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Die Herrscher der Stunde
Das wachsende Reich, Kriege an vielen Fronten, die Ausbreitung des Christentums, Aufruhr in bestimmten Provinzen: Die politischen, militärischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 3. Jahrhunderts stellten einen dauerhaften Stresstest für das Römische Reich dar. Über Jahrzehnte schafften es überwiegend…
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Irgendwann um die Mitte des 3. Jahrhunderts griff Cyprian, Bischof von Karthago, zur Feder und schrieb dem Prokonsul der Provinz Africa einen Brief. Demetrianus hatte zuvor die Bevölkerung gegen die Christen aufgewiegelt, indem er diese zu Sündenböcken für alle möglichen Unglücksfälle der letzten Jahre erklärt hatte. Der verärgerte Bischof antwortete dem Statthalter, an den Gravamina seien nicht die Christen schuld, sondern die Heiden selbst, weil sie sich der Verehrung des einzigen Gottes so stur verweigerten.
Die von Demetrianus angeführten Plagen leugnete der Bischof keineswegs, er ergänzte die Liste sogar noch um weitere Missstände: „Im Winter gibt es nicht genug Regen, um die Saat zu nähren; im Sommer hat die Sonne nicht genug Kraft, um die Ernte zu hegen; die Kornfelder sind im Frühling nicht heiter; der Herbst nicht fruchtbar in der Ernte. Weniger Marmor wird aus den ausgeweideten und erschöpften Bergen gegraben; die nachlassende Förderung an Gold und Silber deutet auf die Erschöpfung der Metalle hin, und die versiegenden Adern werden von Tag zu Tag knapper und weniger; der Landwirt fehlt auf dem Feld, der Seemann auf dem Meer, der Soldat im Lager, die Ehrlichkeit auf dem Markt, die Gerechtigkeit vor Gericht, die Eintracht in den Freundschaften, die Geschicklichkeit in den Künsten, die Disziplin in den Sitten.“
Befindet sich das Reich in der Krise? Der Bischof und die Staatsmacht antworten darauf unterschiedlich
Mit einem Wort: Früher war vermeintlich alles besser gewesen. Cyprian scheint mit diesen Zeilen das Bild von der umfassenden Krise der römischen Welt zu bestätigen, als die sich die Forschung lange das 3. Jahrhundert vorgestellt hat: als „Weltkrise“, wie es der Althistoriker Andreas Alföldi bündig auf einen Nenner gebracht hat.
Doch der Eindruck täuscht: Für Cyprian sind die vermeintlichen Verfallserscheinungen ein Grund zur Freude. Der Karthager hegt keinen Zweifeldaran, dass sich mit dem Niedergang alles Irdischen die Wiederkunft Christi ankündigt. Denn wie alle frühen Christen glaubte er, der Jüngste Tag sei nicht mehr fern und das Jammertal dieser Welt bald durchschritten. Demetrianus, der Vertreter der römischen Staatsmacht, und der Bischof Cyprian liefern sich hier einen Disput über Glaubensfragen; sie streiten nicht über die realen wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten im römischen Imperium.
Die Schrift „An Demetrianus“ entstand um 252. Cyprian hatte zu diesem Zeitpunkt eine Reihe böser Nackenschläge hinnehmen müssen. Der Kirchenmann, der selbst erst um 246 zum Christentum gefunden hatte, hatte gerade erlebt, wie in seiner Heimatstadt Karthago die Pest gewütet hatte. Schlimmer noch: In den nordafrikanischen Gemeinden herrschte Katerstimmung. Die Christen, die doch Brüder und Schwestern hätten sein sollen, hatten sich über der Frage zerstritten, wie mit denen umzugehen sei, die unter dem Druck der Verfolgungen vom Christentum abgefallen waren. Das alles konnte in einem gläubigen Christen die Erwartung schüren, man sei dem Jüngsten Tag ein gutes Stück näher gerückt.
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Hintergrund des Streits war die Verfolgungswelle, die im Jahr 249 über das gesamte Imperium geschwappt war. Vor diesem Zeitpunkt waren Christenverfolgungen immer mal wieder vorgekommen. Es hatte sich aber stets um lokal begrenzte Gewaltakte gehandelt. Wenn der Staat gegen Christen vorgegangen war, dann nur, wenn man sie zuvor denunziert hatte. Von sich aus hatte die kaiserliche Gewalt nichts unternommen, um die rasch wachsende Schar der Gläubigen zu bekämpfen.
