Bis Mitte des 19. Jahrhunderts diente die Themse als Abwasserkanal Londons. Weil zugleich aus dem Fluss das Trinkwasser entnommen wurde, grassierte die Cholera immer wieder in der Stadt. Der glühend heiße Sommer 1858 und der unerträgliche Gestank der Kloake brachten die Stadtplaner endlich auf Trab.
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„Schade, dass das Thermometer gestern um zehn Grad fiel. Fast hätte die schiere Macht des Gestanks das Parlament zum Handeln gezwungen. Die Hitze hatte unsere Gesetzgeber schon aus jenen Teilen des Gebäudes vertrieben, die den Fluss überragen. Einige Parlamentsangehörige wollten die Sache selbst in Augenschein nehmen und betraten die Bibliothek. Sie mussten sich sofort wieder zurückziehen, mit Tüchern vor ihren Gesichtern. Wir sind alle sehr froh darüber.“ So stand es am 18. Juni 1858 in der Londoner „Times“. Der konservative Mehrheitsführer Benjamin Disraeli (1804–1881) war beobachtet worden, wie er fluchend aus dem Parlament gestürmt war. Das Problem war keineswegs neu. Seit Jahren war die Themse ein einziger Abwasserkanal. Wenn die Temperaturen stiegen, war der Gestank kaum auszuhalten. Doch in jenem heißen Sommer war es schlimmer als je zuvor.
Schon lange hatten Experten auf das Problem hingewiesen: Das alte Abwassersystem der Stadt war für die mittlerweile drei Millionen Einwohner nicht ausgelegt. Meterhoch türmten sich die Fäkalien an den Ufern der Themse. Und da ein großer Teil des Trinkwassers aus der Themse entnommen wurde, tranken die einen das Abwasser der anderen. Nur logisch, dass immer wieder die Cholera grassierte, so auch 1858. Tausende starben in den Hospitälern der Stadt.
Tatsächlich galt London bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als eine der gesünderen Städte Europas. Die Wasserversorgung war, an den Maßstäben der Zeit gemessen, exzellent. Die zahlreichen Quellen und Brunnen schlagen sich noch heute in vielen Ortsnamen nieder: Well Court, Wellclose Square, Clerkenwell und Holywell tragen das Frischwasser im Namen.
Doch die alten Rohre stammten zum Teil noch von den Römern. 1828 warnte der Reformpolitiker Sir Francis Burdett erstmals vor einer Überlastung des Systems und erreichte die Bildung einer Königlichen Kommission, die ein Gutachten zur Wasserversorgung der Stadt erstellte. Der Bericht des verantwortlichen Ingenieurs Thomas Telford wies auf eine zunehmende Verschmutzung der Themse hin. Telford schlug vor, die Stadt mit Hilfe von Aquädukten aus drei anderen Flüssen zu versorgen: dem River Ver, dem Wandle und der Lea. Der Haken: Die Kosten des Projekts würden sich auf die enorme Summe von 1 177 840 Pfund und 16 Schilling belaufen.
Das alte Abwassersystem nutzte die natürlichen Wasserläufe. Mit dem Wachstum der Stadt wurden die alten Flusssysteme rund um die Themse zwar überbaut – dies hieß aber nicht, dass sie nicht unterirdisch weiterhin existierten. Doch die Bevölkerungsexplosion im 18. und 19. Jahrhundert überforderte das System. Vom Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verdreifachte sich die Bevölkerung Londons. Und mit jedem neuen Einwohner wurde das Wasser dreckiger, das die Brunnen der Stadt zutage förderten.
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Neue Wassertoiletten sind ein Fortschritt,überlasten aber das Kanalsystem
Es war die Einführung der Wassertoilette, die das Fass bzw. die Flüsse zum Überlaufen brachte. Dabei diente ihre Einführung erst einmal der Lösung eines anderen Problems. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten die meisten Häuser über Plumpsklos mit Sickergrube. In den 1840ern entstand jedoch eine Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die sanitären Bedingungen zu verbessern. Wichtigster Advokat war der Sozialreformer Edwin Chadwick (1800 –1890). Im Auftrag der Regierung erstellte er den „Report on the Sanitary Condition of the Labouring Population of Great Britain“.
