Die Wiener Kriminalgeschichte kennt keinen Ringelspielbesitzer, der „sieben Weiber“ erschlug und ihre Gebeine unterm Schlafzimmerboden begrub. Artmann wählte ihn lediglich als fiktive Figur, um an ihr den surreal-schwarzen Wiener Vorstadthumor zu demonstrieren, den vermutlich nur Eingeborene verstehen. Zur Ehrenrettung des Ringelspielbesitzers: Ohne ihn und seine drehende Luftschleuder wäre der Prater nicht, was er ist.
In Sichtweite von Riesenrad und Ringelspiel findet man das neue Pratermuseum, das im März dieses Jahres eröffnet wurde, nachdem das alte den Ansprüchen längst nicht mehr genügte. Das neue Holzhaus mit dem geschwungenen Dach entspricht nicht nur zeitgemäßem Öko-Standard, die Leichtbauweise besticht auch durch Übereinstimmung von Stil und Zweck eines Museums der besonderen Art.
Im frei zugänglichen Foyer stehen Besucher vor einem monumentalen Panoramabild, das ihnen in historischen und zeitgenössischen Szenen einen Überblick über das bunte Pratertreiben vermittelt. In drei Etagen wird auf 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche die 250-jährige Pratergeschichte anhand von rund 300 Objekten nacherzählt. Den Großteil des Bestandes für die Dauerausstellung verdankt das Museum dem passionierten Sammler und Stadtforscher Hans Pemmer (1886 –1972), der rege Kontakte zu Schaustellern, Künstlern und Artisten unterhielt, die ihn mit Preziosen versorgten.
Ewig populär, wenn auch reichlich verkitscht, ist der „Watschenmann“, eine klassische Praterfigur, an der vor allem männliche Kraftmeier ihr Mütchen kühlen. Medien dient er oft noch als Sinnbild für Politiker, die Wahlen verlieren, denen also die Stimmbürger eine „Watsche“ (Ohrfeige) verpasst haben. Zu den Attraktionen zählen auch eine überlebensgroße Figur der Fortuna, Theaterpuppen aus zwei Jahrhunderten – darunter welche, die bauchreden können – oder Geräte aus technischer Urzeit wie der „Heiratsvermittlungsautomat“, der für ein paar Münzen einen Zettel mit Ratschlägen für die „richtige“ Partnerwahl ausspuckte. Die Trefferquote des blechernen Verkupplers ist nicht überliefert.
Über mehr als zwei Jahrhunderte war der Prater auch Umschlagplatz für Neuheiten und Errungenschaften aller Art. Beispielsweise galt damals der Bau des Riesenrads (1897) als technische Höchstleistung oder die später abgebrannte Rotunde, einstmals der weltweit größte Kuppelbau und das Wahrzeichen der Weltausstellung 1873. Mitten im Prater entstand auch „Venedig in Wien“ (1895), eine modellhafte Nachbildung der Lagunenstadt inklusive Kanälen und Gondeln, um Urlaubsgefühle zu stillen. Auch erste Ballonfahrten wurden auf Praterwiesen gestartet. Aus Amerika kamen die ersten Hochschau- und Achterbahnen, die Besuchern das völlig neue Gefühl der Angstlust vermittelten. Auch Forscher präsentierten ihre Entdeckungen, beispielsweise Mediziner, die mit ersten, aufwendig illustrierten Einblicken in das Innere des menschlichen Körpers großes Staunen auslösten.





