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Des Kaisers letzte Reise
Nach vielen Jahren in Italien schien es für Otto I. 972 an der Zeit, nach Deutschland zurückzukehren. Über ein halbes Jahr reiste der kaiserliche Tross von Station zu Station nach Norden. Mit dabei war Theophanu, die frischangetraute byzantinische Gattin des Thronerben.
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Seit Herbst 972 machte eine Nachricht die Runde: „Der Kaiser kommt!“ – Otto I. habe den Rückweg in seine sächsische Heimat angetreten, hieß es. Viele Jahre war er in Italien gewesen. Die Geschehnisse in Sachsen schienen ihn in dieser Zeit wenig zu kümmern. Selbst als seine Mutter Mathilde und sein Sohn Wilhelm im März 968 kurz nacheinander starben, bewegte ihn das nicht zur Rückkehr. Nicht einmal der Umstand, dass es im Zusammenwirken mit dem Papst endlich gelungen war, in Magdeburg ein Erzbistum zu errichten, änderte daran etwas. Doch nun schien er den Weg über die Alpen angetreten zu haben. Boten überbrachten den Menschen entlang der Reiseroute die Nachricht. Sie mussten dafür sorgen, dass alles auf das Beste für des Kaisers Beherbergung bereitet war.
Nimmt man die Chronik Widukinds von Corvey als Quelle, dann könnte die Stimmung im Herbst 972 tatsächlich wie oben beschrieben gewesen sein. Zumindest berichtet uns Widukind, dass das lange Verweilen Ottos in Italien in Sachsen für Unzufriedenheit gesorgt hatte.
Die Quellen bilden das Geschehen nur grob ab
Doch kein zeitgenössischer Text schildert, wie genau sich die Nachricht vom Herannahen des kaiserlichen Trosses verbreitete oder wie sich die Verantwortlichen an den königlichen Aufenthaltsorten konkret für des Kaisers Empfang rüsteten. Die Quellen – Urkunden und historiographische Werke – ermöglichen es aber zumindest, die Reise selbst, die seine letzte werden sollte, mit ihren verschiedenen Stationen und den dortigen Ereignissen nachzuvollziehen – einige Lücken lassen sich dabei durch die Aussagen anderer Zeugnisse und ein wenig Vorstellungskraft ausfüllen.
Zunächst jedoch sei zurückgeblickt: Mit der Kaiserkrönung am 2. Februar 962 in der Peterskirche in Rom hatte Otto I. formal den Höhepunkt seiner Herrschaft erreicht. Er stand nun vermeintlich auf einer Ebene mit dem Kaiser in Byzanz. Gestützt auf eine jahrhundertealte ununterbrochene Kontinuität, machte Letzterer freilich keinen Hehl daraus, wer aus seiner Sicht das höhere Ansehen besaß. Doch Otto war zufrieden. Er ordnete die Verhältnisse in Italien, so gut es ging, und kehrte im Winter 965 ins Reich nördlich der Alpen zurück.
Am 2. Februar 965, dem dritten Jahrestag der Kaiserkrönung, demonstrierte er seinen Untertanen in Worms seine neue Würde. Ingelheim, Frankfurt, Magdeburg, Quedlinburg, Merseburg und Wallhausen waren weitere Stationen. Beinahe im Schnelldurchgang bereiste er die wichtigsten Regionen seines Reichs.
Lange hielt es ihn jedoch nicht in seiner sächsischen Heimat. Waren es die erneut aufgeflammten Probleme in Italien, wo der mit Ottos Zustimmung installierte Papst Johannes XIII. (965–972) gefangen genommen und aus Rom vertrieben worden war? Oder die Umtriebe Adalberts von Italien, der versuchte, die italische Königskrone wieder an sich zu bringen? Oder war es schlicht die Sehnsucht nach dem Süden mit seiner so faszinierenden Andersartigkeit? Wir wissen es nicht.
