Querschnitte durch die ganze Welt hat es sehr viel seltener gegeben. Christopher A. Bayly hat einen solchen Versuch nun für das 19. Jahrhundert unternommen. Entstanden ist dabei ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Bayly mußte sich nicht die Mühe machen, den üblichen Eurozentrismus zu überwinden, denn er ist ein interna-tional angesehener Spezialist für die Geschichte Indiens. Ein Indienhistoriker kommt gar nicht erst auf die Idee, Weltgeschichte als eine erweiterte Geschichte Europas zu schreiben. Er sieht die Welt „ex-zentrisch“, manchmal sogar mit dem subversiven Blick der Kolonisierten.
Christopher Bayly kennt sich aber in der Geschichte vieler anderer Länder so gut aus, dass er gar nicht der Versu-chung erliegt, den Eurozentrismus durch einen Indozentrismus zu ersetzen. Zwar nimmt er die olympische Warte eines allwissenden Erzählers ein, doch wechselt er dabei immer wieder die Blickrichtung und wirft Schlaglichter auf Entwicklungen in zahlreichen Teilen der Welt. Baylys Weltgeschichte ist dabei niemals additiv. Sie ist kein Mo-saik von Ländergeschichten und taugt auch wenig als Handbuch für Anfänger und Nachschlagende. Eine gewisse Grundkenntnis des Jahrhunderts wird vorausgesetzt, wenn der Autor seine Interpretationen eloquent entwickelt.
In diesen Deutungen, die immer fundiert und originell sind, liegt der wesentliche Wert des Buches. Bayly sucht weniger nach unterschiedlichen Entwicklungspfaden als nach transkontinentalen Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der Welt. Er findet sie in der Beharrungskraft vormoderner Eliten, in besonderen Körperpraktiken oder im fast gleichzeitigen Aufkommen nationalistischer Vorstellungen weit über Europa hinaus. Unablässig werden verborgene Zusammenhänge aufgedeckt. Angebliche europäische Besonderheiten finden sich anderswo auch, und andere Länder wirken in Weisen auf Europa zurück, die man bisher übersehen hat. Wer glaubt, die Historiker hätten nach intensiver Erforschung des 19. Jahrhunderts über diese Epoche alles Nötige und Interessante gesagt, wird durch dieses Buch eines Besseren belehrt.
Rezension: Osterhammel, Jürgen





