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Die bärtigen Brüder der Zisterzienser
Die Aufnahme von Laienbrüdern, die im Kloster lebten und arbeiteten und den Chormönchen erlaubten, sich auf ihre Gebetspflichten zu konzentrieren, war im Mittelalter keine Seltenheit. Doch kein Orden hat die Konversen je so konsequent eingesetzt wie die Zisterzienser.
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Abt Robert von Molesme (um 1028–1111) war frustriert. Selbst in seinem eigenen Kloster konnte er nicht das umsetzen, was er sich unter einem gottgefälligen Leben vorstellte. Seine Vision einer strengen Umsetzung der Regel des heiligen Benedikt scheiterte am Widerstand seiner Mitbrüder. Im Jahr 1098 hatte er genug. Zusammen mit 21 Mönchen, die seine Ansichten teilten, zog er in die Einöde, um dort ein neues Kloster zu bauen, eine Abtei, die anders sein sollte, ein novum monasterium, ein neues Kloster.
Konversen kümmern sich um Handarbeit und Handel – und bilden die Brücke vom Kloster zur Außenwelt
Mit dem Auszug Abt Roberts aus Molesme beginnt die Geschichte von Cîteaux, dem Kloster, das anders sein wollte, anders etwa als Cluny, das bis dahin bedeutendste Kloster nicht nur Burgunds, sondern der gesamten christlichen Welt, wo die Mönche reich und träge geworden waren und sich der Pflege einer immer elaborierteren und komplexeren Liturgie hingaben, statt dem Vorbild Benedikts zu folgen und ein einfaches Leben zu führen. Roberts Anhänger wollten zurückkehren zu einer strengen Umsetzung der Regel, was vor allem bedeutete: Sie wollten nicht von den Erträgen ihnen geschenkter Güter, sondern von ihrer eigenen Hände Arbeit leben:
„So verachteten sie, arm mit dem armen Christus, die Reichtümer dieser Welt. Als neue Streiter Christi begannen sie, gemeinsam zu erwägen, mit welchem Plan, welchem Gewerbe oder welcher Tätigkeit sie bei dieser Lebensform sich und die vorbeikommenden Gäste erhalten könnten, die die Regel, ob arm oder reich, wie Christus aufzunehmen vorschreibt. Damals beschlossen sie, mit Erlaubnis des Bischofs Laien als Konversen aufzunehmen, die einen Bart trugen, und sie in Leben und Tod wie ihresgleichen zu behandeln, ohne dass sie dem Mönchsstand angehörten; außerdem auch noch Tagelöhner. Sie sahen nämlich, dass sie ohne deren Hilfe die Vorschriften der Regel bei Tag und Nacht nicht voll und ganz erfüllen konnten. … Falls sie irgendwo Höfe für die Landwirtschaft errichten würden, so beschlossen sie, diese von Konversen bewirtschaften zu lassen, nicht von Mönchen, weil deren Wohnung gemäß der Regel das Kloster sein muss.“ So beschreibt das „Exordium Parvum“, die früheste vom Orden autorisierte Aufzeichnung seiner Geschichte, die Anfänge seiner Wirtschaftsweise, die von Beginn an auf die tätige Mithilfe von Konversen setzte. Die Mönche wussten: Sie konnten noch so sehr um Autarkie bemüht sein, und doch würde es ihnen nicht gelingen, ein Kloster zu unterhalten, das nicht mit seiner Umwelt in Kontakt treten musste, um sein Überleben zu sichern.
An genau dieser Stelle waren die Konversen eine wertvolle Hilfe: Sie ermöglichten es den Mönchen, die Klausurgebote einzuhalten, indem sie all jene Aufgaben übernahmen, die das Verlassen der Klostermauern voraussetzten. Da die Gebetspflichten der Konversen gering waren, erlaubten sie den Mönchen außerdem, ihren eigenen von der Regel vorgeschriebenen liturgischen Pflichten in vollem Umfang nachzukommen, ohne dass das Kloster dadurch einen wirtschaftlichen Schaden erlitt.
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Der Begriff Konversen leitet sich von conversio ab, was „Umkehr“ bedeutet. Bei den Konversen handelte es sich um Laien, die sich erst in einem fortgeschrittenen Alter für ein Leben im Kloster entschieden. Sie unterschieden sich damit von den Mönchen, die in den meisten Fällen schon als Kinder und Jugendliche von ihren Eltern zur Erziehung ins Kloster gegeben wurden.
