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Der Taktierer auf dem Thron
Anfangs schien es, als wolle der preußische König Friedrich Wilhelm IV. den Revolutionären die Hand reichen. Doch letztlich beharrte er auf dem Gottesgnadentum seiner Herrschaft – und lehnte die ihm von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab.
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Es war eine denkwürdige Szene, die sich am Vormittag des 21. März 1848 in Berlin abspielte: König Friedrich Wilhelm IV. ritt – mit nur kleinem Gefolge – hinter einer schwarz-rot-goldenen Fahne durch die von einer großen Menschenmenge bevölkerten Straßen der Hauptstadt. In mehreren kleinen Reden und in einer am selben Tag veröffentlichten Proklamation bekundete er mit den seither vielzitierten Worten „Preußen geht fortan in Deutschland auf“ seinen Willen, sich an die Spitze der konstitutionellen und nationalen Bewegung zu stellen.
Wenige Tage später berief der König ein „Märzministerium“ unter Führung der liberalen rheinischen Unternehmer Ludolf Camphausen und David Hansemann. Und kurz darauf wurden Wahlen zu einer verfassunggebenden preußischen Nationalversammlung ausgeschrieben. Preußen schien sich, im Einklang mit seinem Monarchen, auf dem Weg in eine liberal
geprägte Zukunft zu befinden. Nur wenige zeitgenössische Beobachter wie der spätere Führer der Liberalen Rudolf Virchow, der von einem „großen politischen Streich“ sprach, durchschauten die gekonnte Inszenierung.
Dieses grandiose Missverstehen seiner leitenden Ideen und innersten Absichten hatte den 1795 geborenen Friedrich Wilhelm schon seit seiner Thronbesteigung 1840 begleitet. Der neue König hatte nämlich den hohen Erwartungen auf einen innenpolitischen Kurswechsel zunächst mit einigen Zugeständnissen wie einer Lockerung der Zensur, einer Amnestie für politische Gefangene und einer konzilianteren Haltung gegenüber der katholischen Kirche und Bevölkerung entsprochen. Auch seine Redegabe und seine Offenheit gegenüber modernen Formen der politischen Selbstdarstellung hatten die Öffentlichkeit beeindruckt und Hoffnungen auf Reformen im liberalen Sinn geweckt.
Die eigenen Reformprojekte des Königs sind alle gescheitert
Doch verfolgte Friedrich Wilhelm ein ganz eigenes „monarchisches Projekt“: Sein Kern war die aus tiefer Religiosität geschöpfte Überzeugung, ein Herrscher von Gottes Gnaden zu sein. Gegen den „französisch-modernen“ Konstitutionalismus setzte er das Modell einer ständischen Rekonstruktion des Staates, in dem auch der Monarch keineswegs unumschränkt herrschen sollte. Offen war der König schließlich auch für deutsche Nationalgefühle, die allerdings in einem konservativ-patriotischen Sinn, in enger Verbundenheit von Monarch und Untertanen umgesetzt werden sollten.
Obwohl Friedrich Wilhelm seine Ziele mit großer Energie und Hartnäckigkeit verfolgte, scheiterte er mit seinen konkreten Initiativen in den 1840er Jahren auf ganzer Linie, zuletzt 1847 mit dem Plan, im Vereinigten Landtag eine ständische Alternative zu einem Parlament nach modernem Verständnis zu schaffen.
Konfrontiert mit der revolutionären Herausforderung des März 1848, agierte Friedrich Wilhelm erstaunlich flexibel und nervenstark. Obwohl er von den Hardlinern in seiner Umgebung, darunter seinem Bruder Wilhelm, dem späteren König und Kaiser, die für ein noch härteres militärisches Vorgehen gegen die Aufständischen eintraten, als „Memme“ beschimpft wurde, entschied sich der König unter dem Eindruck der blutigen Barrikadenkämpfe in der Nacht vom 18. zum 19. März, die Truppen aus Berlin abzuziehen und auf zentrale Forderungen der revolutionären Erhebung einzugehen.
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In privaten Äußerungen ließ er allerdings keinen Zweifel daran, dass er keineswegs an ein dauerhaftes Einlenken und schon gar nicht an Kapitulation dachte; so schrieb er schon am Tag nach seinem Umritt an Wilhelm: „Die Reichsfarben musste ich gestern freiwillig aufstecken, um Alles zu retten. Ist der Wurf gelungen …, so lege ich sie wieder ab.“
Mit der Konstituierung der preußischen Nationalversammlung am 22. Mai begann eine monatelange Phase der Konfrontation zwischen den mehrheitlich links von der Mitte stehenden Abgeordneten und dem König, der sich Ende März nach Potsdam zurückgezogen hatte. Friedrich Wilhelm widersetzte sich allen Verfassungsentwürfen, die sein Gottesgnadentum nicht ausdrücklich anerkannten, an seiner ausschließlichen militärischen Befehlsgewalt rüttelten oder daran zweifelten, dass die neue Konstitution aus einer Vereinbarung zwischen ihm und dem Volk hervorgehen solle. Konfliktverschärfend wirkten zahlreiche Debatten in der Nationalversammlung, in denen eine demonstrative Ehrung der Märzgefallenen gefordert oder die politische Rolle des Militärs thematisiert wurde.
