An Darstellungen der Geschichte der Kartographie mangelt es nicht, und meist handelt es sich um reichillustrierte Ausgaben. Letzteres gilt auch für den Band „Die Macht der Karten“ der Darmstädter Historikerin Ute Schneider. Das Besondere ist der dominante Aspekt, der sich im Titel verbirgt: Karten be?anspruchen bei aller Abstrak?tion, ein möglichst wahres Abbild der Erdoberfläche oder ihrer Teile zu sein. Tatsächlich können sie aber für Herrschafts- und Machtansprüche mißbraucht werden. Karten sind häufig mentale Konstruktionen und enthalten dann Manipulationen, die zeitpolitische und gesellschaftliche Ziele verfolgen. Die Autorin definiert zuerst die Aufgaben der Karten. Sie berücksichtigt die Entwicklung der Meß- und Darstellungstechnik ebenso wie die Entwicklung von Konventionen, deren Grundkenntnisse heute zur Allgemeinbildung gehören. Vor allem hebt sie aber auf die Manipulierbarkeit von Karten als Informationsträgern ab, analysiert die Darstellung von Territorien und Grenzen als Herrschaftsräume und zeigt, wie bewußtes Verschweigen räumlicher Kenntnisse auf Karten politisch beabsichtigt sein kann. Diese Gesichtspunkte hätten schon für das 20. Jahrhundert ausreichend Stoff für ein dickes Buch abgegeben. Um so wichtiger wird die Auswahl, wenn ein halbes Jahrtausend in den Blick genommen wird. Von den Karten aus dem Zeitalter der großen Entdeckungen, als unbekannte Gebiete graphisch mit Fabelwesen aufgefüllt wurden oder einfach die „weißen Flecke“ blieben, auf die jedoch bereits Herrschaftsansprüche erhoben wurden, bis zu der im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts 1939 durch einen Strich vorgenommene Aufteilung des östli?chen Europas lassen sich viele Beispiele für die Fixierung politischer Entscheidungen auf Karten anführen. Es ist ein besonderes Verdienst der Autorin, in der Fülle des Materials nie den Überblick und die Grundstruktur der Gedankenführung zu verlieren. Ihr Buch veranschaulicht über die Macht der Karten hinaus sehr gut die Bedeutung des Raumes und damit auch der Geographie als Raumwissenschaft; es ist ihm ein weiter Leserkreis zu wünschen.
Rezension: Stadelbauer, Jörg





