Dr. Sebastian Rojek
Der streitbare Journalist und Politikwissenschaftler Götz Aly hat seit den 1980er Jahren eine beeindruckende Zahl an Studien vorgelegt, die sich mit der Geschichte des Antisemitismus, des Nationalsozialismus und der NS-Verbrechen auseinandersetzen. In aller Regel zeichnen sich seine Bücher durch eine breite Quellenkenntnis, gute Lesbarkeit und klare, mitunter auch provokant-zugespitzte Thesen aus. Diese Qualitäten haben dafür gesorgt, dass sie nicht nur ein breites Publikum finden, sondern auch die historische Forschung – sei es durch neue Erkenntnisse, sei es durch neue Fragen – insgesamt vorangebracht haben.
Sein neues Buch führt nun die über viele Jahre erarbeiteten Forschungsergebnisse konsequent zusammen. Im Hintergrund steht dabei die Titelfrage, die Aly und im Grunde die deutsche Zeitgeschichte zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt motiviert: Wie konnte das geschehen? Aly rückt in seiner Darstellung aber eigentlich eine andere Frage ins Zentrum, nämlich, wie es der deutschen Führung gelang, die stets prekäre Einheit von Volk und Führung von 1933 bis zum bitteren Ende 1945 zu wahren.
Es geht also um die deutsche Gesellschaft der Weimarer Republik und des „Dritten Reiches“, die Binde- und Attraktionskräfte des Regimes und seine enorm dynamische Mobilisierungsfähigkeit. Es handelt sich dabei nicht um eine Gesamtdarstellung, sondern um eine Analyse zentraler Momente im Verhältnis zwischen Volk und Führung. Eine einfache Antwort liefert das Buch nicht, aber in der Summe seiner zahlreichen Teilantworten entsteht eine spannende Analyse, welche die NS-Gesellschaft und -Politik verständlicher macht.
Aly beachtet beziehungsweise gewichtet die zahlreichen den Deutschen vom Regime gewährten materiellen und symbolischen Wohltaten für die soziale Binnenkohäsion stärker als die Furcht vor Gewalt und Terror. Diese Wohltaten beruhten aber auf der Ausbeutung vor allem der Juden und schließlich der überfallenen Länder.
Erst als der Krieg den Lebensstandard der Deutschen in Mitleidenschaft zog, lässt sich eine langsame Abkehr vom Regime erkennen, die aber nicht ausreichte, genug Langzeitprofiteure zum offenen Widerstand zu bewegen, sodass die NS-Herrschaft von außen zerstört werden musste.
Der Verfasser weist am Ende darauf hin, dass diverse Herrschaftstechniken keineswegs NS-spezifisch seien, sondern auch heutigen oder künftigen illiberalen Regimen zur Verfügung stünden. In seiner Interpretation spielen nämlich Besonderheiten der deutschen Geschichte, anders als allgemein menschliche Verhaltensweisen, kaum eine Rolle.
Alys so profunde wie lesenswerte Analyse überzeugt, gleichwohl lässt sich nach der Einschätzung bestimmter Phänomene fragen, etwa ob der Terror nach innen nicht doch bedeutender war, als Aly meint, oder wie genau das Verhältnis zwischen selbst erzeugten ökonomischen Zwängen und Weltanschauung bei Krieg, Verbrechen und Schoah zu bestimmen ist. Aber unabhängig von Gewichtungs- und Detailfragen ist die Lektüre unbedingt allen zu empfehlen, die sich für das Thema interessieren.





