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„Die ganze Welt ist eine Bühne“
Ende des 16. Jahrhunderts boten die großen Theaterhäuser in London ein relativ neues Freizeitvergnügen, das die Massen begeisterte. Bei einer Vorstellung etwa in Shakespeares „Globe“ ging es mitunter turbulent zu – und es wurde reichlich gegessen und getrunken.
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Bei einer Aufführung des Stücks „Heinrich VIII.“ am 29. Juni 1613 hatte es der im „Globe“-Theater für Spezialeffekte Zuständige wohl etwas zu gut gemeint. Wie üblich feuerte er am Ende des 1. Akts vor dem Auftritt des Königs eine Kanone ab. Doch diesmal war der Funkenschlag beim Schuss so stark, dass das Reetdach des Theaters Feuer fing. Ein Augenzeuge berichtete, die Flammen „verschlangen in weniger als einer Stunde das gesamte Gebäude bis auf den Grund“. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Lediglich die Hose eines Besuchers hatte gebrannt. Geistesgegenwärtig verhinderte jedoch ein anderer Gast mit dem Inhalt einer Flasche Bier Schlimmeres.
14 Jahre zuvor war das „Globe“ errichtet worden. Der Standort am Südufer der Themse war eigentlich nicht ideal, doch im Herbst und Winter 1598/99 hatte alles sehr schnell gehen müssen. Shakespeare spielte bis 1598 mit seiner Kompanie, den Lord Chamberlain’s Men, in einer Spielstätte, die schlicht „The Theatre“ hieß. James Burbage hatte es 1576 als einen der ersten reinen Theaterbauten seit der Zeit der Antike erbaut. Es befand sich im außerhalb der City gelegenen Shoreditch. Nach dem Tod von Burbage 1597 lief der Pachtvertrag für das Grundstück aus.
Unklar war, was mit dem Gebäude selbst passieren sollte. Der Besitzer des Grundstücks beanspruchte es für sich. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden dann aber im Dezember 1598 Tatsachen geschaffen: Zimmerleute bauten im Auftrag der Lord Chamberlain’s Men die Holzkonstruktion Stück für Stück ab. In den folgenden Wochen und Monaten richteten sie das Theater am Südufer der Themse in Southwark wieder auf. Im Mai 1599 war das Werk vollbracht: Das neue Theater konnte eröffnen. Getauft wurde es auf den Namen „Globe“ („Globus“).
Der Schweizer Arzt Thomas Platter besuchte den Neubau noch in der ersten Spielsaison. Er beschreibt in seinem Tagebuch, wie er am 21. September 1599 mit seinen Freunden im Boot nach Southwark übersetzte: „In dem Haus mit dem Reetdach sahen wir eine ausgezeichnete Vorstellung der Tragödie des ersten Kaisers Julius Cäsar.“
Dass auch das „Globe“ wie „The Theatre“ wieder außerhalb der Stadtgrenzen lag, hatte seinen Grund. Den Stadtoberen waren die Theaterleute suspekt. Laut einem Gesetz von 1575 war es Schauspielern verboten, ihrem Gewerbe innerhalb der City nachzugehen. Noch 1597 ließ der Lord Mayor von London in einer Petition kein gutes Haar an der Zunft. Die Jugend würde durch die Bühnendarbietungen verdorben, „weil sie nichts enthalten als unzüchtige Themen, wollüstige Tricks und Kniffe, Betrug und andere anstößige und gotteslästerliche Praktiken“. Außerdem böten sie einen „Treffpunkt von Vagabunden, herrenlosen Arbeitern, Langfingern, Pferdedieben, Hurenböcken … und anderen faulen und gefährlichen Personen“.
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Ein letzter Punkt in der Aufzählung des Bürgermeisters erscheint uns heute wieder aktuell: „In Krankheitszeiten hat sich gezeigt, dass viele Menschen mit Geschwüren … die Gelegenheit nutzen … sich bei einem Schauspiel zu erholen. Dadurch werden andere angesteckt.“ Ob der Bürgermeister mit seinem Aufruf etwas erreichte, ist mehr als fraglich: Der Hauch des Verruchten und Sündigen war vermutlich die beste Werbung für einen Theaterbesuch.
Auf den billigen Plätzen ist man der Witterung ausgesetzt
Wer ein Theater wie das „Globe“ betreten wollten, musste Eintritt bezahlen. Am Eingang gab es dafür Tongefäße mit einem Schlitz, vergleichbar mit heutigen Sparschweinen. Der Stehplatz auf dem Parkett kostete einen Penny. Im Innenhof vor der Bühne war man Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert.
