„Die Wahrheit hinter dem Mythos“ – das ist eine selbstbewusste Ankündigung für Ereignisse um 1300, für die schriftliche Quellen rar sind. Umso wichtiger sind die Kompetenzen von zwei bewährten Autoren, des Mittelalter-Archäologen Werner Meyer (von Schülern ebenso liebe- wie respektvoll „Burgen-Meyer“ genannt) und des Rechtshistorikers und früheren Staatsarchivars im Kanton Obwalden Angelo Garovi. So liest man mit Gewinn die soliden Kapitel über Burgenbau als Teil der Herrschaftsbildung, die Entstehung von Ob- und Nidwalden als rechtliche Einheiten, eine Studie zum Dorf Alpnach oder literaturwissenschaftliche Ausführungen zu Drachen – und zum „Weißen Buch von Sarnen“, in dem um 1474 der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber als Erster seine Dichtung von Wilhelm Tell aufzeichnete. Garovi verweist diese wirkmächtige Erzählung unter die Mythen: Es gab um 1300 keinen „Freiheitskampf“ und „Burgenbruch“, keine Gründung der Eidgenossenschaft und später keinen „Beitritt“ zu ihr. Wenn ein Datum strukturell wichtig war für die kommende Entwicklung, dann das Aussterben der Zähringer im Jahr 1218. Das ist ein zutreffender, aber jeweils etwas apodiktisch vorgebrachter Befund zum Buchthema „Die Entstehung der Schweiz“.
Dazu würden sich manche Leser einen Überblick auf neustem Stand wünschen. Doch anders als der Titel vorgibt, entwickelt hier nicht eine Monographie ein Thema und die dazugehörigen Argumente. Angebracht wäre eher ein Etikett wie „Ausgewählte alte Aufsätze, erweitert um einige jüngere Notizen“. Querverweise auf spätere Kapitel (manchmal drei auf einer Seite) strukturieren die Argumente ebenso ungenügend wie Einschübe in Klammern.
Welcher der beiden Verfasser welche Teilkapitel verfasst hat, errät man oft aus der Bibliographie des Buches, in der sie selbst nicht zu kurz kommen. Dagegen fehlt Literatur aus dem 21. Jahrhundert weitgehend, bis auf einige mittelalterarchäologische Spezialaufsätze. Dies gilt selbst für die zentralen Kapitel, etwa zum Morgarten-Krieg. Die wichtigsten sechs Publikationen, die im Umfeld des 700. Jubiläums von 2015 erschienen, sind in einer einzigen Fußnote erwähnt, aber weder diskutiert noch benutzt. Von den einschlägigen jüngeren Werken Bruno Meiers ist nur eines bibliographiert, aber nicht erörtert.
Unentschuldbar ist, wenn die wichtigste Monographie zum angeblichen Thema nicht einmal in der Bibliographie auftaucht: Roger Sabloniers „Gründungszeit ohne Eidgenossen: Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300“ von 2008. Man braucht mit Sabloniers Thesen namentlich zu Graf Werner von Homberg, dem die Autoren ebenfalls ein Kapitel gewidmet haben, nicht einverstanden zu sein. Eine gründliche Diskussion haben sie gleichwohl verdient und nicht nur einen knappen Verweis auf die – angeblich – „zwingenden Argumente“, die der Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer dagegen vorgebracht und damit die Debatte „erledigt“ habe. Das kann diese Buchbindersynthese von sich selbst auch dort kaum behaupten, wo sie zu guter Letzt in eine überflüssige Apologie der „Sonderfall“-Rhetorik zurückfällt. Sind etwa Böhmen und Liechtenstein „Normalfälle“; oder gar Sri Lanka?





