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Die Krisengewinnler der Levante
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. endete schlagartig die Dominanz der Großreiche im östlichen Mittelmeerraum – etwa der Ägypter und Hethiter. Stadtstaaten an der Küste der heutigen Länder Syrien, Libanon und Israel – die späteren Phönizier – nutzten nun ihre Chance.
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Ein unterhaltsames Glanzlicht der antiken Literatur ist der Roman „Aithiopiká“: Die Artemis-Priesterin Chariklea verliebt sich in den jungen Aristokraten Theagenes aus Thessalien. Sie flüchtet mit ihrem Geliebten aus dem Tempel und erlebt eine wundersame Odyssee quer durch das Mittelmeer, das die Römer zur Entstehungszeit des Romans mit Fug und Recht ihr ureigenes Meer nennen: mare nostrum. Heliodor, der Verfasser, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr. In der Sphragis, dem „Siegel“ des Romans, das den Text abschließt und Aufschluss über die Identität des Autors gibt, nennt er sich einen „Phönizier“ (phoínix) aus Emesa.
Der griechisch schreibende Heliodor ist der einzige bekannte Mensch der Antike, der sich ausdrücklich selbst als Phönizier bezeichnet. Doch weder chronologisch noch geographisch passt er in die Vorstellung, die wir gewöhnlich mit Phönizien verbinden: Phönizien, das war die Küstenebene der nördlichen Levante, der schmale Streifen zwischen Mittelmeer und Libanon-Gebirge, in der wie an einer Perlenschnur aufgereiht – von Nord nach Süd – die wichtigen Hafenstädte Arados, Byblos, Sidon und Tyros lagen.
Zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte stiegen diese Städte in der Eisenzeit auf, seit etwa 1000 v. Chr. Vor allem Tyros avancierte zum Brennpunkt eines das ganze Mittelmeer und weite Teile Vorderasiens umspannenden Handelsnetzes. Von hier aus stachen Schiffe in See, deren Besatzungen an weitentfernte Küsten segelten, um dort Handel zu treiben. Etliche der wagemutigen Kaufleute aus der Levante ließen sich in Übersee nieder und gründeten dort Handelsstützpunkte: auf Zypern, Sizilien, Sardinien und Korsika, in Spanien und Nordafrika. Die bei weitem erfolgreichste und berühmteste dieser Niederlassungen wurde das um 800 v. Chr. gegründete Karthago, das im 3. Jahrhundert mit Rom um die Hegemonie im zentralen Mittelmeer stritt.
Gab es „die“ Phönizier als eigene Ethnie überhaupt?
Waren die Bewohner von Sidon oder Tyros, waren die Männer, die auf ihren Schiffen das Mittelmeer befuhren, „Phönizier“? Die Frage nach ihrer ethnischen Identität ist schwer zu beantworten; sie geht womöglich auch am Kern des Problems vorbei. Die Bewohner der levantinischen Küstenregion sprachen, wie ihre Nachbarn in Syrien, Juda und Palästina, eine mit dem Aramäischen verwandte westsemitische Sprache. Die Israeliten nennen sie in der hebräischen Bibel „Kanaaniter“, aber darin scheint sich eher ein Stadt-Land-Gegensatz als eine ethnische Zugehörigkeit auszudrücken. Bezugspunkte der Identität scheinen vielmehr die Städte gewesen zu sein, so wie in Griechenland die Polis der Rahmen war, in dem sich das politische, kulturelle und religiöse Leben im Wesentlichen abspielte.
„Phönizier“ waren die Levantiner nur für Außenstehende wie die Griechen, zu denen die Kaufleute aus Tyros und Sidon seit dem 9. Jahrhundert den Weg über das Meer fanden und denen sie ebenfalls Luxusartikel aus ihrer Heimat verkauften. Phoinikes, die „Purpurroten“, nannte man die Männer aus dem Osten in Hellas, vermutlich, weil sie unter anderem purpurgefärbte Stoffe im Sortiment hatten.
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Jahrhunderte später, als längst das römische Imperium über das gesamte Mittelmeer herrschte, wurde aus der Fremd- auch eine Selbstetikettierung. Wenn also Heliodor im 3. Jahrhundert n. Chr. von sich als einem „Phönizier aus Emesa“ sprach, dann spiegelt sich darin das Aufgehen der Phönizier in der griechisch-römischen Mittelmeerzivilisation wider. Seine Heimatstadt lag in dem Teil Syriens, dem die Römer den Namen Syria Phoenice gegeben hatten. So war der Autor sozusagen der erste Phönizier.
Die Helden von Heliodors Roman bewegen sich ganz selbstverständlich durch das römisch beherrschte Mittelmeer. Das Imperium garantiert Sicherheit und stellt Infrastruktur zur Verfügung. Die Welt zwischen Atlantik und Tigris ist geprägt durch die Pax Romana.