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Im Sommer 966 brach Otto auf. Wilhelm, der Erzbischof von Mainz, Ottos unehelicher Sohn aus der Verbindung mit einer vornehmen Slawin, und Hermann Billung sollten in seiner Abwesenheit die Dinge im Reich regeln.
In Italien lief es gut für Otto: Der Papst konnte nach Rom zurückkehren, Adalbert musste die Region endgültig verlassen. Vor allem das Jahr 967 war voller Triumphe. Am 20. April verkündete Papst Johannes XIII. den freudigen Beschluss der großen Synode von Ravenna: die Einrichtung des Erzbistums Magdeburg. Die Bistümer Brandenburg und Havelberg sollten diesem unterstellt werden, ebenso die neu zu gründenden Bistümer in Merseburg, Zeitz und Meißen.
Seit den 950er Jahren hatte Otto beharrlich auf dieses Ziel hingearbeitet. Widerstand gab es von dem bereits erwähnten Sohn Wilhelm, den Otto zum Erzbischof von Mainz erhoben hatte. Und genau deshalb verweigerte er sich dem väterlichen Ansinnen, würde dies doch die Kompetenzen seines neuen Amts schmälern. Und auch Bernhard, der greise Bischof von Halberstadt, blieb störrisch. Die Pläne von Ottos Mutter Mathilde in dieser Frage bleiben unklar. Erfreut über das Vorhaben war anscheinend auch sie nicht.
Otto hatte derweil in Italien Großes vor mit seinem gleichnamigen Sohn aus der Ehe mit Adelheid. Der damals Zwölfjährige war seit 961 Mitkönig. Am Weihnachtstag 967 wurde er in St. Peter vom Papst zum Mitkaiser erhoben. Das war bei den Karolingern so üblich und bei den byzantinischen Kaisern ohnehin.
Die letzten Schritte zur Gründung des Erzbistums in Magdeburg nahm Otto ebenfalls von Italien aus in Angriff. Drei Todesfälle in enger Folge im Frühjahr 968 – Bernhard von Halberstadt (am 3. Februar), Wilhelm von Mainz (am 2. März) und Königin Mathilde (am 14. März) – gaben Anlass zu raschem Handeln. Otto zitierte Hildeward und Hatto zu sich nach Italien, wo diese den geplanten Umstrukturierungen der Bistümer im Oktober 968 zustimmten. Erst danach wurden sie formell erhoben: Hildeward zum Bischof von Halberstadt (968–996) und Hatto (II.) zum Erzbischof von Mainz (968–970). In Magdeburg sollte Adalbert der erste Erzbischof werden.
Eine byzantinische Prinzessin ist gerade gut genug
Inzwischen verlangte die Lage in Unteritalien Ottos Anwesenheit. Byzanz beanspruchte dort noch immer die Oberhoheit. Pandulf I. „Eisenkopf“, Fürst von Capua und Benevent, sowie andere Adlige hingegen setzten auf Otto. Es kam zu militärischen Konflikten, doch Otto war eigentlich an einem Einvernehmen mit Byzanz gelegen. Denn – so der kühne Plan – sein Sohn Otto sollte eine byzantinische Prinzessin heiraten: Nur den Hof in Konstantinopel sah er als angemessen für seine kaiserliche Familie an.
Viele Gesandtschaften gingen hin und her. Byzanz trieb den Preis für eine solche Verbindung zunächst in die Höhe. Doch als Kaiser Nikephoros im Dezember 969 im Zuge innerbyzantinischer Ränkespiele ermordet wurde, änderte sich die Lage. Byzanz willigte ein. Die Auserkorene war zwar keine Tochter, sondern nur die Nichte des neuen Kaisers Johannes Tsimiskes, doch Otto genügte das.
Theophanu war schön, hochgebildet und sich ihrer vornehmen Abkunft sehr wohl bewusst. Gero, als Erzbischof von Köln ein Nachfolger von Ottos Bruder Brun, geleitete sie von Konstantinopel nach Italien. Dort wurde das junge Paar bereits am 14. April 972 vermählt. Die Griechin bekam umfangreiche Besitzungen in Ottos Reich als Morgengabe. Bis ins Detail wurde alles in prunkvollen Urkunden mit Gold-Tinte schriftlich festgehalten.
