Für die Osmanen, die im Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands standen, brachte das Jahr 1915 eine Reihe von militärischen und politischen Ereignissen mit sich, die das Schicksal der Türkei prägen sollten. Mustafa Kemal ebneten sie den Weg, Atatürk – Vater der Türken – zu werden.
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Als das Osmanische Reich am 10. November 1914 den Alliierten – Russland, Frankreich und Großbritannien – den Krieg erklärte, war Mustafa Kemal als Militärattaché an der osmanischen Botschaft in Sofia tätig. Im Januar 1915 wurde ihm befohlen, das Kommando der 19. Infanteriedivision zu übernehmen, die sich noch im Aufbau befand.
Mustafa Kemal begann unverzüglich mit der Aufstellung seines neuen Regiments in Thrakien, als die gemeinsame britische und französische Beschießung der osmanischen Befestigungen im Gebiet der Dardanellen das Kriegsministerium zwang, seine Einheit sofort dorthin zu entsenden. Es war klar, dass die osmanischen Land- und Seestreitkräfte nicht verhindern konnten, dass die Hauptstadt in Feindeshand geriet, wenn die Streitkräfte der Alliierten die Meerenge passieren und ins Marmaremeer eindringen würden.
Am 18. März 1915, nach einer Reihe von Beschießungen, erreichte eine alliierte Armada den Eingang zu den Dardanellen. Die aus britischen, französischen und russischen Schiffen bestehende Flotte stand bereit, um Istanbul einzunehmen und dem Osmanischen Reich ein Ende zu bereiten. Doch die Alliierten verloren eine der entscheidendsten Seeschlachten der Geschichte, als die Schiffe den osmanischen Küstenbatterien und unmittelbar vor dem Angriff gelegten Minen zum Opfer fielen. Nachdem in einem eintägigen Einsatz drei große Schlachtschiffe sanken und drei weitere Kriegsschiffe schwer beschädigt wurden, beschlossen die Alliierten, die Seekampagne zu beenden.
Bei Gallipoli trägt Mustafa Kemal zu einem glänzenden Sieg gegen die Alliierten bei
Wenige Wochen später ergriff Mustafa Kemal die Gelegenheit, eine entscheidende Rolle in der Gallipoli-Kampagne zu spielen. Am Morgen des 25. April landeten australische und neuseeländische Einheiten an sechs verschiedenen Stränden der Westküste der Halbinsel Gallipoli. Bereits am ersten Tag des Angriffs nahm Mustafa Kemal das Kommando selbst in die Hand. Er gruppierte die in Panik geratenen und ungeordnet zurückweichenden Soldaten neu und befahl ihnen, einen Bajonettangriff gegen die alliierten Truppen zu starten, bis Unterstützung eintreffen würde.
Mustafa Kemal reflektierte später diesen Schlüsselmoment: „Meiner Meinung nach gab es einen wichtigeren Faktor als diese taktische Situation – nämlich, dass sich jeder auf den Feind stürzte, um zu töten und zu sterben. Das war kein gewöhnlicher Angriff. Jeder war bestrebt, erfolgreich zu sein oder mit der Entschlossenheit vorwärtszugehen zu sterben. Hier ist der Befehl, den ich den Kommandeuren mündlich gab: ,Ich befehle euch nicht anzugreifen – ich befehle euch zu sterben! In der Zeit, die vergeht, bis wir sterben, können andere Truppen und Kommandeure unseren Platz einnehmen!‘“
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Der Abbruch der ersten alliierten Offensive löste einen erbitterten Grabenkrieg aus, der teilweise in einen brutalen Nahkampf ausartete. Die Hoffnung Großbritanniens auf einen schnellen Sieg zerschlugen sich innerhalb weniger Wochen, als sich beide Seiten verschanzten und die Halbinsel in ein kompliziertes Flickwerk aus Gräben und Bunkern verwandelten. Im August 1915 verhinderte Mustafa Kemal eine weitere alliierte Großoffensive in seinem Sektor und fuhr mit einer erfolgreichen Gegenoffensive fort. Doch der Grabenkrieg wurde bald wiederaufgenommen und dauerte bis zum endgültigen Rückzug der britischen und französischen Streitkräfte im Dezember 1915. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Opfer.