Trocken saß man dagegen auf der Tribüne und den Rängen. Diese Plätze waren entsprechend teurer. Die „Lord’s rooms“ entsprachen dabei unseren heutigen Logen. Besonders auf den billigen Plätzen waren die Besucher wohl überwiegend Männer. Bei den wenigen Frauen dürfte es sich um Prostituierte gehandelt haben. Insgesamt fanden in einem Theater wie dem „Globe“ rund 3000 Zuschauer Platz. Angesichts der übersichtlichen Ausmaße des fast kreisrunden Gebäudes von nur 30 Metern Durchmesser ein ziemliches Gedränge.
Ähnlich wie bei einem Kinobesuch heute, haben sich die Gäste des Theaters mit allerlei Knabbereien eingedeckt. Archäologen entdeckten in den Überresten des „Rose“-Theaters sogar eine schlanke Messinggabel mit zwei Zinken. Da sie eine Gravur trug, ist anzunehmen, dass der Besucher, der sie verloren hat, sie regelmäßig mit ins Theater nahm. Vermutlich pickte er damit Zuckergebäck aus einer Schachtel.
Ansonsten waren die Snacks, die von den Besuchern verzehrt wurden, wesentlich gesünder als das, was es heute an der Kinokasse gibt. Archäologen fanden bei Grabungen unter anderem Spuren von Nüssen, Trauben, Holunderbeeren, Pflaumen, Kirschen und Birnen. Aber auch Meeresfrüchte waren beliebt, vor allem Austern – diese hatten damals noch nicht den Hauch von Exklusivität. Die oyster-wenches, die Mädchen, die sie zum Verkauf anboten, verstanden sich exzellent aufs Öffnen der Austern.
Natürlich gab es auch Getränke. Im späten 16. Jahrhundert war Flaschenbier groß in Mode. Es sind Beschwerden von Theaterbesuchern überliefert, die sich durch das laute Ploppen beim Öffnen der Flaschen gestört fühlten. Überhaupt darf man sich das Publikum nicht so diszipliniert wie in einem heutigen Theater vorstellen. Während der Aufführungen dürfte es so gut wie nie still gewesen sein. Die Zuschauer reagierten unmittelbar auf das Geschehen auf der Bühne. Selbst zu Diskussionen zwischen Schauspielern und Besuchern soll es gekommen sein.
Für die Gäste in den Logen dürfte das Verhalten der Masse im Parkett Teil des Spektakels gewesen sein. Wenn auf der Bühne ein Tumult war, ließen sich die Zuschauer, angeheitert vom Bier, oft anstecken.
„Die ganze Welt ist eine Bühne und Frauen und Männer bloße Spieler.“ Wie zutreffend der Satz aus dem Stück „Wie es euch gefällt“ ist, zeigte sich im Theater wohl ganz besonders, denn die Männer und Frauen auf den Tribünen putzten sich ordentlich heraus, es galt: sehen und gesehen werden. Es gab sogar Sitzplätze direkt am Rand der Bühne. Wer hier mit einer Tabakspfeife saß, konnte sicher sein, dass Tausende Augen auf ihn gerichtet sind. Den Tabak gab es übrigens auch im Theater zu kaufen: drei Pennies je Pfeife.
Posaunen erklangen, um die Menge auf den Beginn des Stücks aufmerksam zu machen und die Blicke zur Bühne zu lenken. Die Schauspieler traten durch drei Türen in der Bühnenrückwand auf – und ab. Darüber befand sich eine Zwischenebene – der Balkon in der berühmten Szene mit Romeo und Julia. Der Theaterhimmel über der Bühne wurde von zwei dicken Holzsäulen abgestützt. Aus ihm „schwebten“ mitunter Schauspieler an Seilen herab.
Aufwendige Kulissen gab es in den Freilichttheatern der Shakespeare-Zeit nicht. Deswegen wird in den Stücken selbst beschrieben, wie man sich die Szenerie vorzustellen hat. So wird gleich in den ersten Dialogen von „Hamlet“ nicht nur die Uhrzeit erwähnt („Es schlug schon zwölf“), auch die Witterungsverhältnisse („’s ist bitter kalt“) werden mitgeteilt. Philip Sidney (1554 –1586), Staatsmann und Lyriker, beschrieb den Effekt solcher Sätze 1595: „Da hat man jetzt also diese drei Damen, die kommen und Blumen pflücken, und wir müssen uns die Bühne als einen Garten vorstellen. Später dann hören wir die Nachricht von einem Schiffbruch an diesem Ort, und wir sind selbst schuld, wenn wir die Bühne nicht als Felsküste sehen.“
Schauspieler erscheinen durch Falltüren im Bühnenboden
Spezialeffekte, vor allem akustische, gab es durchaus, etwa Donnergeräusch, das mittels Kanonenkugeln auf Trommeln erzeugt wurde. Zum Standard gehörte auch das plötzliche Erscheinen einzelner Protagonisten aus Falltüren im Bühnenboden, eingehüllt in Rauch. Wenn der Geist von Hamlets Vater in dieser Weise seinen Auftritt hatte, dürfte das Publikum den Atem angehalten haben.
