Als Schwester des berüchtigten Kaisers Caligula und Mutter des nicht minder berüchtigten Nero verbrachte Agrippina die Jüngere fast ihr gesamtes Leben im Zentrum der Macht. Der Ehefrau des Kaisers Claudius gelang es, beträchtlichen politischen Einfluss auszuüben. Sohn Nero wurde ihr letztlich zum Verhängnis.
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Vor der Villa Bauli an der Bucht von Neapel hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Das Gerücht ging um, dass Agrippina (15/16–59), die Mutter Kaiser Neros (54–68), welche in diesen Tagen in der Villa residierte, bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sei. Sorge und Bestürzung wandelten sich in Freude, als bekanntwurde, dass Agrippina überlebt hatte. Da tauchten plötzlich Bewaffnete auf. Angeführt wurden sie von Anicetus, einem ehemaligen Tutor Neros. Er war gekommen, um zu Ende zu bringen, was ihm kurz zuvor misslungen war. Die Männer verschafften sich gewaltsam Zutritt und machten Agrippina ausfindig. Diese wusste, dass ihr Ende gekommen war. Sie entblößte ihren Unterleib und rief: „Stich hier zu, Anicetus; stich hier zu, denn dieser Leib gebar Nero.“ Die Mörder zögerten nicht.
Schicksal einer mächtigen Familie: den Schaltstellen nahe und dann plötzlich verfolgt und verbannt
So endete das Leben der einst mächtigsten Frau im Römischen Reich – oder so schildern es zumindest die römischen Historiker Tacitus (55 – nach 116) und Cassius Dio (um 163 – um 235). Da Agrippina diejenige war, die Nero auf den Kaiserthron gebracht hatte, besteht ihre Geschichte in den Werken antiker Historiker aus einem Dickicht finsterer Anekdoten, deren Wahrheitsgehalt schon für die Zeitgenossen kaum zu ermitteln war. Eines steht fest: Agrippinas Leben war ereignisreich. Und es war wohl fast überraschend, dass sie so lange überlebte.
Agrippinas Vater hieß Nero Claudius Germanicus (15 v. Chr. – 19 n. Chr.). Als gefeierter Heerführer und Großneffe von Kaiser Augustus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.) war er zum Thronfolger aufgestiegen. Im Jahr 19 stand seiner Familie, zu der auch die vierjährige Agrippina gehörte, ein Leben an der Spitze des Reiches bevor. Doch dann starb Germanicus, vermutlich war er vergiftet worden.
Für seine Familie begann eine schreckliche Zeit. Sowohl Kaiser Tiberius (14–37) als auch der Prätorianerpräfekt Lucius Aelius Seianus (20 v. Chr. – 31 n. Chr.), der selbst die Kaiserwürde anstrebte, sahen in der Familie des Germanicus eine Gefahr. Germanicus’ Witwe Agrippina (in Abgrenzung zur Tochter „Agrippina die Ältere“ genannt) musste schließlich Rom verlassen; ihr Sohn Nero Caesar wurde auf die Insel Pontia verbannt, wo er wohl im Jahr 31 getötet wurde, und ihr zweiter Sohn Drusus Caesar verhungerte zwei Jahre später im Gefängnis. Agrippina die Ältere nahm sich schließlich das Leben.
Von der Familie des Germanicus blieben nur Gaius und seine drei Schwestern Agrippina, Drusilla und Julia Livilla übrig. Gaius, später unter dem Namen Caligula bekannt, gelang es in einer Wendung des Schicksals, zum Nachfolger des Tiberius aufzusteigen. Im Jahr 37 wurde er Kaiser. Die fast vernichtete Familie des Germanicus rehabilitierte er. Seine drei Schwestern machte er zu Vestalinnen, hochangesehenen Priesterinnen der Göttin Vesta, und band ihre Namen in den ihm zu leistenden Treueschwur mit ein. Außerdem spielten sie für ihn eine noch weit darüber hinausgehende Rolle: Antike Autoren berichten, er habe zu allen dreien ein inzestuöses Verhältnis gepflegt.
