Es ist das Verdienst des Deutschen Verpackungs-Museums in Heidelberg und insbesondere dessen Leiter, Hans-Georg Boecher, seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit Sinn und Verständnis für die Dimensionen von Verpackung zu erwecken. Dies geschieht sowohl mit Ausstellungen als auch mit wunderschönen Bildbänden. So ist auch der unlängst erschienene Ausstellungskatalog “Design in Hülle & Fülle: gefaltete Schachteln – entfaltete Marken” wieder eine wahre Augenweide geworden. Er gibt einen Überblick über 150 Jahre Design- und Kulturgeschichte der künstlerischen Warenverpackung und gehört in den Bücherschrank eines jeden an Kunst-, Kultur- und Designgeschichte Interessierten.
Es sind keineswegs nur die optischen Reize, mit denen Boecher in seinem Buch zu brillieren weiß. Er wartet auch mit profunden Kenntnissen über die komplexe ökonomische und ästhetische Entwicklung des Phänomens Verpackung auf. Spannend zu lesen ist dabei, an welchen historischen Wendepunkten die stärksten Innovationsschübe stattfanden und welch weitreichende Wirkungen sie bis auf unsere Tage haben; so etwa die Papier- und Kartonagenherstellung großen Stils, die die klassische Standard-Verpackung, die Spanschachtel, Mitte des 19. Jahrhunderts endgültig ablöste. Natürlich standen die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der beginnende Massenkonsum Pate bei der weiteren Entwicklung der Faltschachtel. Was konnte – am Händler vorbei – die Endverbraucher auch gleichzeitig besser vom Inhalt informieren und umwerben? Und wie wäre – beispielsweise – Automatenverkauf ohne Faltschachtel überhaupt möglich geworden? Und was anders hätte die Ware zum Star der Schaufensterauslagen werden lassen, wenn nicht ihre Verpackung?
In der Tat erscheint für die Bildung vieler Marken unseres Lebensalltags die Verpackung geradezu konstituierend. Wie anders könnten Schüttgüter oder Flüssigkeiten als “Warenpersönlichkeiten” auftreten, wenn nicht durch eine ihnen entsprechende Verpackung? Schon die klassischen Markenartikel wurden ja allein aufgrund ihrer Hülle zu festgefügten Vorstellungsbildern in der Wahrnehmung der Verbraucher. Odol, Maggi oder Coca-Cola sind ohne ihre signifikante Flasche nicht einmal zu denken, Nivea und Erdal nicht ohne die bekannten Dosen. Nicht zuletzt schärft der Band über all seine opulenten Bild-Beispiele unser Bewußtsein auch in diesem Punkt: Wer immer heute die Ressourcenvergeudung durch zuviel Verpackung anprangert, möge bitte auch eine Antwort darauf geben, wie und durch was die Kommunikationsleistung, die die Verpackung in unserer hochgradig dem Selbstbedienungsprinzip verpflichteten Marktwirtschaft erbringt, ersetzt werden kann.
Rezension: Schindelbeck, Dirk