Das war, rund 1500 Jahre vor der Niederschrift der „Aithiopiká“, schon einmal ähnlich gewesen. Vor 1200 v. Chr., in der Spätbronzezeit, hatten den Ostrand des Mittelmeers zwei große Imperien beherrscht: das ägyptische Neue Reich im Süden und das Reich der Hethiter mit Zentrum in Kleinasien im Norden. Beide Imperien umgab ein Kranz indirekt beherrschter Klientelstaaten. Wilusa, die mutmaßliche Stätte des Trojanischen Krieges, lag an der Westperipherie des Hethiterreichs, Byblos bildete den nördlichsten Außenposten Ägyptens in der Levante. Nördlich von Byblos waren die „kleinen“ Könige Syriens Vasallen des Großkönigs in der hethitischen Hauptstadt Hattuscha.
1274 v. Chr. waren die beiden Imperien im Konflikt um die Levante bei dem Ort Kadesch am Orontes frontal aufeinandergeprallt. Dem faktischen Remis im Kräftemessen folgte die Einsicht, dass ein zermürbender Krieg am Ende beiden Seiten mehr Schaden als Nutzen eintragen würde. Ägypter und Hethiter setzten sich an den Verhandlungstisch, grenzten ihre Interessensphären gegeneinander ab und schlossen den ersten urkundlich belegten Friedensvertrag der Weltgeschichte.
Großreiche bestimmen den Handel im Mittelmeerraum
Die Levante der Bronzezeit war dicht besiedelt, wohlhabend und bestens mit dem Rest der Welt vernetzt. Existenzgrundlage der kleinen Königreiche, die den großen Imperien tributpflichtig waren, war der Fernhandel. Die Region hatte der Welt viel zu bieten: nicht nur das berühmte Zedernholz, sondern auch die Erzeugnisse von Handwerksbetrieben, die auf hohem Niveau für den Export produzierten.
Freilich gaben die großen Mächte die Bedingungen vor, zu denen Handel getrieben wurde. Eingelassen war der Güteraustausch in ein System sozialer Normen, in dem Prestige und Autorität einen zentralen Stellenwert hatten. Die „kleinen“ Könige belieferten ihre Herren am Nil oder in Hattuscha mit allem Möglichen. In welcher Währung bezahlt wurde, lag im Ermessen der „großen“ Könige.
Große und kleine Könige verband ein System asymmetrischer Tauschbeziehungen: Ständig wechselten darin Güter den Besitzer, die aber nicht als Handelswaren deklariert waren, sondern, je nach Standpunkt, als „Geschenke“ oder „Tribute“. Wichtig war, dass man für das, was man gab, etwas zurückerhielt – man nennt das eine reziproke Beziehung.
Der Palast regelt so gut wie alles
Aus diesem System schöpften die lokalen Herrscher ihre Legitimität. Waren die großen Reiche stark und mächtig, dann saßen auch sie sicher im Sattel. Wie die Residenzstädte der Imperien, so waren die Häfen der Levante von Palastanlagen beherrscht, deren architektonische Dominanz auch ihre politische Bedeutung widerspiegelt. Gut dokumentiert ist der Palast von Ugarit im nördlichen Syrien. Das weitläufige Gemäuer bot viel Raum zum Einlagern der unterschiedlichsten Güter. Vor allem künden die französischen Ausgrabungen in dem Areal davon, dass über alles, was an Waren ein- und ausging, säuberlich Buch geführt wurde: Unzählige Tontafeln fanden sich in den palasteigenen Archiven.
Überhaupt liefen im Palast ökonomisch alle Fäden zusammen. Er beschäftigte ein Heer von Schreibern, Handwerkern, Soldaten und Priestern, die alle ernährt werden mussten. Dazu sammelte der Palast Überschüsse ein, die Bauern auf dem Land erwirtschafteten, und verteilte sie an die Spezialisten in der Stadt.
So wie in Ugarit muss man sich die Funktionsweise der Paläste überall im Nahen Osten vorstellen: zentrale Institutionen, die untereinander in regem reziprokem Austausch standen und im Innern Güter in ihren Magazinen einsammelten, in ihren Registraturen erfassten und dann unter den von ihnen Abhängigen verteilten.
Zwar emanzipierten sich im Lauf der Zeit die einflussreichsten unter den Spezialisten vom Palast und brachten Ländereien in ihren erblichen Besitz, doch blieb die Rolle der großen Institutionen flächendeckend dominant. Die „redistributive“ Wirtschaft der Bronzezeit kam ohne Markt aus, weil der Palast die Güterströme dorthin lenkte, wo sie nachgefragt wurden.