Otto konnte mit der Bilanz seines dritten Italienzugs zufrieden sein. Nun aber war es an der Zeit aufzubrechen. Von Pavia aus bewegte sich der Tross seit Hochsommer 972 Richtung Alpen. Nach dem Überqueren des Septimer- und des Julierpasses erreichte man St. Gallen. Dort und in Konstanz stellte der Herrscher Urkunden aus, daher ist seine Anwesenheit belegt.
Das Rhein-Main-Gebiet war das nächste Ziel. In Ingelheim fand Mitte September 972 eine große Kirchenversammlung statt. Alle sechs Erzbischöfe des Reichs und weitere 16 Bischöfe waren anwesend. Im Beisein des Kaisers wurden strittige Themen der Kirche geregelt, auch die Nachfolge Bischof Ulrichs von Augsburg.
Nierstein, Trebur und Frankfurt (am Main) waren die weiteren Stationen. In Frankfurt wurde das Weihnachtsfest gefeiert. Kaiser Otto präsentierte den regionalen Großen seine byzantinische Schwiegertochter Theophanu. Diese gewann so erste Eindrücke von dem so gänzlich anderen, ungleich schlichteren Zeremoniell des ottonischen Hofes – und sie lernte den unwirtlichen Winter des künftigen Herrschaftsgebiets ihres Gatten kennen.
Per Schiff ging es danach über Main und Rhein weiter Richtung Nordwesten. Boppard war eines der Etappenziele. Die Geschichte der Stadt reicht bis in die Römerzeit zurück. Theophanu sollte lernen, dass es auch in Ottos Reich antike Traditionen gab, nicht nur in Byzanz. Anschließend wurde das ebenfalls von den Römern gegründete Köln besucht. In Nimwegen, der altehrwürdigen karolingischen Pfalz, stand dagegen das Erbe Karls des Großen im Zentrum. Am 12. Februar erreichte der Hof Tiel, einen Münz- und Zollort, der wie Boppard zu den Ländereien zählte, die Theophanu zur Hochzeit übertragen bekommen hatte.
Seit Aschermittwoch mussten sich auch die Mitglieder des kaiserlichen Hofs an die strengen Fastenregeln halten. Nur an den Sonntagen wurden diese gelockert. Die Vorräte der Ernte des letzten Jahres dürften nun ohnehin bereits knapp geworden sein.
Endlich wieder zurück im sächsischen Magdeburg
Der kaiserliche Zug erreichte nun das mittelalterliche Sachsen. Über Herford, Sitz eines Klosters und Ort der Erziehung von Ottos Mutter Mathilde, sowie die prächtige Bischofsstadt Hildesheim ging es weiter bis Werla. Die Pfalz lag hier hoch über dem Fluss Oker, an einem traditionellen Versammlungsort der Sachsen. In der Ferne konnte man von hier bereits die Höhen des Harzes sehen.
Endlich war Magdeburg erreicht, Ottos Lieblingsort und nun tatsächlich auch Sitz eines Erzbischofs. Am Palmsonntag, dem 16. März 973, wurde der Kaiser mit viel Prunk empfangen. Es gab goldene Vortragekreuze zu sehen und Heiligenreliquien in kostbaren Gefäßen. Das Gebetsgemurmel der hohen, nach Rang geordneten Geistlichkeit und der weltlichen Großen geleitete Otto in die Kirche.
Beinahe fünf Jahre nach der Errichtung des Erzbistums nahm Otto die Situation in Magdeburg erstmals persönlich in Augenschein. Dabei spielte auch die Aufarbeitung der Ereignisse aus dem vergangenen Jahr eine Rolle. Damals hatte Erzbischof Adalbert es gewagt, Hermann Billung, Ottos Statthalter in Sachsen, mit großem Zeremoniell zu empfangen. Er hatte ihm den Platz des Königs an der Tafel zugewiesen, und der Markgraf durfte sogar im königlichen Bett nächtigen.
