Als zehntes Kind aus einer adligen Familie wurde Hildegard dem Kloster „geopfert“. Für eine Frau im 12. Jahrhundert lag darin aber auch die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die geistige und religiöse Aufbruchstimmung ihrer Zeit dürfte Hildegard geprägt haben.
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Hildegard von Bingen wurde 1098 in Bermersheim, heute eine kleine Ortsgemeinde im Landkreis Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz, in turbulente Zeiten hineingeboren. Im Reich herrschte mit Heinrich IV. (1056–1105) ein Kaiser, der konsequent damit beschäftigt war, seine Macht in allen Reichsteilen durchzusetzen. In Rom regierte mit Urban II. (1088–1099) ein Papst, der den Machtbestrebungen des Kaisers einen Riegel vorschieben wollte.
In die Geschichte ist die Auseinandersetzung um die jeweiligen Machtbefugnisse von Papst und Kaiser als „Investiturstreit“ eingegangen. Damit nicht genug: Der Papst engagierte sich auch an anderer Front. 1095 hatte er zum Kreuzzug aufgerufen. Ein Kreuzfahrerheer setzte sich 1096 in Bewegung und sollte Jerusalem drei Jahre später erobern. Auf dem Weg der Kreuzfahrer gen Osten ereigneten sich Judenpogrome in den großen rheinischen Bischofsstädten Speyer, Worms, Mainz und auch in Trier.
Neue Ordensgründungen zeugen von Aufbruchstimmung
Hildegard war auch Zeitgenossin eines geistig-religiösen Aufbruchs. Das Benediktinertum traditionellen Zuschnitts geriet unter Druck und fand immer weniger Anhänger. Neue Ordensgemeinschaften entstanden: 1098 gründete Robert von Molesme Cîteaux (Mutterkloster der Zisterzienser), 1100 Robert von Arbrissel das Kloster Fontevrault und um 1130 Robert von Sempringham den Orden der Gilbertiner. Diese reformerische Aufbruchstimmung griff auf weitere Bereiche über: Künstlerisches Schaffen explodierte, Kathedralschulen blühten. Hildegard lebte in einer Zeit, die Historiker später als „Renaissance des 12. Jahrhunderts“ bezeichnen würden.
Diese Entwicklungen hatten auch Auswirkungen auf die Stellung der Frau. Neue Perspektiven taten sich auf. Zwar galten Frauen nach wie vor als Vertreterinnen des schwachen Geschlechts, als Verführerinnen, die für den Einbruch der Sünde in der Welt verantwortlich waren. Dies bedingte ihre Unterordnung unter den Mann. Doch ergaben sich Freiräume, die nicht allein daraus resultierten, dass man Witwe wurde oder ins Kloster eintrat.
Tatsächlich sollte man die Bedeutung eines Klostereintritts als Form weiblicher Selbstermächtigung nicht geringschätzen. Im Idealfall „starb man“ dadurch „der Welt“ (so das liturgische Formular bei der Einkleidungs‧zeremonie) allenfalls in oberflächlich-allegorischem Sinn. Wahrscheinlicher war es, dass sich im Kloster ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit erreichen ließ, das häufig an substantiellen Bildungserwerb gekoppelt war.
Frauen suchten jedoch auch Lebensformen, die einerseits ihre spirituellen Bedürfnisse befriedigten, andererseits aber den Rückzug aus der Welt nicht ganz so absolut und endgültig werden ließen. Dies wiederum rief die Amtskirche auf den Plan, für die eine religiöse Existenz ohne Regel und Klausur nur schwer vorstellbar war.
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Unter Druck gerieten auch die „Doppelklöster“, in denen eine Frauen- und eine Männergemeinschaft physisch eng zusammenlebten und institutionell verflochten waren. Diese Form des Zusammenlebens bzw. der Zusammenarbeit wurde mit Argwohn betrachtet, weil die traditionellen Grenzen zwischen Mann und Frau, das Spiel von Über- und Unterordnung weit über das sozial-moralisch Duldbare hinaus durchlässig wurden.