Zunächst ziert sich der Usurpator, dem Ruf der Soldaten zu folgen
Das hatte sich 249 mit dem Herrschaftsantritt des Kaisers Decius geändert. Decius hatte sich als Usurpator gegen Philippus Arabs durchgesetzt, dessen Herrschaft von Anfang an unter ungünstigen Vorzeichen gestanden hatte. Philipp hatte nach Niederlage und Tod seines Vorgängers Gordian III. gegen Schapur I. 244 einen Schmachfrieden mit den Persern schließen müssen. Zwar konnte Philipp imheutigen Rumänien das Volk der Karpen zurückschlagen und 248 das 1000-Jahr-Jubiläum der Gründung Roms feiern, doch hatte seine Autorität durch den Perserfrieden irreparablen Schaden erlitten. Als die Balkanprovinzen abermals unter Barbareneinfällen litten und Philipp das Problem nicht in den Griff bekam, witterte Decius, Oberbefehlshaber an der Donau und erfolgreicher Heerführer, seine Chance und ließ sich von den Soldaten zum Kaiser ausrufen.
Die Decius sehr gewogenen Quellen versuchen den Usurpator vom Verdacht reinzuwaschen, er selbst sei auf den Purpur erpicht gewesen. Die Initiative sei von den Soldaten ausgegangen, und erst nach mehrfachem Drängen habe sich Decius von ihnen breitschlagen lassen, Philipp herauszufordern. Freilich war genau dieser Ablauf das Standardszenario einer Usurpation, seit in der ersten Krise des Prinzipats in den Jahren 68/69 das „Geheimnis des Imperiums“, arcanum imperii, wie Tacitus es nannte, ans Licht gekommen war: dass Kaiser genauso gut außerhalb Roms, durch die Legionen an den fernen Grenzen des Reiches, gemacht werden konnten wie in der Hauptstadt. Die Akklamation erfolgte durch das Heer, das seinen Befehlshaber zum Imperator ausrief. Der hatte sich zu zieren, nahm aber schließlich die Akklamation an. Die Zurückweisung, recusatio imperii, gehörte ebenso zum Ritual der Usurpation wie die folgende Auseinandersetzung mit dem Amtsinhaber, die regelmäßig im Bürgerkrieg endete, wenn nicht eines der Heere die Notbremse zog und den eigenen Prätendenten ermordete.
In Bürgerkriegen kämpften sich nach Decius auch Aemilianus (253), Valerian (ebenfalls 253), Aurelian (270), Probus (276) und Diokletian (284) an die Macht. Claudius Gothicus (268), Tacitus (275) und Carus (282) schlüpften in den kaiserlichen Purpur, weil ihre Vorgänger ermordet wurden. Von den 19 Kaisern zwischen 235 und 284 starb nur ein Einziger im Bett: Claudius Gothicus 270 an der Pest.
Jeder Römer muss nachweisen, dass er den Göttern geopfert hat
Als Decius sich 249 gegen Philipp durchgesetzt hatte, war ihm klar, dass sich das Imperium in keiner guten Verfassung befand. „Barbaren“ hatten die Grenzen im Norden und Westen perforiert, die Perser bedrängten die römischen Orientprovinzen, das Geld im Staatsschatz war knapp, die Moral der Legionen am Tiefpunkt angekommen. Wer nüchtern Bilanz zog, kam an der Erkenntnis nicht vorbei, dass letztlich das Verhältnis zwischen Rom und seinen Göttern zerrüttet war. Was also lag näher, als dass der Herrscher selbst diesen sensiblen Bereich in seine Hände nahm? Dass er dafür Sorge trug, dass die römische Welt wieder mit den Unsterblichen ins Reine kam?
Dazu musste man erst einmal wieder den Gesprächsfaden zu den Göttern knüpfen. Seit undenklichen Zeiten kommunizierte man mit ihnen durch das Ritual des Opfers. Klar war: Überall im Reich, in allen Städten und Provinzen, musste den Göttern geopfert werden. Doch wie sollte man das anstellen? Die Opferaltäre blieben vielerorts kalt, weil neue Kulte sich im Imperium breitgemacht hatten. Besonders die Christen weigerten sich hartnäckig, den Göttern zu opfern.
Vor diesem Hintergrund erließ Decius 249 ein Edikt, mit dem er alle Reichsbewohner dazu verpflichtete, den Göttern zu opfern. Die Handhabung war bürokratisch und rechtlich unanfechtbar: Jeder Opfernde sollte sich über den Vollzug eine Bescheinigung ausstellen lassen, die zu einem vorher festgesetzten Stichtag vorzulegen war. Solche „Opferbescheinigungen“, libelli, haben sich zu Dutzenden im ägyptischen Wüstensand erhalten, sie wurden aber reichsweit ausgestellt.