Chadwick forderte, dass neue Wohnhäuser an das Abwassersystem angeschlossen werden sollten, da die Gruben häufig überliefen – in manchem Keller stand das Abwasser drei Fuß hoch. Wurden die Gruben geleert, wurde ihr Inhalt meist als Dünger auf die Bauernhöfe außerhalb der Stadt abtransportiert. Doch mit zunehmender räumlicher Ausdehnung Londons wuchsen die Entfernungen und damit auch die Kosten für die Entleerung. Hinzu kam, dass die Bauern zunehmend den billigeren, aus Südamerika importierten Guano (eine Art getrockneter Vogelkot) als Dünger verwendeten, so dass die Jauchehändler keine Abnehmer mehr fanden.
Die Lösung des Grubenproblems war die Wassertoilette. Diese war keine neue Erfindung, doch gewann sie erst seit dem späten 18. Jahrhundert an Beliebtheit. Ihren Durchbruch als Massenprodukt erlebte die Wassertoilette aber erst mit der „Great Exhibition“ des Jahres 1851 im Hyde Park. Rund 830 000 Besucher erprobten die dort vom Unternehmer George Jennings installierten Toiletten. Viele waren so begeistert, dass sie die Toiletten bei sich zu Hause einbauen ließen.
Von 1850 bis 1856 wuchs der Wasserverbrauch eines Londoner Hauses von 160 auf 244 Gallonen am Tag. Bei gleichzeitigem Wachstum der Stadt von rund 270 000 auf etwa 328 000 Häuser kann von einer Verdopplung des Wasserverbrauchs in der Metropole ausgegangen werden. Das unterirdische Flusssystem rund um die Themse war mit dem Abtransport einer derartigen Menge an Abwasser überfordert. Und da dieselben Flüsse und Kanäle das Trinkwasser für den Großteil der Londoner Bevölkerung lieferten, wurden Durchfall und Cholera zu weitverbreiteten Krankheiten.
Am 7. Juli 1855 schrieb der bekannte Naturforscher Michael Faraday einen Brief an die „Times“. Er schilderte seine Eindrücke von einer Bootsfahrt auf der Themse: „Der Geruch des Wassers nahm sofort meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Der ganze Fluss war eine undurchsichtige, braune Brühe … Der Gestank war sehr schlimm und derselbe, der aus den Gullys in den Straßen kommt. Der ganze Fluss war ein Abwasserkanal … [wir] sollten [nicht] überrascht sein, wenn ein heißer Sommer uns den traurigen Beweis unserer aberwitzigen Nachlässigkeit liefert.“
Die erste Abwasserbehörde: wenig Geld und kaum Kompetenzen
Die Stadtverwaltung war sich der Probleme bewusst. 1847 war mit der „Metropolitan Sewers Commission“ erstmals eine zentrale Abwasserbehörde gegründet worden. Ein erster Erfolg der Kommission war der „Metropolitan Sewers Act“ von 1848, der Chadwicks Empfehlung folgte und unter anderem vorschrieb, neu gebaute Häuser an das Abwassersystem anzuschließen. Was das Problem der Verbesserung ebenjenes Systems anging, konnten jedoch keine Fortschritte erzielt werden. An Ideen mangelte es dabei nicht. Bei einem 1849 ausgeschriebenen Ideenwettbewerb gingen nicht weniger als 137 Vorschläge ein. Doch kein Einziger hielt der technischen Überprüfung durch die Ingenieure stand. Stattdessen sollte nun der Chefingenieur Frank Forster einen neuen Plan entwickeln. Doch er starb, bevor er seine Ideen verwirklichen konnte, infolge von „Überarbeitung in der Ausübung seines Amtes“.
Ein Problem der Kommission war ihre mangelhafte finanzielle Ausstattung, ein anderes die nicht ausreichenden Kompetenzen. Unter diesen Bedingungen musste ein großangelegtes Projekt scheitern. Ein erster Schritt in die richtige Richtung war daher die Integration in das neue „Metropolitan Board of Works“, das 1856 eingerichtet wurde und für die Planung sämtlicher öffentlicher Bauprojekte in der Metropolregion zuständig war.
Die neue Behörde verfügte über die rechtliche Handhabe, aktiv zu werden, ohne sich im Klein-Klein der Subkommissionen und Unterabteilungen der Londoner Bezirke zu verzetteln. Zudem hatte sie den Auftrag, die Abführung von Abwasser in die Themse in Zukunft zu verhindern.
