Vor 1933 war Frankfurt am Main die deutsche Stadt mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil. Ihre jüdische Gemeinde war nach Berlin die zweitgrößte in Deutschland. Im Finanzwesen, in Bildung und Wissenschaft, aber auch in einer Vielzahl von Vereinen und Stiftungen prägten Juden die Stadt Frankfurt in besonderer Weise. Doch bei Kriegsende im Frühjahr 1945 war diese vielfältige Kultur durch die Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden völlig zerstört. Statt einstmals rund 30.000 jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurtern hielten sich nur noch etwa 100 bis 200 in der zerstörten Stadt auf.
Nachkriegsgeschichte jüdischen Lebens rekonstruiert
Wie aber ging die Geschichte der Juden in Frankfurt von diesem Zeitpunkt an weiter? Das hat Tobias Freimüller, stellvertretender Direktor des Fritz-Bauer-Instituts an der Goethe-Universität Frankfurt im Rahmen seiner Habilitation erforscht. In seiner Habilitationsschrift zeichnet er nach, wie es in den Nachkriegsjahren gelang, allmählich wieder Institutionen und einen sozialen Raum für jüdisches Leben in Frankfurt zu etablieren. Freimüller klärt unter anderem, wo und in welcher Form nach dem Ende des Nationalsozialismus noch ein lokales jüdisches Gedächtnis in Frankfurt existierte. Zudem hat er untersucht, wie die Integration der nach Kriegsende aus Osteuropa geflohenen Holocaustüberlebenden in Frankfurt gelang und warum sich gerade in Frankfurt die „zweite Generation“ von Jüdinnen und Juden seit den 1960er Jahren so vernehmlich artikulierte.
Die deutsch-jüdische Nachkriegsgeschichte erscheint am Frankfurter Beispiel als eine vielfältige Geschichte von Migration, Konflikt und intellektuellem Neubeginn, aus der sich in den 1980er Jahren schließlich ein neues jüdisches Selbstbewusstsein entwickelte. Für seine Arbeit hat der Historiker nun den Rosl und Paul Arnsberg-Preis der Stiftung Polytechnische Gesellschaft erhalten. Dieser wird international ausgeschrieben und ist herausragenden Forschungen zur Geschichte des jüdischen Lebens in Frankfurt gewidmet. “Die Arbeit zeichnet ein hochdifferenziertes Bild des komplexen Verhältnisses von Jüdinnen und Juden untereinander und zur nichtjüdischen deutschen Gesellschaft nach der Schoah“, lobte die Jury unter Vorsitz von Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums, den Preisträger und seine Arbeit.
Frankfurt war typisch und besonders zugleich
Konkret zeigt Freimüllers Arbeit die Stadt Frankfurt einerseits als typisches Beispiel für die jüdische Nachkriegsgeschichte in der Bundesrepublik. Gleichzeitig jedoch stellt sie klar, dass Frankfurt auch ein Sonderfall war, weil dort unter dem Schutz der amerikanischen Besatzungsmacht besonders rasch ein Netz jüdischer Institutionen und ein Anlaufpunkt für zurückkehrende Intellektuelle entstand. Deshalb kamen nach dem Krieg viele jüdische “Displaced Persons” (DP) aus Osteuropa in die Stadt. Sie hofften, über das Hauptquartier der US-Alliierten in Frankfurt am Main, weiter nach Amerika, nach Palästina oder in andere Länder ausreisen zu können. Da dieser Weg aber vorerst versperrt war, lebten tausende der jüdischen DPs einige Jahre in einem eilig errichteten Lager in Frankfurt-Zeilsheim.





