Alexander der Große (336 –323 v. Chr.) hielt sich im Jahr 330 v. Chr. in Hyrkanien auf – einer Landschaft im Süden und Südosten des Kaspischen Meeres. Mit einem Heer von 3000 Mann war er auf dem Weg nach Indien, wo er sein Reich bis über die Grenzen der bekannten Welt hinaus ausdehnen wollte. In Hyrkanien, so berichtet unter anderem der Geschichtsschreiber Diodor (1. Jahrhundert v. Chr.), habe ihn die Amazonenkönigin Thalestris aufgesucht. In Begleitung von 300 berittenen Kriegerinnen sei sie im Heerlager erschienen und habe Alexander mitgeteilt, dass sie ein Kind mit ihm zeugen wolle. Sie habe von seinen außergewöhnlichen Taten gehört, und da sie selbst alle Frauen an Stärke und Mut übertreffe, müsse das gemeinsame Kind allen Sterblichen überlegen sein. Alexander willigte ein und verbrachte 13 Tage mit Thalestris. Danach beschenkte er sie großzügig, und die Amazonenkönigin nahm ihren Abschied. Schon in der Antike stritten Gelehrte über die Authentizität dieser Geschichte. Strabon (um 63 v. Chr. – 23 n. Chr) und Plutarch (um 45 – um 125) hielten die Begegnung immerhin für denkbar, blieben aber skeptisch. In der griechischen Öffentlichkeit erfreute sich die Anekdote großer Beliebtheit. Sie erinnerte an die großen Mythen: Eine Heldenfigur, die in sagenumwobene Länder vordringt, trifft auf eine Amazonenkönigin. Die Verbindung zu Herakles, Dionysos, Theseus und Achilles lag auf der Hand.