In der Schlacht von Gallipoli bewies Mustafa Kemal seine umfassenden organisatorischen Fähigkeiten. Es war ein grandioser Sieg für das Osmanische Reich – wenn dieser auch am Ausgang des Kriegs nichts änderte. Für Mustafa Kemal bedeutete die Schlacht den Durchbruch: Er war als ein weitgehend unbekannter Oberstleutnant nach Gallipoli gekommen und verließ das Schlachtfeld als Kriegsheld.
Im April 1916 wurde Mustafa Kemal im bemerkenswert geringen Alter von 35 Jahren zum Brigadier (mirliva) – ein Generalsrang – befördert und mit Pascha tituliert. Das Kriegsministerium ernannte ihn zunächst zum Kommandeur des 16. Armeekorps in Diyarbakır, um der neuen russischen Offensive entgegenzuwirken.
Die Soldaten des jungen Brigadiers schlugen sich während der Offensive nach erbitterten Kämpfen in Muș und Bitlis im August 1916 gut. Die Ankunft russischer Verstärkungen sowie ein früher Schneefall zwangen die osmanischen Truppen allerdings, ihren Vormarsch einzustellen und sich aus den hart erkämpften Städten Ostanatoliens zurückzuziehen. Unterdessen markierte die russische Revolution im Februar 1917 den Beginn eines internen Zusammenbruchs, der von einem Rückzug von der osmanischen Ostfront begleitet wurde. Das Scheitern des Feldzuges an der Ostfront im August 1916 hatte die osmanische 2. Armee Tausende Tote gekostet, doch Mustafa Kemal hatte erneut weitere Gebietsverluste in Anatolien verhindert.
Nach dem Rückzug Russlands aus Ostanatolien im Juli 1917 wurde Mustafa Kemal beauftragt, eine neue osmanische Armee gegen die britischen Kolonialtruppen, die durch Mesopotamien marschierten, zu bilden. Allerdings war sein Aufenthalt in Syrien kurz. Durch Konfrontationen zwischen ihm und den deutschen Befehlshabern sah er sich gezwungen, von seinem Posten als Armeekommandeur zurückzutreten. Frustriert kehrte er nach Istanbul zurück: „Ich nahm eine Suite im Pera-Palas. Ich war niedergeschlagen wie jemand, für den alles zusammengebrochen war. Allerdings tröstete ich mich wie jemand, der glaubt, dass alles Verlorengegangene wieder gerettet werden könnte.“
Eine Kur in Karlsbad regt zu grundlegenden Gedanken an
Im Januar 1918 blieb Mustafa Kemal hauptsächlich in Istanbul. Er wurde erneut angewiesen, seinen Dienst an der osmanischen Front in Syrien wiederaufzunehmen. Allerdings hinderte ihn eine schwere Infektion daran. Im Mai 1918 fuhr er für eine medizinische Behandlung nach Wien und dann weiter zur Genesung nach Karlsbad in Böhmen.
Während er sich in den heißen Quellen der Stadt entspannte, begann Mustafa Kemal ein Tagebuch zu führen. In seinen „Karlsbader Memoiren“ berichtet er ausführlich über seine Gedanken und Meinungen zum Krieg, zur Politik, zur Gesellschaft und zu seinen täglichen Aktivitäten abseits der Front.
Häufig beschäftigten ihn die Themen Autorität und Macht: „Wenn ich jemals große Autorität und Macht erlangen sollte, würde ich, glaube ich, mit einem Schlag den Wandel in unserem gesellschaftlichen Leben einleiten. Ich akzeptiere nicht und mein Geist rebelliert gegen die in manchen Kreisen geäußerte Vorstellung, dass dies schrittweise geschehen kann, indem man das einfache Volk und die Ulemas [islamische Geistliche] dazu bringt, auf meiner Ebene zu denken. Nachdem ich so viele Jahre damit verbracht habe, eine höhere Bildung zu erwerben, mich in das zivilisierte gesellschaftliche Leben zu vertiefen und einen Geschmack von Freiheit zu erhalten, warum sollte ich dann auf die Ebene des einfachen Volkes herabsteigen? Vielmehr sollte ich sie auf mein Niveau heben. Sie sollten wie ich werden, nicht ich wie sie.“
Im Juli 1918 starb Sultan Mehmed V., und als ältestes männliches Mitglied der Osmanen-Dynastie folgte ihm Mehmed VI. Vahideddin auf den Thron. Der neue Sultan befahl Mustafa Kemal, nach Istanbul zurückzukehren, und teilte ihm persönlich mit, dass er ihn zum Kommandeur der 7. Armee in Syrien ernannt hatte. Als Mustafa Kemal in seinem Hauptquartier in Nablus eintraf, warnte er, dass die Front so dünn wie ein „Baumwollfaden“ sei und nicht mehr lange gehalten werden könne.