Chef der neuen Behörde wurde der Politiker John Thwaites, als Chefingenieur wurde Joseph Bazalgette eingesetzt, der dem verstorbenen Frank Forster im Amt nachgefolgt war. Bazalgette analysierte das Problem wie folgt: „In den letzten sechs Jahren wurden 30 000 Sickergruben stillgelegt und das Abwasser in den Fluss geleitet. Bei Starkregen und Hochwasser können die Kanäle die Menge an Abwasser jedoch nicht bewältigen, so dass das Wasser durch die Rohre hochkommt und die Keller flutet.“ Besonders der starke Tidenhub der relativ kurzen Themse entpuppte sich als Problem: Bei Hochwasser war der Fluss nicht in der Lage, zusätzlich zugeführte Wassermengen abzutransportieren.
Bald legte Bazalgette erste Pläne für ein neues Kanalnetz vor. Sein Vorschlag sah vor, dass nördlich und südlich der Themse mehrere parallel zum Fluss verlaufende Kanäle das Abwasser abfingen und an einen Punkt östlich der Stadtgrenzen ableiteten, so dass das Abwasser erst außerhalb Londons in die Themse gelangen konnte. Doch bevor seine Pläne in die Tat umgesetzt werden konnten, musste die Zustimmung einer weiteren Kommission eingeholt werden, des „Board of Commissioners of Her Majesty’s Works and Public Buildings“. Da die Kosten die Summe von 100 000 Pfund überstiegen, musste zudem das Parlament zustimmen.
Auf dem Weg durch die Instanzen wurde der Plan zerredet. Drei als Schiedsrichter eingesetzte Gutachter forderten in einem 500-Seiten- Bericht Änderungen, welche die geschätzten Kosten explodieren ließen: von rund 2,5 Millionen Pfund für Bazalgettes ursprünglichen Plan auf fast 5,5 Millionen Pfund. Bevor eine Entscheidung fallen konnte, erfüllte sich die Prophezeiung Michael Faradays. Der Sommer 1858 war ungewöhnlich heiß, es entwickelte sich „The Great Stink“: der Große Gestank.
Ingenieur Joseph Bazalgetteund sein gewagter Plan
Diese Zuspitzung hatte jedoch auch ihre positiven Seiten. Die Tageszeitung „The Observer“ stellte am 21. Juni fest, dass der „Große Gestank“ die zuständigen Parlamentskommissionen gründlich ausräucherte – und die Politik auf Trab brachte. Am 15. Juli legte der konservative Mehrheitsführer Benjamin Disraeli den „Metropolis Local Management Amendment Act“ vor, ein Gesetz, das die Kompetenzen des „Metropolitan Board of Works“ ausweitete und die Behörde mit einem Budget von drei Millionen Pfund ausstattete, das auch ohne Zustimmung des Parlaments eingesetzt werden durfte. Am 2. August 1858 trat das Gesetz in Kraft. Endlich war nun auch das Geld da, um dem Gestank ein Ende zu bereiten.
Das Board of Works entschied sich für eine leicht modifizierte Version von Bazalgettes Entwurf: Entstehen sollte ein Netzwerk aus Kanälen, das von parallel zum Fluss verlaufenden Hauptkanälen dominiert wurde, die das Abwasser flussabwärts abtransportieren sollten. Das Hauptproblem bestand darin, dass große Teile Londons unter dem Wasserspiegel lagen, so dass das Wasser an mehreren Stellen auf ein höheres Niveau gepumpt werden musste, um die zwei Fuß Höhenunterschied pro Meile Kanal zu erreichen, die benötigt wurden, damit die Schwerkraft den Rest erledigen konnte. Um das Wasser auf ein höheres Niveau zu heben, wurden in der Pumpstation in Deptford von der Firma James Watt & Co. die größten Dampfmaschinen aller Zeiten installiert.
Mit dem Bau einiger Kanäle war es also nicht getan, es brauchte Pumpstationen, Sturmablaufbecken, Dämme, Mündungsbauwerke, und immer wieder mussten Lösungen gefunden werden, um vorhandene Straßen, Flüsse und Tunnel zu umgehen. Es wurden Eisenbahnstrecken abgesenkt, Straßen angehoben und Flüsse umgeleitet. Ein großes Problem bestand darin, dass die Röhren der sich zeitgleich im Bau befindlichen Metropolitan Railway Line, der ersten U-Bahn-Linie der Welt, umgangen werden mussten.