Das Formular folgte einem festen Schema, hier ein Beispiel: „An die Verantwortlichen für die Opfer des Dorfes Theadelphia, von Aurelia Bellias, Tochter des Peteres, und ihrer Tochter Kapinis. Wir haben den Göttern immer fleißig geopfert, und auch jetzt habe ich in eurer Gegenwart gemäß den Vorschriften Trankopfer dargebracht, geopfert und die Opfergaben gekostet, und ich bitte euch, dies hier für uns zu bestätigen. Mögest du dich weiterhin wohl befinden.“ In anderer Handschrift stand vermerkt: „Wir, Aurelius Serenus und Aurelius Hermas, haben dich beim Opfern gesehen.“ Und in einer dritten: „Ich, Hermas, bescheinige. Im ersten Jahr des Imperator Caesar Gaius Messius Quintus Traianus Decius Pius Felix Augustus, am 27. Tag des Monats Pauni.“
Das Dekret richtete sich nicht explizit gegen die Christen, aber sie waren weit überwiegend seine Opfer, denn viele von ihnen weigerten sich standhaft, die Opfer zu vollziehen, und wurden schwer bestraft, im Extremfall mit dem Tod. Juden waren als Angehörige einer „erlaubten“ Religion (religio licita) ausdrücklich vom Opferzwang ausgenommen. Der Märtyrertod vieler Christen war ein Kollateralschaden des Decius-Edikts, aber einer, den der Kaiser gern in Kauf nahm. Für die sich formierende Kirche war es ein Geschenk des Himmels, denn die von Decius in den Tod geschickten Blutzeugen dokumentierten mit ihrer Opferbereitschaft eindrucksvoll die Macht des Christengottes.
Decius fiel schon 251 nach nur zweijähriger Herrschaft bei dem Ort Abrittus im heutigen Bulgarien im Kampf gegen die Goten. Mit seinem Tod endeten die Verfolgungen vorerst. Kaiser Valerian nahm sie 257 wieder auf, blutiger als zuvor und jetzt ganz offiziell als exklusiv gegen Christen gerichtete Maßnahme. Die dritte und schwerste Verfolgung erlitten die Gemeinden, die bis dahin starken Zulauf erhalten hatten, unter den Tetrarchen Diokletian und Galerius von 303 bis 311.
Auf lange Sicht trat das Gegenteil von dem ein, was sich Decius und seine Nachfolger erhofft hatten: Das Christentum wurde mit jeder Verfolgungswelle stärker, der heidnische Polytheismus schwächer. Außerdem hatte Decius mit seinem Edikt eine Konstellation vorbereitet, die dem neuen Glauben auf dem Weg zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert in die Hände arbeitete: Kulte waren nun keine kommunale Angelegenheit mehr, sondern zur Reichssache geworden.
Zahlreiche der Kurzzeitherrscher stammen vom Balkan
Decius stammte vom Balkan, aus dem Ort Budalia nahe Sirmium in der heute serbischen Vojvodina. Die Herkunft vom Balkan teilte er mit etlichen der Männer, die sich bis 312 den kaiserlichen Purpur anlegen konnten: Claudius Gothicus, Aurelian, Probus, denTetrarchen Diokletian, Maximian, Galerius, Constantius I. und Severus sowie vermutlich Claudius Gothicus. Mit dem Thraker Maximinus, dem in Arabien beheimateten Philippus und dem Mauren Aemilianus stammten drei weitere Kaiser aus der noch als barbarisch geltenden Peripherie des Imperiums.
Eines allerdings unterschied Decius von den meisten seiner Nachfolger: Er hatte die klassische senatorische Karriere absolviert, war unter Severus Alexander Konsul gewesen, hatte als Statthalter in Germanien und Spanien, als römischer Stadtpräfekt und schließlich als mit einem provinzübergreifenden Imperium ausgestatteter dux an der Donau gedient. Geboren um oder kurz vor 200, entstammte er mindestens dem lokalen Adel, vermutlich aber sogar einer senatorischen Familie.
Herrscher wie Aemilianus, Claudius Gothicus, Aurelian, Probus und die Tetrarchen einte hingegen, dass sie von ganz unten kamen, ihren Aufstieg dem Militär verdankten und dort buchstäblich von der Pike auf Karriere gemacht hatten. Die soziale Mobilität, deren Transmissionsriemen meist die Legionen waren, erreichte im 3. Jahrhundert ein zuvor nicht gekanntes Ausmaß.