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Agrippina war mit Gnaeus Domitius Ahenobarbus verheiratet und brachte im Jahr 37 ihren Sohn Lucius zur Welt, den späteren Kaiser Nero. Nach dem Tod ihrer Schwester Drusilla fielen Agrippina und ihre Schwester Julia Livilla allerdings bei ihrem Bruder in Ungnade. Er beschuldigte sie, Teil einer Verschwörung gegen ihn zu sein, verbannte sie auf die Pontinischen Inseln, wo schon ihre Mutter gestorben war, und zog ihren Besitz ein.
Nach Caligulas Ermordung kehren sie und ihre Schwester nach Rom zurück
Dann, im Jahr 41, wurde Caligula ermordet. Der Versuch der Verschwörer, die senatorische Macht dauerhaft wiederherzustellen, scheiterte zwar, aber für Agrippina und Julia Livilla bedeutete der Tod ihres Bruders das Ende ihres Exils. Ihr Onkel Claudius (41 – 54) bestieg den Kaiserthron und holte die beiden zurück nach Rom. Agrippinas Ehemann war inzwischen gestorben, und so machte sich Agrippina auf die Suche nach einer lohnenden Partie. Sie umwarb den späteren Kaiser Galba (68/69), jedoch vergeblich. Galba war verheiratet, und seine Schwiegermutter schlug Agrippina in aller Öffentlichkeit. Von dieser Demütigung ließ sich Agrippina nicht irritieren. Ihre zweite Wahl war ein Freund des neuen Kaisers: der berühmte und äußerst reiche Redner Gaius Sallustius Passienus Crispus.
Es war offensichtlich, dass sich Agrippina in Stellung brachte, um ihrem Sohn den Weg an die Spitze des Reiches zu ebnen. Das wiederum versetzte Claudius’ Ehefrau Valeria Messalina in Alarmbereitschaft. Messalina sah die Ansprüche ihres Sohnes Britannicus in Gefahr – und möglicherweise versuchte sie sogar, Nero umzubringen. Man erzählte sich, dass Messalinas Meuchler von einer Schlange verjagt worden seien, die plötzlich unter dem Kissen des schlafenden Kindes hervorkam. Im Bett Neros wurde tatsächlich Schlangenhaut gefunden, die Nero viele Jahre lang in einem Amulett bei sich tragen sollte.
Gegen Agrippinas Schwester Julia Livilla ging Messalina erfolgreicher vor. Ihr wurde eine Affäre mit dem Philosophen Seneca (um 4 v. Chr. – 65 n. Chr.) unterstellt. Beide wurden verbannt, Julia Livilla später getötet. Vielleicht hätte Agrippina einen Weg gefunden, ihrerseits gegen Messalina vorzugehen, aber das musste sie gar nicht: Messalina brachte sich selbst zu Fall, entweder durch einen ausschweifenden Lebensstil – der Dichter Juvenal (1.–2. Jahrhundert) nennt sie die „Hurenkaiserin“ – oder durch ihre Beteiligung an einer Verschwörung gegen Claudius. In jedem Fall wurde sie hingerichtet. Und Agrippina sah ihre Chance gekommen.
Ihr zweiter Ehemann war gerade verstorben, und kaum war Messalina tot, machte sich Agrippina daran, Kaiserin zu werden. Claudius war zwar ihr Onkel, aber das war für sie nur ein juristisches Hindernis. Unter den Freigelassenen, die für Claudius die wichtigsten Regierungsaufgaben übernahmen, fand sie einen wichtigen Verbündeten. Er hieß Pallas und wurde bald Agrippinas Liebhaber. Pallas machte Claudius den Vorschlag, Agrippina zu heiraten, und setzte sich damit gegen die Vorschläge anderer Berater durch. Die Ehe zwischen Onkel und Nichte wurde kurzerhand legalisiert, und einen Tag später fand die Hochzeit statt.