Der Zugang zu höherer Bildung blieb Frauen weitestgehend verschlossen. Die Türen der Kathedralschulen standen ihnen ebenso wenig offen wie diejenigen der externen Klosterschulen. Glücklich konnte sich diejenige Adelstochter schätzen, der in ihrem Elternhaus mehr als die für die Ehe notwendigen Fähigkeiten vermittelt wurde. Der Aufstieg der Städte bedingte im 12. Jahrhundert freilich eine kleinere Kehrtwende: Für Bürgertöchter, insbesondere solche, deren Familien im Handel tätig waren, ergaben sich neue Möglichkeiten für einen Bildungserwerb, bei dem der praktische Nutzen klar im Vordergrund stand.
Das zehnte Kind des Adligen Hildebert von Vermersheim
In der Vita Hildegards von Bingen („Vita Sanctae Hildegardis“), mit deren Abfassung bereits zu Lebzeiten begonnen wurde und die in den 1280er Jahren vollendet war, findet sich der älteste Hinweis auf ihre Familie: „Es lebte eine Jungfrau, die durch den Adel des Geschlechts und der Heiligkeit erstrahlte. Sie hieß Hildegard.“ Auch die Namen von Vater und Mutter werden genannt: Hildebert und Mechthild. Hildebert von Vermersheim (Bermersheim) war edelfreier Abstammung, Hildegard sein zehntes Kind.
Zwei ihrer Brüder waren geistlichen Stands: Hugo fungierte als Mainzer Domkantor und Lehrer an der Domschule, Rorich war Kanoniker im Kloster Tholey. Nicht nur im engsten Familienumfeld fanden sich Kleriker, auch in der weiteren Familie gab es Personen, die hohe weltliche und geistliche Ämter bekleideten. Ein Neffe Hildegards, Arnold, saß gar von 1169 bis 1184 auf dem Bischofsstuhl von Trier.
Hildegards adlige Herkunft und das daraus resultierende Netzwerk bilden somit die Voraussetzung für ihre weitere Entwicklung. Zeit ihres Lebens sollte sie sich ihres Standes und ihrer adligen Abkunft bewusst bleiben.
Etwas Licht ins Dunkel der ersten Lebensjahrzehnte bringt die zeitgenössische Vita, die sich zwar vornehmlich der Beschreibung von Hildegards exzeptionellen visionären Fähigkeiten widmet, aber dennoch mit einigen Informationen aufwartet, die eine fragmentarische Rekonstruktion von Kindheit und ersten Klosterjahren ermöglichen.
Die Entstehungsgeschichte der Biographie ist komplex. Das erste der insgesamt drei Bücher wurde vom Disibodenberger Mönch und Sekretär Hildegards, Gottfried, verfasst. Darin findet sich die Beschreibung von Hildegards Vita vom Zeitpunkt ihrer Geburt bis zur Übersiedlung auf den Rupertsberg. Dabei konnte auch auf autobiographisches Material, das Hildegard wohl selbst zur Verfügung stellte, zurückgegriffen werden. Zudem steuerte Abt Ludwig von St. Eucharius in Trier Informationen bei.
Nach dem Tod Gottfrieds und Hildegards stellte der Mönch Theoderich von Echternach die Vita fertig und legte dabei den Schwerpunkt vor allem auf die Beschreibung von Visionen und Wundern.
Was alle Biographen betonen, ist die fragile Gesundheit ihrer Protagonistin. Hildegard selbst bekennt: „Viele äußere Dinge erfuhr ich nicht wegen der häufigen Erkrankungen, an denen ich von der Muttermilch an bis jetzt gelitten habe, die meinen Leib schwächten, so dass meine Kräfte nachließen.“ Bereits im Kindesalter empfing sie ihre ersten Visionen: „In meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so großes Licht, dass meine Seele erbebte, doch wegen meiner Kindheit konnte ich mich nicht darüber äußern.“
Hildegard wird dem Kloster „geopfert“
Hildegards Leben änderte sich im Alter von acht Jahren mit dem Einzug auf den Disibodenberg. Das zehnte Kind wurde als „Zehntleistung“ von seinen Eltern dem Kloster „geopfert“ und Gott dargebracht. Die Wahl fiel dabei nicht zufällig auf den Disibodenberg. Kurz zuvor war dort Jutta von Sponheim, die Tochter des Grafen Stephan II. von Sponheim, eingetroffen. Sie verfolgte die Absicht, fernab vom Getriebe der Welt (und der Disibodenberg war der geeignete Ort dafür), eine Frauenklause zu beziehen, die an das Mönchskloster angebaut worden war. Juttas Bruder hatte den Mönchen dafür eine Geldsumme zukommen lassen.
