Volkov beginnt mit der Zeit der Aufklärung. Die Entwicklung führt über den Wiener Kongress und die ersten Reformen bis zur Gleichstellung der Juden. Diese war begleitet von einer neuen judenfeindlichen Agitation und den gewalttätigen „Hep-Hep-Krawallen“ von 1819. Diese Ambivalenz wiederholte sich im Zug der Revolution von 1848.
Unmittelbar nach der von deutschen Juden begrüßten Gründung des deutschen Nationalstaates erschütterte ein Börsensturz das Land. Es kam zu einer Welle antijüdischer Agitation, in deren Kontext der neue Begriff Antisemitismus geprägt worden ist. Entgegen dem in der Literatur vielfach zu findenden alarmistischen Tonfall erklärt Volkov zu Recht, dass der Antisemitismus im Kaiserreich „nur eine begrenzte Rolle spielte“.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ließen sich viele Juden „wie ihre nichtjüdischen Mitbürger von der nationalistischen Euphorie mitreißen“. Im Verlauf des Kriegs setzte dennoch eine neue antisemitische Agitation ein. 1918/19 standen viele Deutsche, Juden wie Nicht-Juden, der neuen Republik positiv gegenüber; die frühen Jahre waren für Juden jedoch eher desillusionierend. Aber die politische Lage beruhigte sich wieder – allerdings waren „die guten Jahre“, so Volkovs prägnante Formulierung, „schnell vorbei“. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 erschütterte die „noch fragile Republik“.
Es folgte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Volkov rekapituliert die schrittweise erfolgende Einschränkung der Rechte der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, bis Hitler das Land zielstrebig in den Krieg führte und zum Mord an den europäischen Juden schritt.
Nach der Rekapitulation über die Aufarbeitung der Vergangenheit von jüdischer wie nicht-jüdischer Seite wendet sich Volkov dem schwierigen Neuanfang jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland zu. Die 1970er Jahre wurden dann zu einer Zeit „des wachsenden Optimismus“. In den 1980er Jahren rückte der Holocaust „mehr und mehr ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit“, und nach der 1990 vollzogenen neuen deutschen Einheit wurde die Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung sogar noch intensiver.
In ihrem Epilog betont Volkov, dass es „Grund für bescheidene, aber aufrichtige Zufriedenheit“ gebe. Doch schließt sie angesichts neuer Bedrohungen die skeptische Bemerkung an: „Diesen Optimismus auch in Zeiten der neuen und manchmal auch der offensichtlich wiederholten alten Gefahren zu bewahren, ist nicht einfach.“
Das Buch von Shulamit Volkov präsentiert keine neuen Forschungsergebnisse, aber der Überblick macht auf prägnante Weise deutlich, wie sehr die deutsche Geschichte mit der der jüdischen Minderheit in Deutschland verwoben ist, und dass die Besonderheiten der deutschen Vergangenheit nur im Kontext der spezifischen jüdischen Erfahrungen verständlich werden.





