Acht Jahre nach seinem ersten Band über „Das Dritte Reich und die Juden“, der die Verfolgungsjahre 1933 bis 1939 behandelte, legt Saul Friedländer nun den lange erwarteten zweiten Band vor, der sich mit dem Holokaust in den Jahren des Zweiten Weltkrieges beschäftigt. Was die Kritik bereits am ersten Band lobend hervorhob, zeichnet auch das vorliegende Werk aus: Friedländers erzählerische Collagetechnik, die das Vorgehen der Täter, die gesellschaftlichen Reaktionen in Deutschland und Europa, das Verhalten der Juden und Einzelschicksale fast szenenhaft nebeneinanderstellt. Auf diese Weise entsteht eine Intensität und Authentizität der Darstellung, wie sie bislang noch keine Gesamtdarstellung über den Holokaust erreicht hat. Die von Friedländer zitierten Briefe und Tagebuchaufzeichnungen geben den Opfern eine Stimme und führen den Leser in die Nähe des Geschehens, ohne jemals in sensationslüsternen Voyeurismus oder in die abstumpfende Wiederholung von Mordschilderungen abzugleiten. Diese relative Nähe ist ausdrücklich gewollt, geht es Friedländer doch um eine Untersuchung, in der „das anfängliche Gefühl der Fassungslosigkeit“ weder beseitigt noch eingehegt ist. Die Darstellung schlägt den Leser in ihren Bann und vermittelt ihm gleichzeitig einen Eindruck von der Komplexität des Mordgeschehens und dessen Schauplätzen im Deutschen Reich und in Europa. Bei allem gebührenden Lob sei freilich nicht verschwiegen, daß der unvermeidliche Preis von Eindringlichkeit und Intensität das Zurücktreten der einordnenden Analyse ist. So hebt der Autor zu Recht den obsessiven Judenhaß Hitlers und der antijüdischen Ideologie der Nationalsozialisten als zentrales Motiv hervor. Wiesich dieser „Erlösungs- Antisemitismus“ jedoch in die Realität des Täterhandelns bzw. die Praxis des Massenmordes transformierte und das Verhalten der Bevölkerung in Deutschland und Europa beeinflußte, darüber hätte man gern mehr und Genaueres erfahren. Die von Friedländer bemühte religiöse Metaphorik („Erlösungscredo“), mit der er „Hitlers persönliche Kontrolle über die überwältigende Mehrheit der Deutschen“ erklären will, reicht in diesem Zusammenhang nicht aus. Ungeachtet dessen liegt mit Friedländers Werk die bislang beste, vermutlich aber auch die letzte (Gesamt-)Darstellung der Judenvernichtung aus der Feder eines Überlebenden vor. Sie markiert den Höhepunkt eines Forscherlebens und gleichzeitig den Abschied von der Zeitgenossenschaft in der Holokaust-Historiographie.
Rezension: Bajohr, Frank





