Die Kaisergewänder wurden vielfach verändert
Dennoch erfuhren die Gewänder im Lauf der Zeit zahlreiche Reparaturen und Veränderungen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des weißen Kunigundenmantels. Als Reliquie wurde er im Mittelalter bei den Bamberger Heiltumsschauen – das waren Großereignisse mit starkem Besucherandrang – den Gläubigen präsentiert. Auch außerhalb dieser Schauen konnten sich heil-suchende Christen den Kunigundenmantel zeigen lassen und ihn berühren. Aufgrund dieser strapazierenden Nutzung wurde der Mantel mehrfach verändert. Eine Analyse seiner goldgestickten Inschriften lieferte jetzt wertvolle Hinweise auf das ursprüngliche Erscheinungsbild und seine mutmaßliche Funktion.
Inschriften sind Beschriftungen verschiedener Materialien, vor allem Stein, Holz oder Metall. Die Nutzung der dafür notwendigen Werkzeuge lernte man nicht im Schulunterricht. Meißeln in Stein oder Sticken auf Stoff ist nicht dasselbe: Aus welchem Material ein beschriftetes Objekt besteht, beeinflusst wesentlich die Buchstabengestaltung. Zwar sind schon vereinzelt Textilien einer epigraphischen (inschriftenkundlichen) Analyse unterzogen worden, doch konzentrierte man sich dabei meist allein auf die Inschrift, ohne das Medium Textil und seine Besonderheiten zu berücksichtigen. Es gibt auch keine Spezialdisziplin für textile Inschriften. Sie werden von unterschiedlichsten Fächern wie etwa der Epigraphik, Mediävistik, Textilforschung oder Kunstgeschichte untersucht, wenn überhaupt.
Doch die Beschäftigung mit textilen Inschriften eröffnet neue Wege, die im Spannungsfeld von materieller Kultur und ihren sozialen Zusammenhängen zur Neubewertung von Kunstwerken führen. Textile Inschriften folgen technisch bedingt völlig anderen Gesetzmäßigkeiten als Inschriften in Stein oder Metall, unter-liegen anderen Formen von Verschleiß, Reparatur und Veränderung. Es ist wichtig zu wissen, „wie der Faden läuft“. Dieses Spezialwissen ist heute nicht mehr vorauszusetzen.
Textilien waren in früheren Jahrhunderten von ungleich höherer Bedeutung, als es heutige sind. Sie galten wegen ihrer kostbaren Materialien, diffizilen Herstellungstechniken und der guten Transportierbarkeit als Luxusgüter und diplomatische Geschenke ersten Ranges. Waren sie mit bildlichen Darstellungen und eben auch Inschriften ausgestattet, steigerte dies noch ihren Wert.
Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts der Universität Bamberg in Kooperation mit dem Diözesanmuseum Bamberg und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (2015 – 2020) wurden die Kaisergewänder eingehend untersucht. Ziel war es, die Veränderungen jedes Objekts von seiner Entstehung bis zum heutigen Erscheinungsbild zu erarbeiten und die unterschiedlichen Transformationsprozesse – sowohl im Aussehen als auch in der personellen Zuordnung zum Kaiser oder seiner Frau – als Medien zur Inszenierung des Kaiser- und Heiligenkults zu beleuchten.