Völlig neu waren Blitzkarrieren vom einfachen Soldaten ins Zentrum der Macht indes nicht. Unter den Antoninen im 2. Jahrhundert war Pertinax, der Sohn eines Freigelassenen, durch Leistung zum Militärtribun aufgestiegen, hatte sich in den 160er Jahren in den Partherkriegen ausgezeichnet, war dann in den Ritter- und schließlich in den Senatorenstand aufgenommen worden, wurde Konsul und absolvierte Statthalterschaften in diversen Provinzen, bevor er nach der Ermordung des Commodus zum Kaiser ausgerufen wurde.
Im 2. Jahrhundert war eine solche damals präzedenzlose Karriere möglich geworden, weil die seit 165 wütende Antoninische Pest große Lücken in die römische Elite gerissen hatte. Im 3. Jahrhundert wurden die Legionen dann aber zu regelrechten Durchlauferhitzern für Kaiserkandidaten. Seit Augustus hatte sich der Prinzipat schleichend immer weiter militarisiert. Von den julisch-claudischen Kaisern hatte kein Einziger selbst an Feldzügen teilgenommen. Erst Trajan führte in großem Stil selbst Heere in die Schlacht. Mark Aurel verbrachte gar den größten Teil seiner Herrschaft an der Donaufront im Krieg gegen die Markomannen.
Maximinus Thrax war der erste Kaiser, der die drei Jahre seines Prinzipats ununterbrochen mit Kriegführen beschäftigt war. Nach ihm traf das auf fast alle Kaiser zu, so sehr hatte sich die Zahl der Kriegsschauplätze vervielfacht. Das Reich operierte im 3. Jahrhundert in einer politisch-strategischen Umwelt, die sich von Grund auf gewandelt hatte. Es war, anders als in den ersten beiden Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, kein konkurrenzloser Akteur mehr auf der Bühne des westlichen Eurasien.
Unter dem Druck von Barbareneinfällen und einer Serie von Kriegen mit den persischen Nachbarn im Osten seit etwa 230 änderten sich die Erwartungen, die sich an die Herrscher richteten: Sie hatten auf den Kriegsschauplätzen Kaisernähe zu demonstrieren und zu zeigen, dass sie in der Lage waren, militärische Krisen zu entschärfen. Besonders die Bewohner der Grenzprovinzen, die von plündernden Eindringlingen regelmäßig in Mitleidenschaft gezogen wurden, verlangten von den Kaisern, dass sie der Pax Romana wieder zu Geltung verhalfen. Das forderten auch die Legionen, die unter ihrem Befehl dienten.
Aus der veränderten Lage und den sich wandelnden Projektionen eines guten Kaisers erwuchs gleich ein ganzes Bündel von Konsequenzen, durch deren Zusammenwirken das Imperium und sein politisches System gründlich ihr Gesicht wandelten. Erstens benötigten die Kaiser militärische Expertise, für deren Erwerb die senatorische Karriere, die vor Maximinus die meisten Purpurträger durchlaufen hatten, keine rechten Voraussetzungen bot. Die meisten Senatoren hatten vor ihrer politischen Laufbahn nur kurz im Heer gedient und besaßen bestenfalls Grundkenntnisse in operativer Führung. Karrieresoldaten vom Schlag eines Maximinus oder Aurelian waren da aus anderem Holz geschnitzt. Sie kannten den militärischen Betrieb in- und auswendig, wussten um die Nöte und Befindlichkeiten der Soldaten und waren in Strategie und Taktik bestens bewandert.
Zweitens verschoben sich durch die Militarisierung des Prinzipats dramatisch die Gewichte in Staat und Gesellschaft. Die von Augustus fein austarierte Macht- und Prestigebalancezwischen Kaiser und Senatorenschaft war endgültig Makulatur. Die in dem ehrwürdigen Gremium versammelte Aristokratie rückte an den Rand des Geschehens und machte neuen Funktionseliten Platz, die überall Spitzenstellungen besetzten.
Außer Berufsmilitärs waren das vor allem Juristen, die an eigens dafür eingerichteten Schulen studierten, von denen sich die angesehenste in Berytus befand, dem heutigen Beirut. Einer der in Beirut ausgebildeten Technokraten, die jetzt in Führungspositionen einrückten, war Licinius Rufinus aus dem kleinasiatischen Thyateira, den um 238 die Vereinigung der Gärtner seiner Heimatstadt mit einer Inschrift ehrte, die seine Karriere dokumentiert. Rufinus begann seine Laufbahn in einer Reihe ritterständischer Hofämter in Rom, wechselte dann in eine senatorische Laufbahn und brachte es schließlich zum Konsul und Mitglied der Zwanzigerkommission, die das Senatskaiserpaar Pupienus und Balbinus aus ihrem Kreis erkor (siehe dazu Artikel Seite 28).