Otto, der in Italien davon erfahren hatte, war erbost und ließ es den Erzbischof spüren: So viele Pferde, wie er Kerzen für Hermann hatte anzünden lassen, musste er dem Kaiser schicken. Doch nun vergab Otto Adalbert. Und Hermann Billung machte dem Kaiser so reiche Geschenke, dass die letzten Zweifel an der Souveränität des Herrschers beiseite gewischt wurden.
Lange verweilte der Hof nicht in Magdeburg. Der kirchliche Festkalender in jenen Tagen war dicht gedrängt. Es ging weiter nach Quedlinburg – seit Ottos Vater König Heinrich I. der traditionelle Ort der Osterfeier.
Von nah und fern – auch aus anderen Ländern – strebten Männer und Frauen samt Gefolge Richtung Quedlinburg. Untergebracht waren sie in eigens errichteten Zelten mit Blick auf den hochaufragenden Stiftsberg.
An diesem Lagerplatz herrschte ein reges Treiben. Täglich trafen Bischöfe, Äbte, Herzöge oder Grafen ein: Darunter – laut der Chronik Thietmars von Merseburg (975–1018) – die Polen Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, ferner Gesandte der Griechen, Beneventer, Ungarn, Bulgaren, Dänen und Slawen.
Alle Großen aus dem gesamten Königreich waren zugegen. Es ist ein Who is Who des damaligen Hochadels. Begleitet vom Jubel des Volkes, zogen Otto und seine Familie schließlich in Quedlinburg ein. Mathilde, Ottos I. und Adelheids Tochter, empfing sie. 966 – kurz vor dem Aufbruch nach Italien – war sie hier zur Äbtissin geweiht worden.
Die Räumlichkeiten auf dem Stiftsberg waren für die Königsfamilie prachtvoll geschmückt. Der Kaiser und seine Gemahlin staunten über den seit 965 erzielten Fortschritt. Von Gründonnerstag an weilten sie hier oben, betend und in Andacht versunken. Schweigen und strenges Fasten rahmten die Erinnerung an den Kreuzestod Christi am Karfreitag.
Wie schon an den Tagen zuvor sprachen Otto und Adelheid, Otto (II.) und Theophanu auch in der Ostervigil in der Confessio der Stiftskirche, am Grab Heinrichs und seiner 968 verstorbenen Gemahlin Mathilde, Gebete für das Seelenheil des Paares.
Eine Prozession spiegelt die Machtverhältnisse wider
Am Ostersonntag, dem 23. März 973, begaben sich die hohen Würdenträger in einer langen Prozession – bewundert von einem Spalier der Bürger – auf den hochaufragenden Stiftsberg. Die Rangordnung des Reichs wurde durch das Protokoll der Zeremonie für alle Augen sichtbar.
Die vornehmen Damen und Herren schritten zur gemeinsamen Feier der Auferstehung Christi in der Quedlinburger Stiftskirche. Der Kaiser empfing sie und nahm ihre Gaben entgegen. Kostbare Reliquienbehältnisse und Kreuze gab es zu sehen. Kerzen und Rauchgefäße verliehen der Kirche eine ganz besondere Atmosphäre. Die Anwesenden lauschten den liturgischen Gesängen und stimmten gemeinsam Gebete an.
Das Sonnenlicht muss die Teilnehmer geblendet haben, als sie sich nach dem Gottesdienst unter dem Jubel des Volkes zum Lagerplatz begaben. Nun stand der für manche schönste Teil des Fests an – das üppige convivium, das Ostermahl. Freudvoll feierte man die Auferstehung des Herrn. Das strenge Fasten der vorangegangenen 40 Tage hatte nun ein Ende.
