Römische Grabsteine werden als Quellengattung geschätzt, weil sie über Leben, Verdienste und besondere Merkmale der Bestatteten berichten. Die in Mainz gefundene Grabinschrift des Iucundus hingegen überliefert auch die dramatischen Todesumstände des Verstorbenen: „Iucundus, Freigelassener des Marcus Terentius, Viehzüchter [ruht hier]. Vorübergehender Reisender, wer immer es auch liest, halte inne und sieh, wie unwürdig dahingerafft unnütz ich klage. Leben konnte ich nicht länger als 30 Jahre. Denn es entriss mir ein Sklave das Leben, und er selbst stürzte sich kopfüber in den Fluss. Ihm raubte der Main, was er seinem Herrn entrissen hatte. Der Patron ließ auf seine Kosten diesen Grabstein setzen.“
Der unglückliche Iucundus hatte trotz seiner nur 30 Lebensjahre ein bewegtes Leben. Geboren wurde er um die Zeitenwende als Sklave eines gewissen M. Terentius. Dieser schenkte ihm später die Freiheit – warum er dies tat, wissen wir nicht. Iucundus blieb seinem ehemaligen Herrn und künftigen Patron ein Leben lang in einem gegenseitigen Schutz- und Treueverhältnis verbunden. Er wurde pecuarius (Viehzüchter) und nutzte die Gunst der Stunde. Er lebte in einer Zeit des Wandels und Aufbruchs voller Chancen und Risiken: Wenige Jahrzehnte zuvor war das römische Militär ins Rheinland gekommen und hatte Legionslager wie Mogontiacum (Mainz) und Vetera (Xanten) errichtet. Schnell bildeten sich zivile Siedlungen, deren Einwohner ihr Auskommen durch das Geschäft mit den gut besoldeten Soldaten fanden.
Das Militär blieb zu Lebzeiten des Iucundus ein bestimmender Faktor im Rheinland. Wahrscheinlich arbeitete der Viehzüchter auch für die beiden in Mainz stationierten Legionen, als er sich im noch nicht eroberten Maingebiet rechts der Rheingrenze aufhielt. Vielleicht befanden sich dort Viehweiden, oder er wollte mit Händlern aus dem freien Germanien Geschäfte machen. Als Begleitung nahm er einen Sklaven mit, der ihn unterstützen und im Notfall auch schützen konnte. Die Straßen waren ein gefährliches Pflaster – jederzeit konnte man Opfer eines Raubüberfalls werden. Das Schicksal nahm jedoch eine andere, für Iucundus nicht weniger fatale Wendung: Der Sklave erschlug seinen Herrn. Hatte Iucundus, obwohl ehemals selbst unfrei gewesen, ihn grausam behandelt? Es müssen dramatische Minuten gewesen sein: War es Totschlag aus dem Affekt heraus, oder doch ein geplanter Mord? Unternahm der Sklave einen erfolglosen Fluchtversuch, der für ihn tödlich in den Fluten des Mains endete?
Iucundus hatte immerhin noch das Glück, nicht als namenloser Verschollener dem Vergessen anheimzufallen. Offenbar hatten Zeugen das Geschehen beobachtet. So konnten die Leiche gefunden und die Tatumstände rekonstruiert werden. Der Verlust muss M. Terentius persönlich getroffen haben, denn er errichtete seinem Freigelassenen ein imposantes, insgesamt über zwei Meter hohes Grabmal aus Kalkstein. Die Inschrift wird bekrönt durch einen mit Pflanzen‧motiven verzierten Giebel. Unten befindet sich – passend zur Tätigkeit des Bestatteten – eine Szene mit unter Bäumen weidenden Schafen und einem Hirten samt Hund.