Einmal im Kloster aufgenommen, war den Konversen der Übertritt in die Gruppe der Mönche verwehrt. Auch durften sie weder dem Kapitel beiwohnen noch an der Wahl des Abtes teilnehmen oder sich dem Studium der Heiligen Schrift widmen. Sie bezogen eigene Räumlichkeiten im Kloster, trugen statt der Kukulle die cappa (eine Art Mantel) und statt der Tonsur einen Bart. Doch so streng die Zisterzienser in ihren Vorschriften zwischen Mönchen und Konversen unterschieden, so stellten sie darin auch klar, dass die Konversen in der Gnade der Erlösung den Mönchen gleichgestellt sind. Und nicht nur sollten sie an den geistlichen Werken des Ordens die volle Teilhabe genießen, auch sonst waren sie seine vollwertigen Mitglieder, genossen rechtlichen Schutz sowie materielle und soziale Sicherheit und hatten auch das Recht, neben den Mönchen auf dem Klosterfriedhof bestattet zu werden.
Den Fachkräften für Klosterwirtschaft bietet sich eine reelle Chance zum sozialen Aufstieg
Anders als vor allem von marxistischen Historikern vermutet worden ist, handelte es sich bei ihrem Status nicht um den einer fortgeschrittenen Knechtschaft. Ganz im Gegenteil war das Angebot eines sicheren Auskommens in einer Zeit starken Bevölkerungswachstums, eines Überangebots an Arbeitskräften und bedeutender gesellschaftlicher Umbrüche nicht unattraktiv. Abgesehen vom möglichen Lohn im kommenden Leben und der Aussicht auf regelmäßiges Essen, die Versorgung mit Kleidung, bei Krankheit und im Alter, bot der Eintritt ins Kloster für manchen Konversen einen sozialen Aufstieg, bisweilen gar berufliche Erfüllung, boten die Klöster qualifizierten Fachkräften doch auch Chancen zum Aufstieg innerhalb der Klosterhierarchie. In unruhigen Zeiten schlossen sich viele auf der Suche nach Abenteuer und Erfüllung den Kreuzfahrern ins Heilige Land an; andere zogen in die schnell wachsenden Städte – und wieder andere wählten die Sicherheit der Klostermauern und traten dem „neuen Kloster“ oder einem seiner bald sehr zahlreichen Tochterklöster bei: Unter Abt Stephan Harding (1059–1134) und dem charismatischen Prediger Bernhard von Clairvaux (1090–1153) hatte der Orden mit seinem Angebot einer neuen „alten“ Lebensweise enormen Zulauf.
Hinter diesem Erfolg steckte ein rigides Ordnungssystem. Jedes neue Kloster des Ordens unterstand disziplinarisch seinem Mutterkloster. Verbindlich war die Teilnahme am jährlichen Generalkapitel der Äbte ebenso wie die regelmäßige Visitation der Konvente durch die Mutter-klöster. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf den wirtschaftlichen Zustand der Klöster gelegt.
Ganz auf Zinseinnahmen zu verzichten und allein vom Ertrag der Eigenwirtschaft zu leben, gelang den wenigsten Klöstern. Doch zumindest wurde versucht, größtenteils von der eigenen Hände Arbeit zu leben. Nur mit den Händen der Mönche allein konnte dies jedoch nicht gelingen. Es brauchte die Konversen als eine Gruppe fest an das Kloster gebundener Arbeitskräfte, außerdem dauerhaft und saisonal beschäftigte weltliche Lohnarbeiter.
Für den wirtschaftlichen Betrieb jedes Klosters verantwortlich war der Cellerar. Damit war er gleichzeitig der wichtigste Vorgesetzte der Konversen. Für ihre geistige Betreuung war ein Konversenmagister zuständig, in der Regel ein älterer und erfahrener Mönch.
Arbeit zeugt von unternehmerisch eigenverantwortlichem Handeln
Der wichtigste Aufgabenbereich der Konversen war die Arbeit auf den Grangien (von lat. granum = „Korn“/ „Getreide“), weiter vom Kloster entfernt liegenden landwirtschaftlichen Betrieben, die unter der Aufsicht eines Grangienmeisters standen, welcher meist ebenfalls ein Konverse war. Auch die Leitung der klostereigenen Werkstätten – etwa von Bäckerei, Mühle, Schmiede – unterstand häufig Konversen, die vor ihrem Eintritt in das Kloster das entsprechende Handwerk gelernt hatten.
