Ein unterhaltsames Glanzlicht der antiken Literatur ist der Roman „Aithiopiká“: Die Artemis-Priesterin Chariklea verliebt sich in den jungen Aristokraten Theagenes aus Thessalien. Sie flüchtet mit ihrem Geliebten aus dem Tempel und erlebt eine wundersame Odyssee quer durch das Mittelmeer, das die Römer zur Entstehungszeit des Romans mit Fug und Recht ihr ureigenes Meer nennen: mare nostrum. Heliodor, der Verfasser, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr. In der Sphragis, dem „Siegel“ des Romans, das den Text abschließt und Aufschluss über die Identität des Autors gibt, nennt er sich einen „Phönizier“ (phoínix) aus Emesa.
Der griechisch schreibende Heliodor ist der einzige bekannte Mensch der Antike, der sich ausdrücklich selbst als Phönizier bezeichnet. Doch weder chronologisch noch geographisch passt er in die Vorstellung, die wir gewöhnlich mit Phönizien verbinden: Phönizien, das war die Küstenebene der nördlichen Levante, der schmale Streifen zwischen Mittelmeer und Libanon-Gebirge, in der wie an einer Perlenschnur aufgereiht – von Nord nach Süd – die wichtigen Hafenstädte Arados, Byblos, Sidon und Tyros lagen.