Herrschaftsausübung, geistliche Feier und gemeinschaftsstiftendes Mahl fielen bei diesem Ereignis zusammen. Alles war von langer Hand vorbereitet gewesen. Für alle sichtbar sollte die herausragende Stellung Ottos innerhalb der Christenheit zur Schau gestellt werden. Die in Magdeburg begonnene Demonstration wurde hier, an einem für die Königsherrschaft symbolischen Ort, vollendet. Volle 17 Tage dauerte der Aufenthalt.
Danach kehrte wieder Ruhe ein in dem kleinen Flecken an der Bode. Die Großen reisten heim in ihre Regionen und konnten dort ihren Untertanen vom Glanz des Kaisers berichten.
Und auch für Otto und die Seinen ging es weiter. Das Zeremoniell der Herrscherrückkehr in die Heimat war noch nicht vollendet. Otto wollte weitere zentrale Orte und wichtige Personen durch seine Anwesenheit auszeichnen und sie zugleich seiner byzantinischen Schwiegertochter vorstellen.
Der Tross zog nun gemächlicher weiter. Die Euphorie der Quedlinburger Ereignisse war schnell verflogen, denn Otto trauerte: Hermann Billung, sein Vertrauter seit den eigenen Anfangszeiten, war wenige Tage nach der großen Feier gestorben (27. März 973).
Der Zug des Kaisers erreichte Walbeck. Der dortige Königshof lag in herausragender Spornlage und war durch nach Süden, Westen und Norden abfallende Steilhänge natürlich geschützt. Otto kannte den Ort. Bittstellerinnen aus Kloster Herford erwarteten ihn. Der Kaiser gewährte dem Kloster das Marktrecht in Odenhausen sowie Münze und Zoll (9. April 973). Seine Gemahlin Adelheid hatte diese Privilegien nachdrücklich befürwortet.
Merseburg lautete das nächste Etappenziel. Auch hier war der Aufenthalt mit symbolbehafteten Handlungen verbunden: Man verrichtete intensive Gebete und Bittprozessionen für eine gute Ernte. Am 40. Tag nach Ostern wurde hier Christi Himmelfahrt (1. Mai 973) gefeiert – wiederum ein Fest des Osterkreises. In Merseburg lief alles ungleich kleiner und bescheidener ab. Der Kaiser sprach Gebete für den heiligen Laurentius. Dankbar erinnerte er sich an dessen Beistand bei der Schlacht gegen die Ungarn.
Der Kalif von Córdoba schickt Gesandte nach Quedlinburg
Gesandte aus Afrika, die das Osterfest in Quedlinburg verpasst hatten, stießen zum Hof. Sie machten dem Kaiser des Westens ihre Aufwartung. Ihr Aufzug war prunkvoll und fremdländisch. Sie brachten wertvolle Geschenke mit.
Gemeinsam mit Otto zogen sich die Gesandten – sie sollen vom Kalifen von Córdoba geschickt worden sein – in den langgestreckten hölzernen Palast zurück. Worüber sie verhandelten, ist nicht überliefert. Vielleicht ging es um die Sarazenen von Fraxinetum im Königreich Burgund. Diese hatten ein Jahr zuvor Maiolus (gest. 994), den hochangesehenen Abt von Cluny, gefangen genommen. Erst nach Zahlung einer großen Geldsumme war er freigelassen worden.
Doch der Konflikt war damit noch nicht ausgestanden. Der Kalif sollte mit seiner Autorität Schadensbegrenzung betreiben. Ottos Ansehen – das zeigen die Merseburger Tage – reichte weit über die Grenzen seines Reichs hinaus.
Der Hof zog weiter. Der nächste Halt war Memleben (6. Mai 973), der Sterbeort von Ottos Vater Heinrich I. Von Merseburg aus brauchte man ein bis zwei Tagesreisen bis dorthin. Was für Memleben geplant war, ist den Quellen nicht zu entnehmen: Sollte hier Pfingsten (11. Mai 973) gefeiert oder des Vaters gedacht werden? Das eigentliche Ziel könnte auch Wallhausen, der alte ottonische Zentralort, gewesen sein.