Genauso wurden die Stadthöfe der Klöster, von denen aus der Verkauf von Produktionsüberschüssen und der Einkauf dringend benötigter, nicht selbst erzeugter Waren auf dem städtischen Markt organisiert wurde, von Konversen geführt. Die Leiter der Grangien und Stadthöfe vertraten das Kloster zudem in vielen Fällen nach außen, traten als Prokuratoren auf, handelten An- und Verkäufe von Immobilien aus oder traten vor Gericht auf. Zwar unterstanden sie dabei stets Cellerar und Abt, mussten diesen vierteljährlich Rechnung legen und regelmäßig Inventur machen, doch darf durchaus von eigenständigem unternehmerischem Handeln ausgegangen werden. Dabei trugen die Meister große Verantwortung: Die Rentabilität von Grangien und Werkstätten wurde regelmäßig überprüft und einmal im Jahr von den Meistern eine Einschätzung der Entwicklung von Einnahmen und Ausgaben im Folgejahr verlangt. Überschüsse wurden auf dem städtischen Markt kapitalisiert und in den Erwerb neuer Produktionsmittel investiert. Nicht profitable Höfe wurden verkauft, Felder und Wiesen gezielt angekauft und verkauft, um dem Kloster einen möglichst geschlossenen Besitzkomplex zu erhalten.
Auch die Produktivität der Werkstätten wurde durch den Einsatz neuer Techniken und Methoden gezielt gesteigert. Ihr über ganz Europa weitverzweigtes Ordensnetzwerk ermöglichte es den Zisterziensern, einmal erworbenes Wissen um technische Neuerungen auszutauschen und weiterzugeben. So waren die Werkstätten der Zisterzienser etwa Vorreiter beim Einsatz von Nockenwellen, die im 12. und 13. Jahrhundert weite Verbreitung fanden. Sie ermöglichten es, die rotierende Kraft eines Wasserrades in eine lineare Bewegung umzusetzen und damit beispielsweise Walkmühlen, Lohstampfen, Blasebälge oder Eisenhämmer anzutreiben.
Zwar wurde die Klosterwirtschaft von der Landwirtschaft dominiert, insbesondere vom Getreideanbau, der Viehzucht und – nicht nur im Burgund – dem Weinbau, doch wurde sie an die örtlichen Gegebenheiten angepasst. Produziert wurde, was zur Versorgung des Klosters nützlich war und auf dem lokalen, aber auch dem überregionalen Markt Absatz fand. So waren die Klöster aus Yorkshire, Wales und Irland bedeutende Marktteilnehmer im internationalen Wollhandel, während andere Klöster, die Salinen besaßen, im Salzhandel aktiv waren. Transport und Verkauf übernahmen dabei – natürlich – die Konversen.
All dies zeigt: Anders als bisweilen vermutet, waren die Konversen eines Klosters längst nicht nur billige Arbeitskräfte, im Gegenteil fanden sich darunter hochqualifizierte Fachleute, die wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg der Gemeinschaft hatten – und innerhalb dieser auch in der Überzahl waren: Die Architektur vieler Klöster wie auch schriftliche Aufzeichnungen weisen darauf hin, dass in vielen Konventen mehr Laienbrüder als Chormönche lebten.
Bandbreite der Herkunft reicht vom Bauer bis zum Adligen
Die großen Managementfähigkeiten der Konversen waren so gefragt, dass auch Fürsten versuchten, sie als Leiter ihrer Güter zu gewinnen: So wollte der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel Konversen aus Altenberg für die Bewirtschaftung seiner Höfe ausleihen, und Konversen aus Salem beaufsichtigten die Salinen des Salzburger Domkapitels. Auch Richard Löwenherz und Philipp II. von Frankreich setzten auf die Dienste von Konversen, die sie sich aus Zisterzienserklöstern ausliehen – zum Missfallen des Generalkapitels.
