Die Hoffnung der staufi‧schen Anhänger, an die Ära des 1250 verstorbenen Kaisers Friedrich II. anknüpfen zu können, war in weite Ferne gerückt, als sich in Süditalien eine ganz erstaunliche Nachricht verbreitete: Friedrich II. sei wohlauf und bereit, die Regierungsgeschäfte wieder zu übernehmen. Seine Abwesenheit wurde mit einer langen Pilgerfahrt erklärt, die er unternommen habe, um für seine Sünden zu büßen.
Allerdings erschien ein gänzlich „geläuterter“ Friedrich II. auf der Bildfläche. Statt seinen jahrzehntelangen Kampf gegen die Kurie fortzusetzen, suchte er gerade bei ihr Unterstützung und – nicht minder überraschend – fand sie dort auch. Papst Urban IV. sprach vom „wunderbaren Wirken der Hand des Herrn“ und schickte einen Bevollmächtigten, der den Rückkehrer in seinem Unterfangen ermutigen sollte, Macht und Herrschaft zurückzuerobern. Geradezu paradoxe Züge nahm die Politik des wiedergekehrten Friedrich II. an, als er den Kampf gegen seinen eigenen Sohn Manfred eröffnete, den er selbst Jahre zuvor zum Verweser Reichsitaliens und Siziliens ernannt hatte. Was war geschehen? War der Kaiser in der Dekade als Pilger zu völlig neuen Einsichten gelangt, die ihn zur Speerspitze päpstlicher Politik machen sollten?
Tatsächlich war es ein Hochstapler, der in die Rolle des ersehnten Heilsbringers geschlüpft war. Nach Auskunft einer späteren Chronik handelte es sich um einen Bettler namens Johannes von Cocleria, der auf seine Ähnlichkeit mit dem alten Kaiser aufmerksam gemacht worden war, worauf er sich dessen Sprache und Gestus angeeignet und so rasch Anhänger gewonnen hatte. Für Papst Urban IV. bot das überraschende Auftauchen „Friedrichs“ ein willkommenes Machtmittel im Kampf gegen Manfred. Dementsprechend konsequent ging dieser gegen den vermeintlich wiedergekehrten Vater vor: Er ließ ihn gefangen nehmen und zusammen mit elf Gefolgsleuten hinrichten.
Das Phänomen des falschen Herrschers ist kein Einzelfall in der mittelalterlichen Geschichte. Immer wieder versuchten Menschen niederer oder zweifelhafter Herkunft, Macht und Anerkennung zu erlangen, indem sie sich als verstorbene Herrscher ausgaben. Wir wissen aus dem Jahr 1138 vom Erscheinen eines falschen Kaisers Heinrich V., von einem 1225 auftretenden falschen Grafen Balduin von Flandern oder von einem falschen Markgrafen Woldemar, der von 1348 bis 1350 mit königlicher Anerkennung Brandenburg regierte.
Keine andere Epoche rief allerdings vergleichbar viele falsche Herrscher auf den Plan wie die krisenhafte nachstaufische Zeit, die von der Hoffnung auf die Fortsetzung staufischer Machtentfaltung geprägt war. Zweifellos kann Friedrich II. als der am meisten imitierte Herrscher des gesamten Mittelalters bezeichnet werden. Mindestens sechs Epigonen sind in den Quellen greifbar, die sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts für den zurückgekehrten Kaiser ausgaben.