Jutta selbst war damals zwar auch erst im Teenageralter, sah sich nun aber für Hildegard und ein weiteres Mädchen (in einer Quelle wird sie ebenfalls Hildegard genannt) verantwortlich. Der offizielle Rechtsakt, das heißt die feierliche Einschließung der drei Frauen, erfolgte am 1. November 1106, am Festtag Allerheiligen. So weit der Bericht der Vita. Chronologische Unsicherheiten ergeben sich mit Blick auf die 1137 verfasste Vita Juttas, wo als Jahr der Einschließung 1112 genannt wird. Hildegard mag Jutta tatsächlich bereits 1106 übergeben worden sein – nur ist dann völlig unklar, wo die beiden die sechs Jahre bis 1112 verbracht haben.
Die Mönche auf dem Disibodenberg erhielten von Hildegards Eltern eine Art Mitgift, durch welche die Versorgung der Tochter künftig sichergestellt werden sollte. Die Anbindung an die benediktinisch-monastische Existenz wurde sinnfällig durch den Empfang des Ordensschleiers noch im Jahr der Einschließung zum Ausdruck gebracht. Obwohl die Einschließung in die Disibodenberger Klause für einiges Aufsehen sorgte, ist nichts über ihre Ausstattung und ihre genaue Lokalisierung innerhalb des Klosterkomplexes bekannt.
Jutta von Sponheim praktiziert eine strenge Askese Welche Rolle spielte Jutta von Sponheim? Dass sie die Aufgaben einer Erzieherin übernahm, kann angesichts des zarten Alters der ihr unterstellten Mädchen kaum erstaunen. Unterstützt wurde sie dabei wohl vom Disibodenberger Mönch Volmar. Die Vita Juttas zeichnet ein eindrückliches Bild der Vorstellungen, die sie von ihrem eigenen Leben im Kloster entwickelte. Über allem stand die Benediktsregel. Deren Befolgung war strikt, die von Benedikt geforderte Strenge genügte Jutta jedoch nicht. Sie suchte eine Form der körperlichen Askese, die weit über die Vorschriften hinausging.
In Juttas Vita wird nicht nur davon berichtet, dass sie ein härenes Gewand und Eisenketten an ihrem Körper getragen habe, sondern auch davon, wie sie erkrankte und den Verzicht auf alle Erleichterungen, die die Regel für diese Fälle vorsah, gleichsam erzwang. Ihr Weg der Selbstheiligung bestand in harter Askese, die in vielem an das erinnerte, was die ersten Mönche in der ägyptischen Wüste einst praktiziert hatten. Juttas Wüste war die Klause, die an das Männerkloster angebaut war. Ihr Rückzug von der Welt bestand in der Einschließung.
Viele Frauen hatten sich Ende des 11. Jahrhunderts für diese geistliche Lebensform entschieden, die einer eigentlichen institutionellen Verankerung entbehrte und ein hohes Maß an Vielfalt aufwies. In der kirchlichen Amtshierarchie stieß sie deshalb nicht überall auf rückhaltlose Begeisterung. Im Rheingau war das Klausnertum eine rare monastische Spezies. Anders in England, wo sich Ende des 11. Jahrhunderts sechs Reklusen in den Quellen nachweisen lassen, eine Zahl, die im 12. Jahrhundert auf 50 bis 70 Reklusen anwuchs.
