Nun hatte die Nation ihr Theater. Zumindest dem Namen nach: „Nationaltheater nächst der Burg“ nannte Kaiser Joseph II. das Schauspielhaus in Wien. Das Gebäude war das alte geblieben, eine „Ballspielbaracke, die notdürftig barock wurde“, wie Reinhard Urbach in der Festschrift zum 210. Jahrestag der Neugründung pointiert schrieb. In der Tat war die Spielstätte ein ausrangiertes Ballhaus, also eine Art Vorläufer moderner Tennishallen. Das scheunenartige Gebäude war ein idealer Auftrittsort für wandernde Schauspielertruppen. 1741 hatte dann Maria Theresia das alte „Hof-Ball-Haus“ erstmals fest an einen Theaterunternehmer verpachtet, das war die „erste Geburtsstunde“ des Burgtheaters gewesen. Keiner der Pächter hatte kommerziellen Erfolg, doch das Ballhaus-Theater war beliebt, und unmittelbar vor der Neugründung wurden dort vier verschiedene Gattungen gegeben: deutsches Schauspiel, italienische und französische Operette und schließlich Ballett. Nach der „Reform“, als die die Umwidmung des Ballhauses in das Nationaltheater in der Forschung gern bezeichnet wird, blieb von allen vier Gattungen nur die erste – zugleich die billigste. Die Ensembles für Oper und Ballett wurden entlassen, dann konnte die Idee des „Theaters der Nation“ konkret werden, die seit einigen Jahren besonders von Joseph von Sonnenfels befördert wurde. „Das scherzhafte Lustspiel wird das herrschende unserer Schaubühne sein“, hatte Sonnenfels 1770 gefordert, und fuhr fort: „Trauerspiele, rührende Stücke wollen wir gleich der Würze sparsam untermengen.“ Abgesehen von der Umsetzung dieser programmatischen Grundsätze verschaffte die Umwidmung dem Theater vor allem endlich eine solide finanzielle Grundlage und eine straffe Organisation. Bald schon wurde über einen Umzug in neue, besser geeignete Räume nachgedacht, doch die heutige „Burg“ wurde erst 1888 bezogen.