Sicheres Gespür für die politischen Mechanismen in Rom
Agrippina war somit im Jahr 49 ganz oben angekommen. Aber ihr wichtigstes Ziel, Nero zum Kaiser zu machen, war noch nicht erreicht. Im Vorfeld ihrer Hochzeit mit Claudius hatte sie die Vermählung Neros mit Claudius’ Tochter Claudia Octavia durchgesetzt, dabei den Ruf und die Karriere des bisherigen Verlobten der künftigen Schwiegertochter zerstört und diesen in den Selbstmord getrieben. Nun galt es, ihre Position am Hof zu festigen: Sie holte Seneca, der wegen einer vermeintlichen Affäre mit ihrer Schwester verbannt worden war, nach Rom zurück und machte ihn zu Neros Tutor.
Den Thronprätendenten Britannicus isolierte sie und ging gegen seine Unterstützer vor – auch bei den Prätorianern, deren Britannicus-treue Präfekten sie aus dem Amt drängte und durch Sextus Africanus Burrus ersetzen ließ. Außerdem hatte sie ein ausgezeichnetes Gespür für die politischen Mechanismen Roms. Sie tat alles, um sich mit dem Senat gut zu stellen – zuerst, um dessen Unterstützung für die Ehe mit ihrem Onkel zu gewinnen, aber auch danach. Sie wusste, dass Claudius bei vielen Senatoren verhasst war, und sie gab sich alle Mühe, selbst in einem anderen Licht zu erscheinen.
Ihr Stern stieg weiter. Seit dem Jahr 50 trug sie den Titel Augusta – eine Würde, die bis dahin erst nach dem Tod eines Kaisers an dessen Witwe verliehen worden war. Ihr Geburtsort, das heutige Köln, wurde als römische Siedlung neu gegründet und nach ihr benannt: Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Außerdem wurde ihr eine Staatskarosse (carpentum) zur Verfügung gestellt.
Agrippina nutzte jede Möglichkeit, sich an der Herrschaft ihres Ehemannes zu beteiligen. Besonders deutlich wurde dies bei der Zeremonie, mit der die Begnadigung des britannischen Königs Caratacus und seiner Familie besiegelt wurde. Dabei saßen Claudius und Agrippina auf zwei separaten Podien und nahmen von den Gefangenen die gleichen Ehrbekundungen entgegen.
Die ungewöhnliche öffentliche Rolle Agrippinas, die Tacitus und Cassius Dio überliefern, zeigte sich auch auf Münzen, auf denen Claudius und Agrippina nebeneinander dargestellt wurden. Auf einem Relief, das mit großer Wahrscheinlichkeit noch zu Claudius’ Lebzeiten entstand, trägt Agrippina ein Diadem – die Kopfbedeckung der Göttinnen und Könige. Damit ist sie die einzige Frau der julisch-claudischen Dynastie, die zu Lebzeiten so abgebildet wurde.
Die antiken Autoren legen nahe, dass Agrippina ihren Ehemann mit Gift aus dem Weg räumte. Aber ob das tatsächlich so war, ist zweifelhaft. Nero war noch keine 17 Jahre alt. Ihm fehlte es an Erfahrung. Sicherlich war Agrippina daran gelegen, ihre Rolle noch eine Weile weiterzuspielen. Claudius’ Tod im Jahr 54 erfüllte ihren Traum von Neros Kaiserschaft – allerdings ein paar Jahre zu früh. Nero sollte sich, nun, da er die Macht spürte, als unkontrollierbar entpuppen.
Mit Neros Machtergreifung wurden Agrippina vorerst weitere hohe Ehren zuteil: Sie bekam zwei repräsentative Leibwächter (lictores) zur Seite gestellt – ein Anrecht, über das sonst nur Magistraten verfügten. Zusätzlich sollte eine Einheit germanischer Leibgardisten von nun an für ihre Sicherheit sorgen. Die politisch erfahrene Mutter des noch jungen Kaisers erschien zunehmend als die wahre Regentin. Zwar durfte sie den Sitzungen des Senates nicht beiwohnen; dennoch war ihre Präsenz dort von nun an deutlich zu spüren. Sie war stets in Hörreichweite und nutzte vermutlich ihre Gefolgsleute, um bei bestimmten Themen einzugreifen.