Wie er vorausgesehen hatte, startete die neue britische Operation am 19.September und überlistete die osmanischen und die deutschen Kriegsplaner. Die britische Expeditionstruppe vernichtete innerhalb von zwölf Tagen drei osmanische Armeen vollständig, die deutlich in der Unterzahl waren. Am 26. Oktober versetzte eine anglo-indische Truppe der angegriffenen osmanischen Armee den Todesstoß, indem sie das gesamte Syrien eroberte und Mustafa Kemal und seine Truppen zum Rückzug noch weiter nach Norden zwang.
Vier Tage später, am 30. Oktober, unterzeichnete die osmanische Regierung den Waffenstillstand von Moudros und zog sich aus dem Krieg zurück. Das Osmanische Reich verlor mit seinem Bündnispartner den Krieg, jedoch betrachtete Mustafa Kemal sich selbst als den „beau sabreur“ („schneidigen Draufgänger“), der 1915 das Reich gerettet, 1916 die russischen Vorstöße beendet und 1918 einen geordneten Rückzug aus Syrien organisiert hatte.
Nach seiner Rückkehr aus Syrien verbrachte Mustafa Kemal einen Großteil seiner Zeit mit Besuchen bei hohen Beamten, in der Hoffnung, den mit der Flucht von Enver Pascha frei gewordenen Posten des Kriegsministers zu erhalten. Doch seine Bemühungen waren nur wenig erfolgreich. Trotz zahlreicher Treffen entschied sich der neue Sultan unter dem Druck der Briten, aber auch aufgrund von persönlichen Bedenken gegen Mustafa Kemal.
Zur selben Zeit verschlechterte sich die Lage in Anatolien. Im Osten griffen die Armenier und Georgier die russischen Provinzen Kars und Ardahan an. Französische Truppen erlangten in den südlichen Bezirken Mersin, Adana und Maraș die Kontrolle über die südanatolische Region Kilikien. Tausende vertriebene Armenier schöpften unter französischer Verwaltung neue Hoffnung, die muslimischen Dorfbewohner gerieten dagegen in die Defensive. All dies schürte die nationalistische Stimmung bei den Türken weiter und schuf die Voraussetzung für einen patriotischen Widerstand, der das Vertrauen in den Sultan endgültig verloren hatte.
Mustafa Kemal suchte eine Gelegenheit, sich dem Widerstand in Anatolien anzuschließen. Diese kam am 30. April 1919, als die Regierung ihn bat, als Kommissar nach Erzurum zu fahren, um dort eine alliierte Besetzung der Schwarzmeerküste im Gefolge von Zusammenstößen zwischen einheimischen Griechen und Muslimen zu verhindern.
Mustafa Kemal stellt sich an die Spitze des Widerstands
Er kam am 19. Mai 1919 – vier Tage nach der griechischen Besetzung von Izmir – in Samsun an, was für seinen Aufstieg zum Präsidenten und Gründer der Republik Türkei von entscheidender Bedeutung war. Er profilierte sich in kurzer Zeit als Widerstandsführer und nahm an den von den Nationalisten organisierten Treffen teil. Zudem unterstützte er die Aktivitäten muslimischer Banditen und veröffentlichte Erklärungen, in denen er die Regierung scharf kritisierte.