Es war eine Materialschlacht: Allein für den Bau der 82 Meilen langen Hauptkanäle wurden 672 000 Kubikmeter Zement und 318 Millionen Ziegelsteine benötigt. Bazalgette ging ein Risiko ein, indem er ganz auf die Verwendung des neuen Portlandzements setzte. Dieser war härter als der bis dahin übliche Romanzement, musste sich aber in der Praxis erst noch bewähren. Um zu gewährleisten, dass das neue Produkt den Anforderungen entsprach, setzte Bazalgette auf eine rigorose Qualitätskontrolle: Jede einzelne Lieferung wurde genau überprüft.
Der Einsatz neuer Technologien war auch deshalb riskant, weil die genehmigten drei Millionen Pfund wenig Spielraum für Fehler zuließen: Bazalgette hatte mit Kosten von mindestens 2,83 Millionen Pfund gerechnet. Er vermied es, Aufträge an den billigsten Anbieter zu vergeben, und erklärte dies so: „Es ist ein großer Fehler, einen Auftragnehmer auszuwählen, der nicht über die Mittel verfügt, um einen ordentlichen Job zu machen. Es führt nur zu ständigem Hickhack, Schwierigkeiten, Unterbrechungen und häufig zu völligem Scheitern.“
Dieses Vorgehen brachte ihm Kritik ein, etwa als bekanntwurde, dass die Firma George Furness zwei Aufträge über 520 000 Pfund erhalten hatte, obwohl die Firma Ridley ein Angebot über 495 000 Pfund abgegeben hatte. Das eigentlich Peinliche an der Affäre war, dass Bazalgette der Firma Furness im Vorjahr einen großen Auftrag in der ukrainischen Stadt Odessa verschafft und dafür eine Provision kassiert hatte. Ein eingesetzter Untersuchungsausschuss sprach Bazalgette jedoch von jedem Fehlverhalten frei.
Kanäle, Befestigungen, Pumpen:Das System funktioniert bis heute
Zudem gab der Erfolg ihm recht. Die Arbeiten gingen zügig voran. 1865 wurde in Gegenwart des Prince of Wales, des Duke of Cambridge, der Erzbischöfe von Canterbury und York und des Lord Mayor die große Crossness Pumping Station eingeweiht. Im Folgejahr erhielt Bazalgette ob des guten Fortschritts der Arbeiten eine Erfolgsprämie von 6000 Pfund, das Dreifache seines normalen Jahresgehalts. 1868 wurde das nächste Pumpwerk in Abbey Mills in Betrieb genommen und 1869 mit dem Albert Embankment die erste der neuen Uferbefestigungen der Themse fertiggestellt. Auf das Albert Embankment folgten 1870 das Victoria Embankment und 1874 das Chelsea Embankment. Im selben Jahr wurde Joseph Bazalgette für seine Verdienste zum Ritter geschlagen.
Als voller Erfolg erwies sich seine Annahme, dass der Wasserverbrauch nicht nur mit zunehmender Einwohnerzahl, sondern auch pro Kopf steigen würde. Auch starke Regenfälle wurden einkalkuliert. So bildet das System noch heute den Kern des Londoner Abwassersystems, wie auch einige der alten Pumpwerke, darunter Abbey Mills und Deptford, immer noch in Betrieb sind. Maßgeblichen Anteil daran hat Bazalgettes mutige Entscheidung für den Portlandzement.
Im Jahr 1889 begab sich der Ingenieur in den Ruhestand. Sein Vermächtnis sind neben dem Abwassersystem auch zahlreiche der Londoner Parks sowie wichtige Brücken über die Themse. Auch diese zeichnen sich durch „Overengineering“ aus: Der Hammersmith Bridge konnten selbst mehrere Bombenanschläge der IRA nichts anhaben, auch die Putney Bridge, die Battersea Bridge und die Albert Bridge halten immer noch dem Verkehr des 21. Jahrhunderts stand.
Als Bazalgette im Jahr 1891 starb, war er ein sehr reicher Mann. Doch niemand missgönnte ihm seinen Reichtum, denn sein Verdienst war unbestritten. Der größte Erfolg Bazalgettes war nämlich nicht die erfolgreiche Umsetzung eines der größten Infrastrukturprojekte aller Zeiten, sondern der damit verbundene Sieg über die Cholera. Während andere Großstädte noch lange mit ihr zu kämpfen hatten, kehrte sie nie wieder nach London zurück. Der Autor John Doxat urteilte in seinem Buch „The Living Thames. The Restoration of a Great Tidal River“, „dieser hervorragende und vorausschauende Ingenieur [habe] wahrscheinlich mehr Gutes getan und mehr Leben gerettet als irgendein anderer viktorianischer Beamter“.
Autor: Felix Melching
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