Keine schlichten Kommissköpfe, sondern oft gute Krisenmanager
Die durchaus zu Recht zuerst von dem Althistoriker Franz Altheim (1898–1976) so genannten Soldatenkaiser mochten überwiegend von einfacher Herkunft sein und vom Rand der römischen Welt stammen, sie waren aber alles andere als phantasielose Kommissköpfe. Angesichts der enormen Herausforderungen verdient ihr Krisenmanagement durchaus Respekt: Sie passten die unflexible Grenzverteidigung den militärischen Notwendigkeiten an und formten das Gros des Heeres zu einem mobilen, hervorragend ausgerüsteten und ausgebildeten Feldheer um; sie stellten sich dem Dilemma knapper Kassen kreativ, indem sie den Silbergehalt des Hauptnominals, des Denars, gegen null tendieren ließen; sie räumten mit dem Dekumatland im heutigen Baden-Württemberg und mit Dakien (heutiges Rumänien) exponiert liegende Provinzen; und sie erkannten das Legitimierungspotential eines neuen religiösen Denkens, das die Bedeutung einzelner Götter besonders herausstrich. Als erster Kaiser verband Aurelian (270 –275) seine Herrschaft mit dem Sonnengott Sol invictus und zeichnete damit den Weg zu Konstantins Wende zum Christentum vor.
Sogar Usurpatoren leisteten ihren Beitrag zur neuerlichen Stabilisierung römischer Herrschaft. Nachdem 260 Valerian bei Edessa eine vernichtende Niederlage gegen den Perserkönig Schapur erlitten hatte, nahm auch die Autorität seines im Westen als Augustus amtierenden Sohnes Gallienus schweren Schaden. In der Krise schossen die Usurpatoren wie Pilze aus dem Boden. Einer von ihnen war der Offizier Postumus, der im Spätsommer 260 Köln, die Residenz des Caesars Saloninus, im Sturm einnahm, den Sohn des Gallienus tötete und sich selbst zum Kaiser ausrief. Die Statthalter der gallischen, britannischen und spanischen Provinzen sowie Raetiens erkannten den neuen Mann als Kaiser an.
War er bis zu diesem Punkt dem Drehbuch der römischen Usurpation gefolgt, so ging Postumus von nun an eigene Wege: Anstatt sogleich die Auseinandersetzung mit Gallienus zu suchen, konsolidierte er seinen Herrschaftsbereich im Nordwesten und widmete sich dem Grenzschutz gegen zu neuen Beutezügen ansetzende Alamannen.
Der Nordwesten wurde so zu einer autonomen Herrschaftssphäre, mit eigenem Kaiser und eigenem Senat. Das „Gallische Sonderreich“ überstand sogar einen Rückeroberungsversuch durch Gallienus, eine Usurpation und die Ermordung des Postumus 269. Erst 274 gelang es Aurelian, Gallien wieder der Kontrolle Roms zu unterwerfen.
Das „Gallische Sonderreich“ des Postumus findet seine Entsprechung im Osten, der nach Valerians Niederlage 260 zunächst zum Machtvakuum wurde, aus dem aber durch das beherzte Eingreifen Odainats, des Stadtherrn von Palmyra, die Perser schließlich vertrieben werden konnten. Der Abwehrkrieg Odainats gegen Schapur schlug noch 262 in Offensive um, als zwei Feldzüge den Palmyrener bis vor die persische Hauptstadt Ktesiphon führten. Die Loyalität Odainats Gallienus gegenüber blieb bestehen, doch im Ergebnis liefen sein Agieren und das des Postumus auf dasselbe hinaus: Durch lokale Initiative wurde die Pax Romana schrittweise restauriert, die porös gewordenen Grenzen wurden stabilisiert.
Wie viele der von den Soldatenkaisern angestoßenen Veränderungen wies auch die Regionalisierung militärischer Verantwortung zunächst von unten durch Postumus und Odainat in die Zukunft. Diokletian tat nichts anderes, als er von oben erst seinen Offizierskameraden Maximian und dann Galerius und Constantius als Mitherrscher einsetzte. Das Imperium war in der Krise einfach zu groß geworden, um von einem einzigen Kaiser beherrscht zu werden.
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