Am 1. August 1973 verstarb Walter Ulbricht in Ostberlin. In der “Hauptstadt der DDR” liefen zu diesem Zeitpunkt die Weltjugendfestspiele. Sein Nachfolger ließ sie nicht unterbrechen. Der frühere Vorsitzende des Staatsrates und Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED Walter Ulbricht war schon 1971 politisch kaltgestellt worden: Erich Honecker hatte ihn in aller Öffentlichkeit vom unangefochtenen Übervater der DDR zum zahnlosen Großvater degradiert, aus dem einstigen Helden des Sozialismus hatte die Propaganda zwischenzeitlich einen müden Pantoffelhelden gemacht. Dem Lebenswerk dieses Mannes ist das ebenso knapp wie korrekt geschriebene Taschenbuch gewidmet, das einen Überblick über die “Ära Ulbricht” gibt. Der Band besteht aus zwei Hauptteilen, die einander bestens ergänzen. Im ersten Teil wird eine konventionelle politische Geschichte der DDR “unter Ulbricht” präsentiert. Herrschaftsaufbau und Herrschaftssicherung durch die SED im Verein mit den sowjetischen Genossen bilden hier den roten Erzählfaden. Im zweiten Teil überwiegt ein gesellschaftsgeschichtlicher Zugang: Hier werden Kontinuitäten und Diskontinuitäten herausgearbeitet. Dem Autor gelingen unter diesen Auspizien beispielweise aufschlußreiche Schlaglichter auf die Geschichte der Sozialpolitik in der DDR. Der Band ist als kundige Einführung in die formative (50er Jahre) und in die reformative Periode (in den 60er Jahren) der Geschichte der DDR nur zu empfehlen. So manches geschichtswissenschaftliche Problem vermag er jedoch nur anzureißen, nicht aber eingehend zu erklären.
Rezension: Gries, Rainer