Der Eindruck, dass ein relativ hoher Anteil von Konversen Führungspositionen innegehabt zu haben scheint, ist jedoch auch dem Umstand geschuldet, dass es genau diese Konversen sind, die eine höhere Chance haben, in den überlieferten Quellen Erwähnung zu finden. Ihre Namen sind es, die in Urkunden auftauchen, die den Kauf oder Verkauf einer Immobilie bezeugen, sie sind es, die als Baumeister von Kirchen und Klostergebäuden genannt werden. Auch im „Usus Conversorum“, den vom Orden aufgezeichneten Vorschriften für die Konversen, werden jenen Laienbrüdern eigene Kapitel gewidmet, denen die Leitung von Grangien und Werkstätten anvertraut wurde. Das heißt nicht, dass alle Konversen eine solche Führungsposition innehatten. Im Gegenteil dienten auch viele – zusammen mit den weltlichen Lohnarbeitern – dem Kloster als einfache Arbeitskräfte.
Und doch zeugt die soziale Herkunft – insoweit sie von Fallstudien ermittelt werden konnte – von einer sehr heterogenen Gruppe, die sich aus Bauern und Handwerkern, aber auch aus dem gehobenen Bürgertum und dem Adel rekrutierte. So lässt sich etwa im Kloster Himmerod in der Eifel eine ganze Reihe Ritter und Adliger unter den Konversen belegen, darunter Arnold von Braunshorn, Graf Hermann III. von Virneburg, Paynus von Gilsdorf, Gerlach von Rheinbachweiler und Heinrich von Dudenhofen. Sie alle brachten Besitz ins Kloster ein: Ländereien, Weingärten oder Häuser in der Stadt. Auch das Kloster Haina am Niederrhein hatte phasenweise relativ viele Adlige unter seinen Konversen. Überraschend häufig wird berichtet, dass ins Kloster eingetretene Adlige dort Schweine hüteten – was als ausdrucksstarker Beleg ihrer geistlichen Umkehr verstanden werden soll.
Anders als die Männerkloster des Ordens setzten die Konvente der Zisterzienserinnen eher auf Zins- als auf Eigenwirtschaft, was auch mit den noch strengeren Klausurvorschriften zusammenhing. Das Verhältnis der Ordensleitung zu den Frauenstiften war zudem lange ein schwieriges und die Integration einzelner Konvente in den Ordensverband unterschiedlich stark ausgeprägt. In vielen Fällen waren sie eher lose assoziiert als eng in das Ordensnetzwerk eingebunden. Und doch setzten auch die Zisterzienserinnen in vielen Fällen auf Konversen als Arbeitskräfte zur Erledigung solcher Aufgaben, die ein Verlassen des Klosters erforderten. Wie bei den Männerklöstern verfügten diese über eigene Wohnräume außerhalb des Klausurbereichs und einen eigenen Platz in der Klosterkirche – doch unterstanden sie der Disziplinargewalt der Äbtissin. Belegt sind auch weibliche Konversen, und zwar nicht nur in Frauenklöstern, sondern auch in Männerklöstern! Leider sind ihre Lebensweise und ihre Aufgaben in der Klosterwirtschaft bisher schlecht erforscht.
Das Armutsideal der Bettelorden bereitet den Konversen Probleme
Stellten die Konversen im 12. und bis ins 13. Jahrhundert häufig die Mehrzahl der Klosterbewohner, so änderte sich dies im 14. Jahrhundert. Ausschlaggebend waren stark veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Waren das 11. und das 12. Jahrhundert in Europa von wirtschaftlichem Aufschwung, Bevölkerungswachstum, Produktivitätssteigerungen, Arbeitskräfteüberschuss, Städtewachstum und Binnenkolonisation geprägt, also einem Umfeld, in dem Nachfrage und Preise stiegen und geschickt vorgehende Klöster prosperieren konnten, so wurden diese vom wirtschaftlichen Abschwung und Bevölkerungsrückgang des 14. Jahrhunderts schwer getroffen.
Darüber hinaus war den Zisterziensern auf geistlicher Ebene Konkurrenz erwachsen: Die Armutsbewegung der Mendikantenorden, die Niederlassungen in den Städten gründeten, stellte eine attraktive Alternative dar, zumal der wirtschaftliche Erfolg vieler Zisterzienserklöster ihren selbst formulierten Anspruch, nicht nach Reichtum zu streben, infrage stellte. In diesem Kontext wurden ausgerechnet die Konversen, die Laienbrüder, die das Kloster auf den Grangien und in der Stadt nach außen sichtbar vertraten, zu wenig populären Symbolfiguren der bisweilen als aggressiv empfundenen wirtschaftlichen Expansion der Klöster.
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