Obwohl die Herrschaft der beiden großen Imperien also für die Ewigkeit gemacht schien, brach sie wenige Jahrzehnte später binnen kürzester Zeit zusammen. Keilschrifttexte aus Ugarit und mit Reliefs illustrierte Inschriften am Totentempel des Pharaos Ramses III. in Medinet Habu berichten von Invasionen kriegerischer Völker, die über das Meer einfielen. Während Ugarit und mit ihm der Palast in Schutt und Asche versank, berichten die ägyptischen Texte, dem von 1188 bis 1157 v. Chr.regierenden Ramses sei es gelungen, die „Seevölker“ zurückzuschlagen.
Während man lange glaubte, eine großräumige, der spätantiken Völkerwanderung analoge Migrationswelle – der „Seevölkersturm“ – habe, mehr oder weniger aus heiterem Himmel, den Kollaps des spätbronzezeitlichen Mächtesystems ausgelöst, stellt sich die Forschung den Umbruch heute als komplexes Ineinanderwirken innerer und äußerer Faktoren vor.
Quellen berichten nämlich, dass es bereits um 1350 v. Chr. mächtig im Gebälk der Imperien knirschte. Die „kleinen“ Könige, auch der Herrscher von Byblos, berichteten in jenen Jahren nach Ägypten, sie sähen sich mit Aufständen und Überfällen konfrontiert. Doch die dringlichen Appelle um Beistand verhallten ungehört. Das Nil-Reich unternahm zur Rettung seiner Vasallen – nichts. Die Ägypter steckten nämlich Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. mitten in den religiösen Reformen der Amarna-Zeit und waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um in der kriegsgeplagten Levante zu intervenieren.
Offenbar flammten Konflikte periodisch immer wieder auf. Die Imperien der Spätbronzezeit waren konkurrenzlos mächtig, doch hing ihre Macht von ungezählten Voraussetzungen ab. Wichtigste Bedingung für den Fortbestand der großen Reiche war, dass Rohstoffe und Güter von der Peripherie ins Zentrum strömten. Stockte der Fluss der Reziprozität, etwa weil sich die bäuerliche Bevölkerung dem Abgabendruck entzog oder revoltierte, dann drohte der Kollaps.
Zusammenbruch birgt Chancen für die „kleinen“ Könige
Ein Teufelskreis aus ökonomischem Abschwung, Legitimitätsverlust und überall wütenden Aufständen scheint kurz nach 1200 v. Chr. dem bronzezeitlichen Mächtesystem den Garaus gemacht zu haben. Von Mykene bis nach Palästina, von Hattuscha bis nach Babylonien brannten die Paläste, stürzten die Könige.
Die Welt im Osten des Mittelmeers war bis 1200 v. Chr. ein engmaschig verflochtener Raum gewesen, zusammengehalten durch das ungeschriebene Regelwerk der Reziprozität. Kaum etwas davon überdauerte den Zusammenbruch. Wo man überhaupt noch Handel trieb, wechselten Waren allenfalls im lokalen Maßstab den Besitzer. Das Meer, das noch kurz zuvor die Handels- und Kriegsschiffe der größeren und kleineren Mächte durchpflügt hatten, wurde wieder zur endlosen Weite. War die Geschichte der Spätbronzezeit der modernen Globalisierung nicht unähnlich gewesen, dann hatte um 1200 v. Chr. jemand den Reset-Knopf gedrückt.
Mittelfristig bargen der Zusammenbruch der großen Mächte und die neue Kleinräumigkeit allerdings auch Chancen für Akteure, die zuvor im Schatten gestanden hatten. Diejenigen, die als Erste die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, waren die Bewohner der Städte am Ostrand des Mittelmeers: Gaza, Aschkelon, Dor, Tyros, Sidon und eben Byblos. Sie waren nicht länger gezwungen, ihre Güter zu den Bedingungen zu Markte zu tragen, die ihnen Hethiter oder Ägypter diktierten. Die Städte nutzten die Spielräume, die sich ihnen durch den Kollaps der Imperien boten, und ihre günstige geographische Lage am Schnittpunkt kontinentaler und maritimer Handelsrouten. Bis etwa 1000 v. Chr. errangen sie so eine marktbeherrschende Stellung im nun wieder expandierenden Fernhandel.
Damit war der Boden bereitet für die Fernhändler, die wir die „Phönizier“ nennen: jene wagemutigen Männer, die von den Städten Tyros, Sidon, Byblos und Arados ins große Unbekannte des Mittelmeers aufbrachen, wo Rohstoffe, Märkte und Abenteuer lockten. Damit schließt sich ein Kreis, denn die Phönizier der Eisenzeit legten so den Grundstein zu dem neuerlich „globalisierten“ Mittelmeer des Phöniziers Heliodor.
Autor: Prof. Dr. Michael Sommer
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