Vom 23. Juli bis zum 7. August hielt er in Erzurum einen Kongress ab, der eine Reihe von Kernresolutionen zur Verteidigung Ostanatoliens vor einer Invasion debattierte. Der Kongress erklärte, dass die Regierung von einer Besatzungsmacht festgehalten werde, die versuche, das Reich zu erobern und zu spalten. Es überrascht nicht, dass Mustafa Kemal bald zur Rückkehr nach Istanbul einberufen wurde. Auf seine Weigerung hin entließ ihn der Sultan von seinem Posten. Daraufhin reichte er seine Kündigung ein und kündigte seine Teilnahme an der Widerstandsbewegung an – eine offene Missachtung der sultanischen Regierung. Ein weiterer Kongress tagte vom 4. bis zum 11. September in Sivas. Dabei wurden die Beschlüsse des Kongresses von Erzurum für landesweit gültig erklärt.
Die Besetzung von Istanbul am 16. März 1920 durch die Alliierten beschleunigte den Trennungsprozess von der imperialen Hauptstadt. Mustafa Kemal verkündete drei Tage später die Versammlung eines Parlaments in Ankara. Die Selbstauflösung des osmanischen Parlaments am 11. April 1920 mobilisierte eine große Anzahl von Abgeordneten, die sich in Ankara dem nationalen Widerstand anschlossen. Am 23. April 1920 wurde die „Große Nationalversammlung“ der Türkei eröffnet, in der Mustafa Kemal zum Präsidenten der Versammlung gewählt wurde.
In den nächsten Monaten machte sich das Ankaraner Parlament daran, ein paralleles Regierungssystem einzurichten und praktisch alle administrativen Vorrechte Istanbuls an sich zu reißen. Im April wurden umgehend Gesetze verabschiedet, wodurch die Abteilungen für Gesundheit, Wirtschaft, Justiz und Finanzen geschaffen wurden. Unter der Schirmherrschaft Ankaras wurden neue Gemeinde- und Berufsschulen eröffnet sowie neue Steuern und öffentliche Dienste eingeführt. Im Januar 1921 verabschiedete das Parlament eine provisorische Verfassung.
Vertrag von Sèvres: das Versailles des Osmanischen Reichs
Der wachsende Einfluss Ankaras gegenüber der alten Hauptstadt Istanbul verkomplizierte insbesondere die diplomatischen Angelegenheiten. Im August 1920 reiste eine Delegation aus Istanbul nach Frankreich, um mit den Alliierten einen formellen Friedensvertrag, den Vertrag von Sèvres, zu unterzeichnen.
Der Vertrag bestätigte die Schaffung von britischen und französischen Mandatsgebieten in den ehemaligen osmanischen Ländern Syrien, Palästina und Irak. Griechische, italienische, französische und italienische Besatzungszonen auf osmanischem Territorium wurden anerkannt. Der Vertrag sah auch die Gründung eines armenischen Staates vor mit territorialen Rechten in Ostanatolien, und er hielt die Möglichkeit eines künftigen kurdischen Staates in Südostanatolien offen.
Sèvres stärkte bei der Großen Nationalversammlung den Willen zur Schaffung eines neuen türkischen Staates. In den folgenden Monaten erlebte Ankara kombinierte Erfolge an der diplomatischen und der militärischen Front, die dazu beitrugen, Mustafa Kemals Status als Staatsmann und militärischer Befehlshaber zu steigern. Im September 1920 eroberte er die Städte Kars, Ardahan und Artvin in der nordöstlichen Ecke Anatoliens zurück.
Im März 1921 stellten die in Russland regierenden Bolschewiki und Kemals Nationalisten ihre Beziehung mit der Unterzeichnung des „Moskauer Vertrags“ auf eine neue Basis. Dieser legte eine von beiden Seiten anerkannte Grenze zwischen der Sowjetunion und der Türkei fest. Im Februar 1921 zettelten die Nationalisten in Zusammenarbeit mit muslimischen Einwohnern vor Ort einen Aufstand in Maraș an und zwangen die belagerten französischen Truppen zum Abzug aus der Stadt. Eine endgültige Einigung zwischen Kemals Streitkräften und den Franzosen wurde im Oktober 1921 erzielt.
