungsschreiben Scipios mit. König Micipsa zog daraus Konsequenzen: Er adoptierte seinen Neffen. Der strebsame Jugurtha stand nun auf einer Stufe mit Micipsas leiblichen Söhnen Hiempsal und Adherbal.
Als Micipsa 118 v. Chr. starb, entschieden die drei Prinzen, das Land untereinander aufzuteilen. Doch die Entscheidung hielt nicht lange vor. Jugurtha ließ Hiempsal ermorden, brachte die führenden Krieger auf seine Seite und ließ es auf einen offenen Bürgerkrieg ankommen. Adherbal musste in die benachbarte römische Provinz Africa fliehen. Dort nahm er ein Schiff nach Rom, um den Senat um Hilfe zu bitten.
Die Senatoren standen nun vor einem großen Problem: Jugurtha war kein Usurpator, sondern ein Verbündeter Roms – genau wie Adherbal. Er war Adherbal gegenüber sogar deutlich im Vorteil, weil er in Spanien zahlreiche Verbindungen geknüpft hatte. Dazu kam, dass Jugurtha großzügige Geschenke an besonders einflussreiche Senatoren verteilen ließ.
Der Senat beschloss, eine zehnköpfige Delegation nach Numidien zu schicken, um die gerechte Aufteilung des Landes zu überwachen. Die kämpfenden Brüder mussten sich fügen. Spätestens 117 v. Chr. wurde von der Gesandtschaft festgelegt, dass Jugurtha den Westen und Adherbal den Osten erhalten sollte. Adherbal bekam überdies die Königsstadt Cirta zugesprochen. Damit konnte Jugurtha eigentlich nicht zufrieden sein, dennoch folgten auf das römische Urteil sechs Jahre des Friedens.
Bei der Eroberung Cirtas töten Jugurthas Krieger auch Italiker
112 v. Chr. griff Jugurtha erneut an und begann mit Plünderungen auf ostnumidischem Gebiet. Noch immer saßen seine alten Bekannten aus den Zeiten der Numantia-Belagerung im Senat und sicherten ihm vermutlich zu, dass Rom sich nicht einmischen würde. Vor diesem Hintergrund steigerte Jugurtha seine Provokationen. Schließlich ging er dazu über, die Kornkammer des Ostreichs in eine Einöde zu verwandeln. Damit griff er nicht nur die Selbstversorgung an, sondern auch den Exporthandel seines Rivalen. Jugurtha war sich möglicherweise nicht bewusst, welche Reaktion er damit auslösen würde. Denn die Profite, die er mit seinem Feldzug vernichtete, waren nicht nur die Adherbals, sondern auch die italischer Spekulanten. Es waren in erster Linie Adlige aus Süditalien, die im ganzen Mittelmeerraum gewaltige Vermögen mit Risikogeschäften anhäuften.
In Nordafrika waren wohl auch Mitglieder des niederen römischen Adels, des Ritterstandes, in den Getreidehandel involviert. Sie alle erwarteten nun, dass Rom gegen Jugurtha vorging. Senatoren sahen für gewöhnlich mit Verachtung auf die Geschäftemacher herab, auch wenn sie sich ihrer gerne als Mittelsmänner bedienten. Für sie war Landbesitz das einzig ehrbare Vermögen. Dass in Nordafrika große Vermögen kampanischer Adliger und römischer Ritter pulverisiert wurden, wenn Jugurtha Numidien in Brand steckte, interessierte sie nur am Rand.
Adherbal konnte militärisch nichts gegen Jugurtha ausrichten. Er zog sich hinter die Mauern seiner Hauptstadt Cirta zurück und schickte Boten nach Rom. Jugurtha schloss Cirta ein und bereitete dann eine Belagerung vor, die jener von Numantia glich. Eine Belagerungsmauer sollte um die Stadt entstehen.
Rom schickte drei junge Gesandte nach Cirta, um zu vermitteln. Doch Jugurtha ließ sich den Sieg nicht nehmen, den er schon in Händen hielt. Er speiste die Gesandten mit Phrasen ab und verhinderte ihre geplante Unterredung mit Adherbal. Unverrichteter Dinge reisten sie wieder ab. Und rund um die Königsstadt wuchsen Jugurthas Mauern in die Höhe.
Unter den Geschäftsleuten sorgte das für Bestürzung. Der Senat hatte allem Anschein nach beschlossen, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Nach zweimonatiger Belagerung gelang es zwei Boten Adherbals, im Schutz der Dunkelheit den Ring der Belagerer zu durchbrechen und sich auf den Weg nach Rom zu machen. Wieder wurde der Senat um Hilfe gebeten. Und erneut entschieden die Senatoren, eine Delegation nach Numidien zu schicken. Diesmal waren es jedoch mächtige Senatoren, die sich auf den Weg machten. Sie reisten nicht nach Cirta. Stattdessen bezogen sie in der Provinz Africa Quartier und zitierten Jugurtha zu sich.
