Das Buch beginnt mit der Biologie des Haares und beantwortet Fragen, wie zum Beispiel: Warum haben Menschen überhaupt Haare, warum gibt es verschiedene Haarfarben und warum wächst Haar eigentlich nur an bestimmten Stellen? Es wird jedoch schnell deutlich, dass das Haar über die biologischen Funktionen hinaus vor allem von der patriarchalischen Gesellschaft seit jeher mit kulturellen Konnotationen versehen wurde, allen voran der Verführungskraft des weiblichen Haares. Dieses Thema wird im folgenden Kapitel anhand des Medusa-Mythos vertieft. Die Haare der Medusa (im Mythos in Form von Schlangen) symbolisieren die Verführungskraft der weiblichen Sexualität und drücken sogleich auch die Angst der Männer davor aus. Während das Männerhaar nur selten in antiken Mythen vorkommt, zieht sich die Symbolik des weiblichen Haares als Ausdruck ihrer Sexualität durch die Geschichte (und das Buch).
Diese Thematik wird auch im nächsten Kapitel, das Haar in der Religion, aufgegriffen, um das Problem der drei nonotheistischen Weltreligionen mit dem weiblichen Haar zu erklären. Dieses „Problem“ geht auf die jüdische „rabbinische Weisheit“ zurück, die besagt: „Bei der Frau sind alle Haare Schamhaare.“ So wurde das weibliche Haar sexualisiert, ja direkt mit den weiblichen Genitalien verglichen und musste folglich verborgen werden. Leider fokussiert sich der Autor hier fast ausschließlich auf das Patriarchat als Erklärungsgrund für die weibliche Verschleierung und versäumt zu analysieren, warum muslimische Frauen noch heute ihr Haar verhüllen, auch wenn dies von ihrem sozialen und kulturellen Umfeld nicht mehr immer erzwungen wird.
Die folgenden zwei Kapitel befassen sich mit der Geschichte der Frisur und mit dem Haar in der Kunst. Interessant ist hier vor allem der Zusammenhang zwischen politischen Gegebenheiten und der Entwicklung der Frisur; so kamen in Oliver Cromwells puritanischem England Luxusfrisuren aus der Mode und wurden durch schlichte Haarschnitte ersetzt. Zur gleichen Zeit in Frankreich unter Ludwig XIV erlangten Perücken, als Symbol des Überflusses, jedoch hohe Popularität. Auch bespricht der Autor die Symbolik des Haares als Sinnbild weiblicher Sexualität in der Kunst an den Beispielen der Kunstwerke Gustav Courbets und der Dichtungen Paul Celans. Faszinierend ist hier, dass in Courbets Bild Der Ursprung der Welt, in dem eine Vulva mitsamt Schamhaaren zu sehen ist, das Haar fast vollständig entsexualisiert wird. Leider fehlen Abbildungen der besprochenen Kunstwerke, und der geradezu voyeuristische Fokus des Autors auf Courbets Der Ursprung der Welt wirkt zuweilen etwas befremdlich.
Das letzte Kapitel dreht sich um die Psychologie des Haares. Der Autor bespricht hier unter anderem (meist männliche) Haarfetische und psychische Störungen, wie zum Beispiel das Rapunzel-Syndrom, bei dem (meist weibliche) Menschen ihre eigenen Haare essen. Auch behandelt der Autor das Haar im Bezug auf die #MeToo-Bewegung. Staghun argumentiert, dass die Kurzhaarschnitte der Frauen nach dem Vorbild männlicher Frisuren, die zu dem Zeitpunkt an Popularität gewannen, sich speziell gegen das männliche „tradierte Verständnis, wie eine Frau, ihr Haar betreffend, zu erscheinen hat“ auflehnten, sozusagen zum Protest gegen das Patriarchat wurden. Hier wird jedoch deutlich, was unterschwellig schon in den vorherigen Kapiteln zu bemerken ist, dass das Patriarchat als Staguhns allumfassende Erklärung oftmals reduzierend wirkt. So wird der Frau jegliche Autonomität im Bezug auf die Symbolik des eigenen Haars abgesprochen und dem Patriarchat untergeordnet. Die Frau und ihr Haar werden durchgängig als Opfer männlicher Machtausübung dargestellt, was zu einem Großteil zwar nicht unbedingt falsch ist, jedoch jegliche alternativen Interpretationsmöglichkeiten von vornherein ausschließt.