Mehr und mehr reifte bereits in dieser Zeit der Entschluss des Königs und seiner wichtigsten konservativen Berater, der sogenannten Kamarilla, dem revolutionären Spuk bei passender Gelegenheit ein Ende zu bereiten und besonders die nach wie vor höchst unruhige Hauptstadt − mit den Worten Friedrich Wilhelms: die „Eiterbeule von Berlin“, die dringend „operiert“ werden müsse − wieder unter Kontrolle zu bringen.
Noch aber folgte der König der Empfehlung seines engsten Freundes und Beraters, Joseph Maria von Radowitz (1797–1853): „Waffnen sich Ew. Kgl. Majestät daher mit Gelassenheit, bis der richtige Augenblick kommt, lassen Sie die Minister den Streit allein führen und halten Sie Ihren Namen so lange zurück, bis er im rechten Momente in erste Linie treten kann und muß.“
Mit dem Sieg der Gegenrevolution in Wien wendet sich das Blatt
Der passende Augenblick ergab sich nach dem blutigen Sieg der Gegenrevolution in Wien Ende Oktober 1848. Nicht zuletzt auf Druck der Kamarilla wurde am 2. November ein Großonkel des Königs, General Friedrich Wilhelm Graf von Brandenburg, mit dem ausdrücklichen Auftrag zum Ministerpräsidenten ernannt, ohne weiteres Zögern und notfalls mit militärischer Gewalt die Gegenrevolution zu vollziehen.
Am 10. November − einen Tag nachdem in Wien der führende Demokrat Robert Blum hingerichtet worden war – rückte die preußische Armee, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, in Berlin ein. Die preußische Nationalversammlung war am Tag zuvor offiziell nach Brandenburg verlegt worden und wurde am 5. Dezember 1849 endgültig aufgelöst.
Der König stimmt doch noch einer Verfassung zu
Am 12. November 1849 wurde über die Hauptstadt der Belagerungszustand verhängt und damit zugleich das politische Leben sowie die Pressefreiheit massiv eingeschränkt. Die Schriftstellerin Fanny Lewald kommentierte die neue bedrückende Situation mit den Worten: „Die Thore sind offen, die Straßen sind frei – aber man hat dennoch das Gefühl, sich in einem Gefängnisse zu befinden.“
Ohne Konzessionen an das liberale Bürgertum kam aber auch die preußische Gegenrevolution nicht aus. Vor allem auf Drängen des Ministerpräsidenten und des Innenministers Otto von Manteuffel ließ der König am 5. Dezember aus eigener Machtvollkommenheit eine „Verfassungs-Urkunde für den preußischen Staat“ verkünden. Indem diese sich inhaltlich weitgehend an die Charte Waldeck, den letzten Verfassungsentwurf der Nationalversammlung, anlehnte, kam sie den Forderungen der liberal-konstitutionell orientierten Bürger weit entgegen.
Friedrich Wilhelm fremdelte allerdings noch lange mit seiner neuen Rolle als konstitutioneller Monarch. Erst mehr als ein Jahr später – die Verfassung war inzwischen in einigen wichtigen Punkten im konservativen Sinn revidiert worden − legte der König am 6. Februar 1850 den vorgeschriebenen Eid ab. Trotz seiner inneren Ablehnung der Verfassung, aus der er auch weiterhin kein Hehl machte, war es Friedrich Wilhelm IV. so gelungen, erhebliche Teile der monarchischen Autorität gegen die revolutionäre Bedrohung zu behaupten.
Doch zurück ins Jahr 1848: Nachdem sich durch den Erlass der Verfassungsurkunde für Preußen im Dezember die Lage im eige-
nen Herrschaftsbereich stabilisiert hatte, nahm der preußische König wieder stärker die nationale Frage in den Blick. Noch arbeitete damals ja in Frankfurt die deutsche Nationalversammlung, in der nach den Wiener Ereignissen die Befürworter eines kleindeutschen Nationalstaats unter preußischer Führung die Oberhand gewannen.
Die Signale, die Friedrich Wilhelm und seine Regierung nach Frankfurt sendeten, waren allerdings keineswegs eindeutig: Gegenüber dem Präsidenten der Nationalversammlung, Heinrich von Gagern, bestand er zwar Ende November darauf, dass er die Kaiserkrone nicht aus der Hand der Nationalversammlung, sondern nur von den deutschen Fürsten entgegennehmen würde. Aber als ein unbedingtes und definitives „Nein“ war seine Stellungnahme nicht formuliert.
