Ute Frevert hat Recht. Bei der gewiß anstehenden Entscheidung, wem die Zukunft gehört – der Wehrpflichtigen- oder der Berufsarmee – ist mehr im Spiel als der Streit um sicherheitspolitische Konzepte. “Wer über die Wehrpflicht verhandelt, spricht zugleich über das Selbstverständnis einer Zivil- oder Bürgergesellschaft.” Und daher muß, wer sich des Themas in historischer Perspektive annimmt, einen Untersuchungsrahmen setzen, der beides – die Entstehung und Entwicklung der Wehrpflicht und der bürgerlichen Gesellschaft bzw. ihr Verhältnis zueinander – umfaßt und analysiert. Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein enzyklopädischer Anspruch. Die Autorin minimiert ihn und macht ihn damit realisierbar, indem sie sich in ihrer Studie “Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft” auf drei “Fluchtpunkte” in der Geschichte der Wehrpflicht seit dem frühen 19.Jahrhundert in Deutschland konzentriert. Zum ersten ist hier die Bedeutung der Wehrpflicht als Vehikel der Bürgerbindung an den Staat zu nennen. Als ausdrückliches Bürgerrecht öffnete der Dienst an der Waffe ein neues und im weiteren Verlauf unterschiedlich gestaltetes und instrumentalisiertes Feld staatbürgerlicher Teilhabe. Ähnlich massiv wirkte der Typus der Wehrpflichtigenarmee als “Schule der Nation” im Prozeß der Staats- und Nationsbildung. Im Wehrpflichtigen personalisierte sich nicht allein der Staatsbürger in Uniform, sondern auch der potentielle Verteidiger des “Vaterlandes”, ein existenzielles Loyalitätsverhältnis mithin, das alle anderen gesellschaftlichen und privaten Verpflichtungen und emotionalen Beziehungen mehr oder weniger zu fragmentieren vermochte. Schließlich und nicht zuletzt beeinflußte die Wehrpflicht das Verhältnis der Geschlechter. In der ”Schule der Männlichkeit” -– mitunter ergänzt, wenngleich nicht in einem simplen Automatismus, durch den ”Patriotismus der Weiber” – wurden junge Männer zu ”Kriegern” erzogen, während Frauen in ihren angestammten Rollen als Ehefrauen und Verwandte dafür Sorge zu tragen hatten, daß der Nachschub dazu williger Männer nicht verebbte. Allerdings zeitigte diese Aufgabenteilung – endgültig offenbar werdend im Kaiserreich – einen nachhaltigen Nebeneffekt: ”In dem Maße, wie sich die Qualität eines Staatsbürgers danach bestimmte, ob er gedient hatte, gerieten Frauen politisch ins Hintertreffen.” Ute Frevert beschreibt und analysiert diese Entwicklungen differenziert und quellennah. Schade, daß es die ”Geduld der Autorin” nicht zuließ, ihre äußerst dichte Darstellung der Wehrpflicht auch ins zurückliegende 20.Jahrhundert hinein zu verfolgen. Sie beläßt es hier bei einer knappen Skizze, in der eigentümlicherweise der Erste Weltkrieg so gut wie gar nicht vorkommt und die nachfolgenden Dezennien naturgemäß bloß rudimentär abgehandelt werden können. Aber das kann den Gesamteindruck dieser fulminanten Studie kaum trüben. Es sind ihr viele Leser, und natürlich auch Leserinnen, zu wünschen.
Rezension: Ulrich, Bernd