Keine Schrift äußert sich detaillierter zu diesem Phänomen als der kleine Traktat „De institutione inclusarum“, den der Zisterzienser Aelred von Rievaulx (1110 –1167) um 1155 seiner leiblichen Schwester widmete, die sich für ein Leben als Rekluse entschieden hatte. Aelred erteilt Ratschläge, wie sich ein solches Leben ganz praktisch gestalten sollte – Ausführungen, die wir mit Blick auf Jutta und ihre Gefährtinnen vermissen.
Von allergrößter Bedeutung war für Aelred der Aspekt der vollständigen Trennung von der Welt. Wibert von Gembloux (1123/1125 –1213), der in den Jahren 1177 bis 1180 auf dem Rupertsberg lebte und Hildegard noch selbst kennenlernte, unterstreicht in einem Brief ebendiesen Aspekt. Wenn er den Moment der Einschließung Juttas und ihrer Gefährtinnen beschreibt, betont er ausdrücklich, dass die Kommunikation mit der Außenwelt zukünftig allein durch ein Fenster erfolgen sollte. Und ihm ist die Bemerkung wichtig, dass die umschließenden Mauern aus Stein, nicht aus Holz bestehen sollten.
Doch auch ein Fenster barg ausreichend Potential, um Schwestern, die ja eigentlich der Welt entsagt hatten, auch weiterhin mit den Verlockungen ebendieser Welt und den daraus resultierenden Gefahren zu konfrontieren. Aelred von Rievaulx warnte seine Schwester eindringlich vor dem Fenster als Einfallstor teuflischer Anfechtungen.
Im Fall Juttas, der man prophetische Gaben nachsagte, war diese Gefahr ebenfalls gegeben. Sie wurde von Gläubigen aufgesucht, die ihren Rat erbaten. Kommunikation erfolgte in ihrem Fall aber nicht nur verbal, sondern auch per Brief. Die Vita deutet an, dass Jutta eine umfangreiche Korrespondenz mit der Außenwelt unterhielt. Die Abschließung war alles an‧dere als vollständig, und es ließe sich trefflich darüber spekulieren, inwieweit Jutta „ihre“ Klause als Rückzugsort begriff, der ihr Freiheiten garantierte, die sonst kaum zu finden waren.
Wibert von Gembloux hatte bei der Beschreibung der Einschließung die Liturgie der Totenmesse besonders betont und zur Charakterisierung der Klause Begriffe wie Kerker (carcer) oder gar Mausoleum gewählt, doch auch er musste anerkennen, dass sich die Verhältnisse änderten: Die Klause habe sich im Lauf der Zeit zu einem „quasi monasterium“ entwickelt. Das zweite Laterankonzil jedenfalls sollte sich 1139 strikt gegen das Ansinnen von Frauen wenden, zwar als Nonnen, aber ohne anerkannte Regel leben zu wollen – genau dies hatte Jutta praktiziert.
Den Nonnen wird nur eine begrenzte Bildung zuteil
Hildegard jedenfalls bewegte sich in diesem Umfeld. Sie wurde mit den zentralen Texten ihrer monastischen Existenz vertraut gemacht: vor allem den Psalmen, die das Rückgrat des Stundengebets bildeten. Jutta, mit der sie 24 Jahre ihres Lebens zusammen verbrachte, erwähnt Hildegard nur am Rand: Sie ist die „adlige Frau“, der sie zur Erziehung „in disciplina“ übergeben worden war. Ein Name wird nicht genannt, auch der Ehrentitel einer Lehrerin (magistra) bleibt Jutta versagt. Niemals entwickelte Hildegard den Ehrgeiz, sie durch eine selbstverfasste Vita zu verewigen. Selbst im Nekrolog der Frauengemeinschaft sucht man ihren Namen vergebens. Welche Beziehung sich zwischen den beiden Frauen im Lauf der Zeit entwickelte, bleibt also undeutlich.
