Den Bewunderern der deutschen Kaiserherrlichkeit bleibt nichts erspart. Statt sich ein weiteres Mal am lebendigen Odem großer Persönlichkeiten zu erfreuen, müssen sie sich von den Historikern sagen lassen, daß es sich lohnt, die nationalistische Tünche zu entfernen und die angeblichen Helden der Frühzeit zu ganz normalen Menschen zu machen. Diese Tendenz zur nüchternen Sachlichkeit ist gewiß erfreulich. Aber es hat schon etwas Beunruhigendes, wenn uns zugleich vor Augen geführt wird, daß sich die Bilder, die sich die Historiker von den deutschen Herrschern des Mittelalters machen, nicht nur in Nuancen verändern, sondern ständig in Fluß bleiben. Die historische Erinnerung, so scheint es, ist fast beliebig formbar. Andererseits wird Geschichte auch heute noch mit wissenschaftlichem Anspruch geschrieben. Man weiß also nicht recht, woran man sich halten soll. Vor diesem Hintergrund zeugt es von großem Mut der Herausgeber, ein Kompendium vorzulegen, das in 28 biographischen Essays über immerhin 600 Jahre europäischer Geschichte orientiert. Doch ein mindestens ebenso großes Wagnis war es, sich dazu nicht einfach auf die Routine renommierter Forscher zu verlassen, sondern auch ganz gezielt junge Talente zu fördern. Eines davon ist Christina Lutter (Jahrgang 1970), die das Leben Kaiser Maximilians I. behandelt. Es genügt ihr nicht, ein einprägsames Bild dieses “letzten Ritters” zu zeichnen – sie weist darüber hinaus nach, wie stark Maximilian durch den stilisierten Roman “Weißkunig” die historische Erinnerung selbst beeinflußt hat. Dieses Beispiel steht für viele. Dieser Band ist ein echtes Lesevergnügen und macht zudem deutlich: Die deutsche Mediävistik hat zum Erzählen zurückgefunden – ohne nationalistisches Pathos oder Heldenverehrung. Dennoch hat sie sich entschlossen, zur biographischen Form zurückzukehren und den Menschen selbst in den Schnittpunkt aller Entwicklungslinien zu stellen. Wer neugierig ist, sei nachdrücklich zur Lektüre ermuntert.
Rezension: Laudage, Johannes