In vertraulichen Briefen wurde der König sehr viel deutlicher. An den preußischen Gesandten in London schrieb er im Dezember, die Krone, die die Nationalversammlung ihm anbieten könne, sei mit dem „Ludergeruch der Revolution von 1848“ behaftet und ein „imaginärer Reif, aus Dreck und Letten gebacken“; solle „die tausendjährige Krone deutscher Nation … wieder einmal vergeben werden, so bin ich es und meinesgleichen, die sie vergeben werden; und wehe dem, der sich anmaßt, was ihm nicht zukommt“.
So schritten die Frankfurter Abgeordneten, nachdem sie am Tag zuvor die Reichsverfassung mit knapper Mehrheit verabschiedet hatten, am 28. März 1849 noch voller Hoffnung zur Wahl des deutschen Kaisers: 290 Stimmen entfielen auf Friedrich Wilhelm IV., 248 Abgeordnete enthielten sich.
Eine 32-köpfige Deputation unter der Leitung des Königsbergers Eduard Simson sollte dem preußischen König die Kaiserkrone antragen. Als die Abgeordneten am 3. April vom König empfangen wurden, knüpfte dieser die Annahme an die Bedingung, zunächst „das freie Einverständniß der gekrönten Häupter, der Fürsten und freien Städte Deutschlands“ einzuholen. Es sei jetzt an den Regierungen der Einzelstaaten, „in gemeinsamer Berathung zu prüfen, ob die Verfassung dem Einzelnen, wie dem Ganzen frommt“.
Diese Antwort konnte von der Deputation nur als Ablehnung aufgefasst werden, denn nach ihrem Rechtsverständnis hatte sie lediglich das Angebot einer Krone, nicht aber das einer Verfassung zu überbringen. Die offizielle Absage der preußischen Regierung erfolgte allerdings erst in einer Note vom 28. April 1849.
Preußen will sich an die Spitze einer Union der Fürsten stellen
Ganz aufgeben wollte Friedrich Wilhelm seine nationaldeutschen Ambitionen damit aber nicht. Vielmehr verlief die Entwicklung in der Folgezeit zweigleisig: Auf der einen Seite zögerte der König nicht, überall in Deutschland preußische Truppen gegen die letzten Zuckungen der Revolution einzusetzen, gegen die breit angelegte und teilweise in gewaltsamen Aufständen gipfelnde Kampagne, die Reichsverfassung doch noch durchzusetzen.
Und auf der anderen Seite verfolgte Friedrich Wilhelm nun unter maßgeblichem Einfluss von Radowitz das Projekt einer Union der deutschen Fürsten unter preußischer Führung. Österreich sollte über einen weiteren Bund locker mit der engeren Union verbunden sein. Noch im April begannen erste diplomatische Sondierungen, die sich zunächst auf die Königreiche Bayern, Hannover, Sachsen und Württemberg konzentrierten und die Ende Mai zu einem Teilerfolg, einem Dreikönigsbündnis mit Hannover und Sachsen, führten.
Die Verfassung des neuen Bundesstaates sollte eine im monarchischen Sinn überarbeitete Fassung der von der Paulskirche verabschiedeten Konstitution bilden, die von einem noch zu wählenden Reichstag in Erfurt verabschiedet werden sollte.
Doch je stärker die Niederschlagung der Reichsverfassungskampagne voranschritt und je fester die Regierungen der verschiedenen Einzelstaaten wieder im Sattel saßen, desto größer wurde der Widerstand gegen das preußische Unionsprojekt. Vor allem Österreich, das anfänglich eine abwartende Haltung eingenommen hatte, machte – unterstützt vom Zarenreich − Front gegen die preußische Politik und konnte nach und nach die vier Königreiche und einen großen Teil der kleinen und mittleren Staaten auf seine Seite ziehen.
Der Vertrag von Olmütz (29. November 1850) zwischen Preußen und Österreich kam einer preußischen Kapitulation gleich. Die Unionspläne waren damit endgültig beerdigt.
Das war unübersehbar auch eine schwere persönliche Niederlage für Friedrich Wilhelm IV., für die ihm eigene Mischung von monarchischem Herrschaftsverständnis und nationaler Romantik. Aber aus Sicht der konservativen, die Monarchie tragenden Kräfte konnte sich seine Revolutionsbilanz sehen lassen: Er hatte in Preußen die Stellung der Monarchie, ihre unbeschränkte Kommandogewalt über das Militär und ihren bestimmenden politischen Einfluss behauptet und für viele Jahrzehnte gesichert.
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