Thomas Platter, der Besucher aus der Schweiz, zählte beim Schlussapplaus insgesamt 15 Schauspieler, und anschließend habe die ganze Kompanie noch „wunderbar und anmutig“ getanzt. In einem Stück wie „Romeo und Julia“ treten rund 40 Charaktere auf, es mussten also einige Schauspieler mehrere Rollen übernehmen. Entsprechend geschäftig dürfte es hinter der Bühnenwand, quasi backstage, beim Kostümwechsel zugegangen sein.
Shakespeare schrieb den besten Schauspielern seiner Truppe die Rollen auf den Leib. Im „Globe“ war William Kempe (um 1560 – um 1603) aufgrund seines komischen Talents prädestiniert für die Rolle des Fallstaff. Allerdings verließ Kempe 1599 die Lord Chamberlain’s Men. Es wird vermutet, dass er etwas zu frei improvisiert hatte und damit auch Shakespeare gegen sich aufbrachte. Ein Satz im 3. Aufzug des „Hamlet“ wird als Kommentar zu Kempes Verhalten gewertet: „Und die bei euch die Narren spielen, lasst sie nicht mehr sagen, als in ihrer Rolle steht.“ Kempe ließ sich nicht verdrießen und machte im Februar 1600 durch eine ganze andere Aktion Schlagzeilen: Er tanzte am Stück von London nach Norwich (rund 160 Kilometer) – lange bevor es das „Guinness Buch der Rekorde“ gab.
Zu den Mimen, die Shakespeare am meisten schätzte, zählte sicher Richard Burbage (um 1567–1619), der Sohn des Theaterpioniers James Burbage. Richard Burbage trug als Erster den Satz „Sein oder nicht sein; das ist hier die Frage“ vor. Nicht nur bei „Hamlet“, sondern auch bei den Premieren von „Richard III.“, „Macbeth“ und „King Lear“ spielte er jeweils die Hauptrolle. Er war nicht sehr groß und etwas stämmig, muss aber eine einzigartige Bühnenpräsenz gehabt haben, die von vielen Zeitgenossen gelobt wurde.
Zu Burbage gibt es auch eine nette Anekdote, über deren Wahrheitsgehalt man schwer urteilen kann, die allerdings bereits zeitgenössisch festgehalten wurde in einem Tagebucheintrag des Juristen John Manninggham aus dem Jahr 1602. Eine von Burbages Künsten begeisterte Dame – heute würde man Groupie sagen – soll den Schauspieler aufgefordert haben, sie für einen romantischen Abend in seiner Rolle als Richard III. zu besuchen. William Shakespeare habe das Gespräch belauscht und sei bereits vor der vereinbarten Zeit bei dem weiblichen Theaterfan vorstellig geworden – offensichtlich besaß er ähnliche Prominenz wie seine Schauspieler. Als der verdutzte Burbage dann etwas später erschien, soll Shakespeare ihn lachend begrüßt haben: „Wilhelm der Eroberer war schneller als Richard III.“
Die Stücke werden in einem rasanten Tempo vorgetragen
Da man 3000 Menschen nicht allzu lange im Oval des Theaters einsperren wollte, war das Tempo der Aufführungen vermutlich schneller, als man es heute gewohnt ist. Im Prolog von „Romeo und Julia“ wird angekündigt, das Schicksal der Protagonisten „ist nun zwei Stunden lang der Bühne Gut“.
Beim Kampf um die Zuschauer wollten sich die Kompanien allein schon mit der Zahl der Aufführungen gegenseitig übertrumpfen. Von den Admiral’s Men, die im „Rose“-Theater auftraten, weiß man, dass sie in einer Spielsaison 49 Wochen am Stück an sechs Tagen in der Woche auf der Bühne standen und 40 verschiedene Stücke (die Hälfte davon neu) aufführten.
Im Februar 1614 wurde das „Globe“ nach dem eingangs beschriebenen Brand wiedereröffnet, diesmal mit einem feuersicheren Ziegeldach. Auch die Innenausstattung war nun wesentlich aufwendiger. William Shakespeare hatte sich zu dieser Zeit allerdings bereits fast vollständig nach Stratford-upon-Avon zurückgezogen. Er hatte die Londoner Bühne verlassen.
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