„Ja überall kehrt hier das Gefühl und die Stimmung des Orients wieder … und unwillkürlich mußte ich bei meiner Einfahrt in die mondbeglänzte Stadt an Tausendundeine Nacht denken, wo Kaufleute oder verkleidete Prinzen ihren nächtlichen Einzug halten in eine unbekannte Märchenstadt mit schimmernden Kuppeln am schimmernden Meere.“ So beschrieb der deutsche Konsul Carl August Schneegans im Jahr 1887 enthusiastisch seine Annäherung an die Stadt Palermo. Mit dieser orientalisierenden Perspektive war er im 18. und 19. Jahrhundert nicht allein.
Reisende vernehmen an vielen Orten in Italien den Orient
Italien wurde in den Reiseberichten der Zeit nicht nur als Land der Antike, der Renaissance oder als europäischer Süden, sondern auch als beginnender Orient wahrgenommen. Im gesamten Land wurden Orte und Regionen orientalisiert: Venedig, Triest, Livorno, Ancona, Pisa, Rom, Neapel, die Amalfiküste und Sardinien. Insbesondere gehörten auch die Stadt Palermo und die gesamte Region Apulien dazu, welche abseits der klassischen Grand Tour lagen. Was verbirgt sich hinter diesen Orientalisierungen? Um etwas darüber herauszufinden, bieten sowohl bekannte als auch bislang unentdeckte Reiseberichte von britischen, deutschen, italienischen, aber auch muslimischen Reisenden Aufschlüsse.
Betrachtet man Bereiche wie Architektur, Ethnographie, Historiographie oder auch Naturbeobachtungen, dann lassen sich ganz unterschiedliche Dimensionen der Orientalisierungen Italiens feststellen, darunter sowohl Phantasien der Reisenden als auch faktisch nachvollziehbare Reiseimpressionen: Diese konnten von romantischen Träumereien im Stil von „1001 Nacht“, Semantiken des Erotisch-Moralisch-Zweifelhaften über nationalistische Rassismen bis zu historisch fundierten Beobachtungen reichen.
Vor allem in der Stadt Palermo, im Mittelalter einst Hauptstadt des Emirats Sizilien, verdichteten sich Orientalisierungen in Reiseberichten allein schon aufgrund der reichhaltigen faktischen Spuren. Waren es im späten 18. Jahrhundert nur einzelne wissenschaftliche Pioniere wie Friedrich Münter oder Joseph Hager gewesen, die das akademische Interesse am Arabischen in Palermo repräsentierten, so waren spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten Reisenden in ihren Assoziationen vom „Orientfieber“ der Zeit voll erfasst. Nun begann man, selbst Goethe für dessen Auslassungen des mittelalterlich-arabischen Erbes zu tadeln.
Der Komplexität, dass die erhaltenen arabischen Spuren in Palermo überwiegend erst aus der nachfolgenden normannischen Herrschaftszeit stammen, wurden viele Reiseberichte erstaunlicherweise oft gerecht. Sie entwickelten ein Bewusstsein für die Partikularitäten des Arabischen in der sizilianischen Mischung. Teil der Orientbilder waren nun Bauwerke wie die einstige Hauptmoschee und heutige Kathedrale Palermos oder auch das arabisch-normannische Schloss La Zisa, das Anlass zu ganzen genresprengenden Dichtungen in Reiseberichten lieferte. Bis ins 19. Jahrhundert hielt sich die Annahme, La Zisa sei wie La Cuba ein Lustschloss arabischer Prinzessinnen gewesen.





