Es war am frühen Morgen des 7. September 1303, als sich noch im Schutz der Dunkelheit etwa 1000 Bewaffnete den Mauern der italienischen Stadt Anagni näherten. Die Stadttore fanden sie offen. Der Kommandant der Palastwache war bestochen, auch gab es längst Verbindungen zu sympathisierenden Einwohnern. Die Angreifer hatten ihr Unternehmen wochenlang sehr sorgfältig vorbereitet, Unterstützer angeworben beim unzufriedenen Adel der römischen Campagna, eine kleine Streitmacht aufgestellt. Was sie vorhatten, war ein im christlichen Abendland nie da gewesener Frevel. Eine Untat, für die nach damaligem Volksglauben den Beteiligten das ewige Höllenfeuer gewiss war: Sie wollten den ahnungslos in seinem Palast schlummernden Papst überfallen und gefangen setzen.
Ausgeheckt hatte den Plan Frankreichs König Philipp IV. (1285–1314), genannt „der Schöne“, und er hatte dafür im Frühjahr 1303 seinen besten Mann nach Italien geschickt: Guillaume de Nogaret. Dieser besaß einen Jura-Abschluss der Universität Montpellier. Er hatte dort auch eine Zeitlang unterrichtet, bevor er 1294 als Oberrichter in den Dienst der königlichen Justizverwaltung in Nîmes trat und ein Jahr später als Vertreter der Region ins Pariser Parlament, das oberste Appellationsgericht des Reiches, entsandt wurde. Spätestens seit dem Jahr 1296 gehörte Nogaret dem Kronrat des Monarchen an, in dem er zum Zeitpunkt seiner Entsendung nach Italien, auch ohne bereits formal eine herausgehobene Position zu bekleiden, eine Hauptrolle spielte.