Plötzlich machten sich bei dem 60-jährigen Otto wohl die Strapazen der letzten Monate bemerkbar. Er wirkte schwach. Widukind von Corvey berichtet keine Einzelheiten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass dem so war, ist groß.
Der Zug des Kaisers bewegte sich derweil entlang der Unstrut auf die Altenburg (bei Nebra) zu. Otto wird zufrieden die Baufortschritte der auf einer Art Tafelberg gelegenen Burg registriert haben. Ein schmaler Hohlweg führte hinauf. Von oben öffnete sich dem Kaiser der Blick auf Memleben.
Otto der Große schien nun gesundheitlich doch sehr angeschlagen gewesen zu sein. Zumindest will dies die anonym gebliebene Verfasserin der ersten Lebensbeschreibung seiner Mutter Mathilde kurze Zeit später gewusst haben.
Die Halle der Pfalz Memleben in der Unstrut-Niederung, in der der Kaiser residierte, war bescheiden, gefertigt aus Holz und Lehm. Kerzen beleuchteten den düsteren Raum. Die Nachricht, dass der Kaiser sich nicht wohl fühle, dürfte ihm vorausgeeilt sein, so dass alles möglichst bequem hergerichtet worden war. Otto gönnte sich jedoch keine Ruhe und absolvierte zunächst das normale Programm: Er nahm an den nächtlichen Lobgesängen und auch an der heiligen Messe teil, zudem gab er Almosen an die Armen aus.
Um die Mittagszeit des 7. Mai 973 speiste er mit seinem Gefolge. Die Aufwartung der Untertanen nahm er huldvoll entgegen. Abends besuchte er den Gottesdienst der Vesper. Nach dem Lobgesang des Magnifikats scheint er einen starken Fieberschub erlitten zu haben. Die anwesenden Fürsten scharten sich um den Kaiser, der das Bewusstsein verloren hatte. Noch einmal kam er zu sich und erhielt die letzte Kommunion. Am Abend starb Otto. Diener trugen den Leichnam ins Schlafgemach. Danach wurde dem Volk die traurige Nachricht kundgetan. Im Morgengrauen huldigten die anwesenden Fürsten dem neuen König Otto II. und leisteten ihm den Vasalleneid. Der Mönch Widukind schildert die Abläufe in seiner Chronik mit eindringlichen Worten als vorbildlichen Tod eines Herrschers.
Der Kaiser findet seine letzte Ruhe in Magdeburg
Die anstrengenden Monate der Reise waren wohl tatsächlich zu viel gewesen für den mit 60 Jahren bereits betagten Otto I. Er starb – vermutlich an Herzversagen nach hohem Fieber – am selben Ort wie sein Vater Heinrich.
Der Weg zurück aus Italien war gut geplant gewesen, nichts hatte man dabei dem Zufall überlassen, und Otto hatte in den vergangenen Monaten tatsächlich viel erreicht. Er war als souveräner Herrscher zurück in der Heimat angekommen. Dass dies seine letzte Reise sein sollte, dürfte Otto selbst kaum erwartet haben.
Als „vergeben, schenken und belohnen“ haben die „Quedlinburger Annalen“ (11. Jahrhundert) die königliche Herrschaftsausübung der Ottonen beschrieben. Dass auch „beten“ dazugehörte, war fester Bestandteil des königlichen Selbstverständnisses der damaligen Zeit. Da sich die letzten Wochen des Kaisers im Rahmen des Osterfestkreises abspielten, galt dies hier in besonderem Maß. Versucht man – wie im Text geschehen – die mitunter kargen Quellenaussagen mit konkretem Leben zu füllen, dann wird deutlich, welche besonderen religiösen Akzentsetzungen mit den einzelnen Stationen der letzten Reise verbunden waren.
Der neue König Otto II. führte einen feierlichen Zug an, der den Leichnam des großen Kaisers von Memleben nach Magdeburg brachte. Dort wurde Otto Anfang Juni 973 an der Seite seiner 946 verstorbenen ersten Gemahlin Editha beigesetzt.
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