Mustafa Kemal konnte seine Position an der Spitze der nationalen Bewegung behaupten, indem er einen endgültigen Sieg über die westlich von Ankara stationierten griechischen Invasionstruppen erkämpfte. Zwischen Januar und März 1921 kam es in der Nähe von Eskis¸ehir wiederholt zu Zusammenstößen zwischen Nationalisten und griechischen Truppen. Die griechische Armee eroberte im Sommer 1921 daraufhin die Städte Afyon, Kütahya und Eskișehir.
Der Verlust dieser lebenswichtigen städtischen Zentren machte einen Gegenangriff mehr als notwendig. Im September 1921 errang die nationale Bewegung westlich von Eskis¸ehir einen entscheidenden Sieg. Die Schlacht von Sakarya, wie der Zusammenstoß später genannt wurde, bedeutete sowohl für die nationale Bewegung als auch für Mustafa Kemal einen wichtigen militärischen und politischen Sieg. Die Große Nationalversammlung beförderte ihn in den Rang eines Feldmarschalls und verlieh ihm den Ehrentitel Gazi (Glaubenskämpfer).
Der türkische Befreiungskrieg erreichte seinen großen Höhepunkt am 26. August 1922, als die in der Nähe von Kütahya stationierte türkische Armee ihre Offensive begann. Die griechischen Truppen wurden überrumpelt, der Rückzug in den ersten Septembertagen mündete in eine umfassende Flucht. Die „kleinasiatische Katastrophe“, wie sie später in Griechenland genannt wurde, gipfelte nach dem Einmarsch der nationalistischen Truppen in Izmir am 9. September 1922 in einem blu‧tigen Finale, bei dem die von den christlichen Minderheiten bewohnten Stadtteile durch ein verheerendes Feuer nahezu vollständig zerstört wurden.
Vertrag von Lausanne und Ausrufung der Republik Türkei
Durch den Sieg im Unabhängigkeitskrieg erhielt Mustafa Kemal nach seiner eigenen Darstellung ein neues Mandat, die politische Macht im Osmanischen Reich – was davon übrig‧geblieben war – zu übernehmen. „Souveränität“, erklärte er im Herbst 1922, „wird durch Kraft erworben, durch Macht und durch Gewalt“. „Durch Gewalt“, fügte er hinzu, „erwarben die Söhne Osmans die Macht, über die türkische Nation zu herrschen … Jetzt ist es die Nation, die gegen diese Usurpatoren revoltiert.“
In den Wochen unmittelbar nach der Einnahme von Izmir im September 1922 zog die Diplomatie im Gegensatz zur Waffengewalt einen Großteil der Aufmerksamkeit von Mustafa Kemal auf sich. Anfang Oktober 1922 wurde mit britischen und griechischen Vertretern in Mudanya, einer kleinen Stadt am Marmarameer, ein Waffenstillstand unterzeichnet. Mit dem Waffenstillstand von Mudanya ging eine elfjährige Epoche internationaler Kriege zu Ende, in der Mustafa Kemal durchgehend an der Front gestanden hatte.
Nachfolgend luden die Alliierten die Vertreter der Großen Nationalversammlung der Türkei in die Schweizer Universitätsstadt Lausanne zu einer Konferenz über die „Angelegenheiten des Nahen Orients“ ein. Mustafa Kemal hatte sich für den loyalen .Ismet Pascha als Delegationsleiter der Konferenz entschieden.
Trotz mühsamer Verhandlungen und einer zehnwöchigen Unterbrechung wurde am 24. Juli 1923 der Friedensvertrag von Lausanne unterzeichnet – Mustafa Kemal sprach von „einem Frieden, der unserer natio‧nalen Vergangenheit würdig ist“. Ungeachtet der bedeutenden Zugeständnisse krönte Mustafa Kemal so seinen militärischen Sieg mit einem diplomatischen Erfolg. Schließlich erkannte der Vertrag das Entstehen eines unabhängigen Landes an.
Ende Oktober 1923 schlug Mustafa Kemal der Großen Nationalversammlung einen Gesetzentwurf vor, der formell erklärte, dass „die Regierungsform des türkischen Staats eine Republik“ ist. Die Versammlung nahm diesen Vorschlag einstimmig an und wählte ihn am 29. Oktober zum ersten Präsidenten der neuen Republik.
Autor: Dr. Onur Inal
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