Bei Robin Lane Fox, der bereits mit einer großen Biographie Alexanders des Großen für Furore sorgte, sind die über 700 Seiten Text eine gelungene Investition. Sein Buch über die klassische Welt, das fünf Jahre nach dem Erscheinen der englischen Originalausgabe nun in deutscher Übersetzung vorliegt, reiht sich würdig in die gutbesetzte Reihe großer althistorischer Werke von angelsächsischen Autoren ein.
Dafür ist aber nicht das etwas gezwungen wirkende Verfahren verantwortlich, 1000 Jahre antiker Geschichte mit den drei Leitmotiven Freiheit, Gerechtigkeit und Luxus zu etikettieren. Sympathischer ist da schon der Einfall, sich den römischen Kaiser Hadrian als fiktiven Begleiter auf der Reise durch die Epochen der antiken Geschichte auszuwählen. Der gerne als „Reisekaiser“ apostrophierte Herrscher aus Spanien perso‧nifizierte noch einmal jene Affinität zur klassischen Kultur, die Lane Fox dem Leser gerne im modernen Gewand nahebringen will. Und so kann er auch die vordergründig ungewöhnliche zeitliche Eingrenzung seiner Darstellung auf die Phase von Homer bis Hadrian begründen.
Allerdings hat der Autor mit der klassischen griechischen Welt des 5. Jahrhunderts v. Chr. und mit dem Übergang von der späten römischen Republik zum Kaiserreich zwei Favoriten, denen er wesentlich mehr Platz einräumt als anderen Epochen der antiken Geschichte. Das lässt sich aber mit den hier außergewöhnlich üppig fließenden Quellen rechtfertigen. Gleichwohl liefert das Buch einen lücken‧losen zeitlichen Bogen von der archaischen Adelsgesellschaft bis hin zur imperialen Welt der Römer.
Was den besonderen Reiz der Studie ausmacht, ist die Verbindung von hoher Fachkompetenz mit methodischer Stringenz und inhaltlicher Breite. Die große Politik wird ebenso thematisiert wie das Alltags- und Privatleben. Gerade in diesem letzteren Bereich fördert Lane Fox wahre Perlen an Quellen zutage, die ein außerordentlich hohes Maß an Anschaulichkeit und Lebendigkeit bewirken und die An‧tike von jener Patina befreien, die sie nicht von sich aus, sondern durch idealisierende und stilisierende Darstellungen vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte doch immer wieder angesetzt hat. So sind das Athen des Perikles, das Reich Alexanders des Großen und das Rom des Augustus Teil der klassischen Welt des Autors, aber eben auch das traurige Erlebnis des ansonsten völlig unbekannten Eigentümers eines Schweines, das, wie inschriftlich bezeugt, an einer Kreuzung von einem Wagen überfahren wurde.
Derlei Informationen liefert Lane Fox in Fülle, gemäß seinem Anspruch, auch die unzähligen individuellen Lebensgeschichten, die in den Quellen verborgen sind, in das Scheinwerferlicht der historischen Betrachtung zu plazieren, und dies nicht etwa zusammenhanglos, sondern immer stringent in den Erzählduktus integriert. Wer über 1000 Jahre Geschichte schreibt, kann nicht frei von Fehlern, Irrtümern und Fehleinschätzungen sein. Das gilt auch für Lane Fox. Aber das sollte man gern in Kauf nehmen bei einem Buch, das mit Fug und Recht als ein „großer Wurf“ bezeichnet werden kann.