Gehorsam reiste dieser nach Africa und ließ sich dort maßregeln. Die Senatoren drohten mit ernsten Konsequenzen, sollte er an seinem Kurs festhalten. Mehr konnten und wollten sie nicht tun. Die militärische Intervention in einem Klientelstaat war für Rom das letzte Mittel. Auch Jugurtha wusste das. Zurück in Numidien, machte er genau dort weiter, wo er aufgehört hatte. Cirta fiel, die Verteidiger der Stadt wurden niedergemacht und König Adherbal hingerichtet. Wie in Numantia gab es keine Gnade.
Cirta war eine kosmopolitische Stadt. Neben Numidern lebten dort Karthager, Griechen und Italiker. Diese hatten sich mit der einheimischen Bevölkerung vermischt und sich auch an der Verteidigung beteiligt. Jugur-thas Krieger machten kurzen Prozess mit ihnen. Damit hatte der Senat in den Augen der Spekulanten, Fernhändler und Geldverleiher versagt.
Volkstribun Memmius dringt erfolgreich auf einen Feldzug
Jugurthas Verbündete im Senat versuchten, die Angelegenheit möglichst schnell unter den Teppich zu kehren. Doch der Volkstribun Gaius Memmius ließ es nicht dabei bewenden. Er wiegelte die Massen auf, führte ihnen vor Augen, dass Römer in Cirta ermordet worden waren, und verlangte nach Krieg. Tatsächlich hatte sein populistischer Ansatz Erfolg, der Senat fügte sich. Und eine Armee unter Lucius Calpurnius Bestia, in jenem Jahr Konsul, machte sich auf den Weg nach Numidien.
Bestia führte den Feldzug nur widerwillig. Vermutlich ließen sich er und seine Legaten reich beschenken und unterzeichneten dann zügig einen Friedensvertrag mit Jugurtha. Der numidische König musste sich Rom offiziell unterwerfen, konnte aber Alleinherrscher bleiben. Damit hatte er erreicht, was er wollte. Für die Geschäftsleute war dieser Ausgang eine Katastrophe, obwohl er den Interessen der Republik nicht unbedingt widersprach, denn im Norden des Reichs wuchs gerade die Bedrohung: Dardaner, Thraker, Skordister, Kimbern – Rom konnte keine zusätzliche Front in Nordafrika gebrauchen.
Die Befürworter des Krieges blieben dennoch hartnäckig, beschuldigten den Senat, korrupt zu sein. Memmius erreichte schließlich, dass Jugurtha nach Rom vorgeladen wurde. Er sollte darüber Rechenschaft ablegen, wie der Friedensvertrag zustande gekommen war. Sallust berichtet, was Memmius in der Volksversammlung forderte: „Es wird nun einer sagen: Was beantragst du also? Dass man gegen die, die den Staat an den Feind verraten haben, einschreiten solle, aber nicht durch Tötung und Gewalt – das wäre für euch als Vollstrecker schändlicher als für sie, die es träfe –, sondern durch Verhöre und durch die Aussage Jugurthas selbst“ (Sall. Iug. 31, 18).
Jugurtha kam tatsächlich nach Rom. Er war selbstbewusst und verließ sich auf seine Verbündeten an den Schaltstellen der Macht. Diese ermöglichten es ihm, die Aussage zu verweigern. Vielleicht erinnerte er auch mit neuerlichen Geschenken an die alten Bündnisse. Jugurtha ging schließlich sogar so weit, einen im römischen Exil lebenden numidischen Prinzen ermorden zu lassen.
An diesem Punkt entschieden mächtige Männer, dass es an der Zeit war, die Strategie zu ändern. Jugurtha wurde erklärt, er habe Rom unverzüglich zu verlassen. Zwischen Rom und Numidien herrschte wieder Krieg. In der Provinz Africa wurden die Legionäre in Marsch gesetzt.
Doch Jugurtha ließ sich nicht überrumpeln. Die einrückende Armee geriet 110 v. Chr. in einen Hinterhalt, wurde geschlagen und musste Numidien räumen. Die Geschlagenen wurden gedemütigt, mussten unter dem Joch hindurchmarschieren, sich also symbolisch den Siegern unterwerfen.
Nadelstich-Taktik: Die numidischen Reiter sind kaum zu fassen
Von nun an war es kein Krieg wider Willen mehr, den Rom da führte. Das Ende Jugurthas war beschlossene Sache. Quintus Caecilius Metellus (gest. um 54 v. Chr.), einer der mächtigsten Männer Roms, übernahm das Kommando. Unter seinen Legaten war Gaius Marius (158/57– 86 v. Chr.), der Jugurtha aus Spanien kannte. Marius gehörte zum Ritterstand und hatte sich an die Spitze der empörten Geschäftsleute gestellt.
