Dr. Věra Šlancarová
Ein Schlüssel, der nirgendwo passte. Genau ein solcher Gegenstand kam bei einer archäologischen Grabung in den Jahren 2000 bis 2008 im ehemaligen Klosterhof von Brno-Královo Pole (Brünn-Königsfeld, Tschechien) ans Licht. Das Metallschlüsselchen enthüllte seinen Zweck weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick. Erst eine geduldige Suche nach Analogien und das Studium mittelalterlicher Quellen enthüllten, was dieser scheinbar unbedeutende Gegenstand war: ein stummer Zeuge lebendiger mittelalterlicher Frömmigkeit und ein Beleg für Wege, die Gläubige quer durch ganz Europa unternahmen.
Wozu dient ein Schlüssel ohne Schloss?
Königsfeld wird in schriftlichen Quellen erstmals in den 1240er Jahren erwähnt, damals noch als kleines Dorf am Rand von Brünn. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts erwarb Markgraf Johann Heinrich, Bruder des Kaisers Karl IV., hier umfangreichen Grundbesitz und übereignete ihn 1375 dem Kartäuserkonvent der Heiligsten Dreifaltigkeit (auch „Cella Trinitatis“ genannt).
Der Gegenstand wurde bei der archäologischen Erforschung des Wirtschaftshofareals entdeckt. Die Befundsituation war nicht einfach. Das Fundstück wurde beim Reinigen der Fläche in einer Grube erfasst, die als Überrest eines teilweise eingetieften Kellers gedeutet wird. Die Schwierigkeiten bei der Deutung entstanden aufgrund der Beschaffenheit des Geländes an sich: Im Mittelalter befand sich hier eine größere Anzahl von Kellern und unterirdischen Gängen, die sukzessive einstürzten und eine Vermischung der archäologischen Schichten verursachten. Diese Situation stellte die Archäologen vor große Herausforderungen.
Die Gesamtlänge des Schlüsselchens beträgt lediglich 32 Millimeter. Der Ring ist dreipassförmig gearbeitet und weist drei kleine Vorsprünge auf. Gefertigt wurde das Stück aus einer gelblich schimmernden Metalllegierung. Eine RFA-Analyse zeigte, dass die Legierung aus Kupfer, Blei, Zinn und Zink besteht.
Das beschriebene Schlüsselchen ist in seiner Form und seinen Abmessungen völlig außergewöhnlich – als funktionaler Schlüssel für ein Schloss wäre es kaum geeignet gewesen. Was stellte es also dar? Die ersten Schritte der Untersuchung führten naturgemäß zu mittelalterlichem Schmuck und Ziergegenständen. Kleine Metallschlüssel wurden damals als Schmuck in Form von Anhängern getragen. Doch die formalen Besonderheiten des Fundes fügten sich dort nicht recht ein. Je länger man suchte, desto klarer zeigte sich, dass die richtige Spur in eine andere Richtung führte – in die Welt der Pilgerzeichen, Amulette und Schutzgegenstände.
Hier ergab die weitere Recherche einen entscheidenden Hinweis. Unter den Belegen mittelalterlicher Volksfrömmigkeit und Pilgerkultur tauchten Gegenstände auf, die dem Schlüsselchen ähnelten – dieselbe Größe, dieselbe Form des Rings, dieselbe Symbolik. Die Analogien führten schließlich bis in die Steiermark, in das Stift Rein.