Als Frau blieb Hildegard der sich in den sieben freien Künsten verdichtende Bildungskanon der Zeit größtenteils verschlossen. Insofern ist es kein Ausdruck gesteigerter Bescheidenheit, wenn sich Hildegard selbst als „ungelehrt“ (indocta) bezeichnet. Einfache Lese- und Schreibfähigkeiten machten sie noch nicht zur gelehrten Frau.
Und dennoch: Ihr Bildungshorizont war weiter und ging deutlich über Bibelkenntnisse und die Beherrschung des Psalters hinaus. Ihre eigenen Schriften legen durch gedankliche Übernahmen aus den Werken anderer Autoren davon Zeugnis ab. Mit einigen Texten der Kirchenväter war sie ebenso vertraut wie mit weltlichen Wissenschaften. Darüber, welchen Grad diese Vertrautheit erreichte, lässt sich freilich nur spekulieren, denn Hildegard diktierte ihre Werke. Eingriffe ihres Sekretärs sind wahrscheinlich. Wenn Hildegard und ihre Biographen beständig den geringen Grad ihrer formalen Bildung betonen, dient dies natürlich auch als Hintergrundfolie, vor der das eigentlich Bedeutsame, die prophetische Begabung, umso stärker hervortreten kann und muss.
Was Hildegard in den beiden Jahrzehnten nach ihrem Eintritt ins Kloster beschäftigte, wie sie lebte, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Selbstverständlich folgte ihr Leben dem immer wiederkehrenden Tagesablauf von Stundengebet und geistlicher Lesung, von Arbeit und Gottesdienst.
Schenkt man den Angaben ihrer Vita Glauben, dann wurde dieser feste Tagesrhythmus immer wieder unterbrochen durch Phasen längerer Krankheit, die Hildegard standhaft und in festem Gottvertrauen durchlebte, wodurch sie zum Vorbild für die kleine Frauengemeinschaft wurde. Das Spannungsverhältnis könnte größer kaum sein: Geistig-visionärer Fortschritt wurde von körperlichen Gebrechen flankiert, Beschwernis des Leibes durch Höhenflüge des Geistes aufgehoben.
Ob diese Höhenflüge Frucht fortgesetzter, heftiger Migräne-Attacken gewesen sein könnten, ist innerhalb der medizinhistorischen Forschung noch immer umstritten. Ihren Mitschwestern jedenfalls blieb Hildegards visionäre Begabung nicht verborgen. Jutta informierte die Mönchsgemeinschaft über das, was die ihr unterstellte Schwester durch- bzw. erlebte.
Mit 38 Jahren übernimmt Hildegard die Leitung des Klosters
Hildegards Leben nahm nach dem Tod Juttas am 22. Dezember 1136 eine neue Wendung. Sie war nun 38 Jahre alt und wurde von ihren zehn Mitschwestern mit der Leitung der Gemeinschaft auf dem Disibodenberg betraut. Als Priorin der wachsenden Gemeinschaft wählte sie einen Leitungsstil, der sich deutlich von dem‧jenigen Juttas unterschied. Wibert von Gembloux gibt wohl nicht ganz zu Unrecht zu verstehen, die Schwestern hätten Hildegard gerade deshalb gewählt, weil sie in ihr eine Gabe vermuteten, die bereits in der Benediktsregel als Schlüsselqualifikation eines jeden Abtes galt: die discretio. Damit ist nicht nur das Maßhalten, sondern eine Form von Unterscheidungsfähigkeit angesprochen, die den Buchstaben der Regel nicht absolut setzt, sondern ihn in Hinblick auf unterschiedliche Personen und Geschehnisse jeweils anders wertet und gewichtet.
Die Mitschwestern hatten sich in Hildegard nicht getäuscht: In der Leitung der Gemeinschaft waren ihr Extreme zuwider. Sie wählte wann immer möglich die media vita, den goldenen Mittelweg. Hildegards Ruf strahlte immer weiter aus. Adlige Frauen in großer Zahl klopften an die Klosterpforte. Aus der kleinen, fernab vom Getriebe der Welt gelegenen Klause war eine monastische Erfolgsgeschichte geworden.
Autor: Dr. Ralf Lützelschwab
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