Kurz nach dem Krieg, am 21. September 1945, holte die sowjetische Geheimpolizei Weise in seinem Haus in Kleinmachnow ab. Da war die Autorin gerade drei Jahre alt. Ihren Vater sah sie nie wieder, er starb in sowjetischer Haft. Was sie von ihrem Vater erfuhr, ergab ein höchst widersprüchliches Bild. Den Erzählungen der Mutter vom liebevollen Ehemann und sensiblen Intellektuellen sowie der Tatsache, dass er niemals Parteimitglied der NSDAP war, stehen Aussagen und Dokumente entgegen, die Weise als Zyniker darstellen, der sich bereitwillig von den Nazis für deren Zwecke einspannen ließ.
Züchner lebte sechs Jahrzehnte mit diesem Widerspruch. 2002 begann sie, sich kritisch mit der väterlichen Biografie auseinanderzusetzen. Da zu diesem Zeitpunkt bereits alle Weggefährten Weises verstorben waren, gestaltete sich ihre Recherche schwierig. So musste sie die Vergangenheit anhand von Akten, persönlichen Aufzeichnungen sowie privaten und staatlichen Dokumenten rekonstruieren.
Züchner erzählt etwa von Weises Mitschuld am Tod seines Freundes, des Karikaturisten Erich Ohser. Der unter dem Pseudonym e.o. plauen bekannt gewordene Zeichner wurde 1944 als Regimegegner angezeigt. Noch vor seiner Verurteilung erhängte er sich in seiner Gefängniszelle. Zuvor hatte Weise die Glaubwürdigkeit des Denunzianten schriftlich bestätigt. Auch zitiert die Autorin ausführlich aus den Propagandaartikeln Weises, die in der menschenverachtenden Diktion der Nationalsozialisten verfasst sind.
Züchner gelingt es weitgehend, ihre persönliche Sicht auf ihren Vater und die sachliche Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte miteinander in Einklang zu bringen. Dabei profitiert sie von der Erfahrung, die sie in der Verklärung der Vergangenheit gesammelt hat. Diese hilft ihr, besser nachvollziehen zu können, wie viele Nazi-Täter und -Mitläufer ihre eigene Schuld später relativiert haben. Sie versucht das Verhalten ihres Vaters zu erklären, ohne ihn je zu entschuldigen. Das Ergebnis ist weder eine einseitige Anklage noch ein Verteidigungsplädoyer, sondern das vielschichtige Porträt eines Vaters und Täters.
Rezension: Jan Müller