In einer offenen Feldschlacht brachte Metellus Jugurtha eine Niederlage bei. Dieser verlegte sich daraufhin auf eine Taktik schneller Angriffe, versetzte den Römern Nadelstiche, wann immer sich die Gelegenheit bot. Als Metellus ins Winterquartier zog, hatte er zwar ein paar Städte im Osten erobert, konnte aber noch nicht einmal deren Umland kontrollieren.
Marius, der sich als ausgezeichneter Feldherr erwiesen hatte, setzte nun zum Sprung an. Sein erstes Ziel war nicht Jugurtha, sondern Metellus. Er erklärte seinem Vorgesetzten, er wolle sich in Rom um das Konsulat bewerben. Selten erlaubte es der römische Hochadel einem Ritter, die Ämterlaufbahn bis zur obersten Sprosse zu erklimmen. Aber Marius hatte die Chance dazu, sein Rückhalt wuchs.
Marius ging also nach Rom, und Metellus setzte im Frühjahr den Krieg fort. Erneut gelang es ihm, Jugurtha zu schlagen. In Ostnumidien ebbte der Widerstand allmählich ab. Auch die Hauptstadt Cirta fiel Metellus in die Hände. Unterdessen gelang Marius die Wahl zum Konsul. Per Volksbeschluss erhielt er anschließend das Kommando im Numidienkrieg – gegen den Willen des Senats. Damit war Metellus aus dem Spiel.
Im Frühjahr 107 v. Chr. kehrte Marius an der Spitze einer frisch ausgehobenen Armee nach Afrika zurück. Seine Förderer und das aufgepeitschte Volk erwarteten einen Sieg über Jugurtha. Doch dieser wich mit seiner leichten Reiterei dem offenen Kampf aus. Noch immer hatte er den Rückhalt der Stämme und die Unterstützung seines Schwiegervaters Bocchus von Mauretanien. Marius zog mit seinem Heer durch das Land. Er terrorisierte die Bevölkerung, aber die Entscheidungsschlacht ließ sich nicht erzwingen.
Um den schnellen Reitern Jugur-thas beikommen zu können, hatte Marius eine Kavallerieeinheit aufstellen lassen. An ihrer Spitze stand der Quaestor Lucius Sulla (um 138 – 78 v. Chr.), der zu Hause nicht den besten Ruf genoss, sich unter Marius aber bewährte. Seine Reiter kamen gerade rechtzeitig in Numidien an, um bei einem Überraschungsangriff Jugurthas eine Niederlage der Römer zu verhindern. In der nächsten Schlacht wurde das Ende Jugurthas besiegelt. Die römische Reiterei war diesmal bestens vorbereitet: Als die Krieger angriffen, wurden sie aufgerieben. Bocchus von Mauretanien beschloss, seine eigene Haut zu retten. Er ließ Marius wissen, dass er verhandeln wolle.
Das Ende: Sein Schwiegervater liefert den Gesuchten aus
Zu Recht sahen die Römer ihre Chance gekommen. Sulla ging persönlich ins Lager des Königs und überbrachte ihm das Angebot: Jugurtha musste ausgeliefert werden. Im Gegenzug sollte Bocchus Westnumidien seinem eigenen Reich einverleiben dürfen. Der König willigte ein. Er hatte lange zu seinem Schwiegersohn gehalten; jetzt lieferte er ihn ans Messer. Jugurtha wurde in die Falle gelockt und in Ketten gelegt.
Für Marius war damit alles nach Plan verlaufen. Seine Unterstützer waren zufrieden. Zurück in Rom, hielt er einen Triumphzug ab. Jugurtha wurde in vollem Königsornat den jubelnden Massen präsentiert und dann ins Gefängnis geworfen, wo er wenige Tage später erfror, verhungerte oder – einer anderen Überlieferung zufolge – erdrosselt wurde. Seine alten Verbündeten im Senat hatten keinen Finger mehr für ihn gerührt.
Während sich Jugurthas Schwiegervater Westnumidien einverleibte, wurde im Osten der geistig und körperlich behinderte Prinz Gauda eingesetzt, dessen Hintermänner den römischen Spekulanten wieder alle Tore öffneten. Die Karrieren der Feldherren Marius und Sulla waren noch lange nicht zu Ende. Doch schon früh zeichnete sich die Rivalität zwischen den beiden ab – eine Rivalität, die zu bitterer Feindschaft wurde und in einem Bürgerkrieg ihren Höhepunkt erreichte, aus dem Sulla als Sieger und römischer „Dictator“ hervorging.
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