Nero will allein entscheiden
Die antiken Historiker stimmen darin überein, dass Agrippinas engste Verbündete um Seneca und Burrus sich nun daranmachten, sie zu Fall zu bringen. Doch auch dies ist zweifelhaft. Agrippina war die Garantin ihrer Macht. Es war nicht in ihrem Interesse, sich von ihr abzuwenden und die eigene politische Zukunft aufs Spiel zu setzen – zumindest war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht so: Nero sollte die Lage bald verändern.
Zuerst lief noch alles nach Plan. Mit Neros Rede vor dem Senat vermittelte Agrippina ihre Absicht, die Zusammenarbeit mit dem Senat weiter zu verbessern. Lange ließ sich Nero allerdings nicht in ihre Pläne einspannen. Er begriff, dass es niemanden gab, der ihm Befehle erteilen konnte – und da seine Mutter die Einzige war, die es versuchte, wurde sie zu seiner Feindin. Schnell kam es zu Spannungen und schon wenige Monate nach dem Beginn seiner Herrschaft zur Eskalation: Agrippina verbot ihm die Beziehung zu einer Freigelassenen namens Acte, da er diese wie eine Ehefrau behandelte.
Nero drohte anfangs damit, sein Amt niederzulegen und nach Rhodos auszuwandern. Aber als das nichts half, trat er an Seneca und Burrus heran, um seine Mutter loszuwerden. Die beiden schätzten die Lage wohl richtig ein, als sie sich für den Kaiser und gegen ihre Gönnerin entschieden.
Agrippina begriff, dass sie ihre Macht über Nero verloren hatte. Die Quellen legen nahe, dass sie Nero nun anbot, sie selbst zu seiner Geliebten zu machen. Diese Anekdote ist möglicherweise frei erfunden – ebenso wie jene über eine Mätresse Neros, die Agrippina zum Verwechseln ähnlich gesehen haben soll.
Auf jeden Fall war sie nicht bereit, sich einfach zurückzuziehen. Sie drohte Nero damit, Britannicus zu unterstützen; sie suchte unter den Senatoren und Prätorianern nach neuen Verbündeten, und sie bemühte sich sogar um eine Allianz mit Neros Frau Claudia Octavia. Letztlich waren all diese Bemühungen aber umsonst. Agrippina war noch immer einflussreich, aber die Regierungsgeschäfte waren außerhalb ihrer Reichweite.
Agrippina war somit angreifbar. Plötzlich wurde sie beschuldigt, den Sturz ihres Sohnes zu planen. Und Nero war schon entschlossen, sie hinrichten zu lassen, doch Burrus verhinderte eine Nacht-und-Nebel-Aktion und ermöglichte es Agrippina, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen.
Unterdessen begann Nero eine Beziehung mit Poppaea – jener Frau, die er bald zu seiner Kaiserin machen und einige Jahre nach Agrippinas Tod samt ihrem ungeborenen Kind zu Tode treten sollte. Es ist wiederum überliefert, dass Agrippina erneut anbot, Nero könne sie selbst als Geliebte haben – ein Vorschlag, der Tacitus zufolge diesmal nur durch Senecas Einschreiten von Nero ausgeschlagen wurde.
Es kam zum endgültigen Bruch – vielleicht ausgelöst durch Poppaea, die Agrippinas verbliebenen Einfluss auf Nero fürchtete. Der römische Schriftsteller Sueton (um 70 – um 130) schreibt, Nero habe dreimal versucht, Agrippina zu vergiften. Als die Anschläge fehlschlugen, entschied sich Nero, seine Mutter Schiffbruch erleiden zu lassen. Anicetus wurde damit beauftragt, ein Boot zu konstruieren, das mit Leichtigkeit zum Sinken gebracht werden konnte. Dann lud Nero Agrippina zu einem Fest nach Baiae ein, gab sich dort betont versöhnlich und geleitete seine Mutter anschließend zu dem präparierten Boot, das sie zu ihrer Villa bringen sollte.
Die Attentäter des Kaisers brauchen zwei Anläufe
Das Attentat schlug fehl. Zuerst stürzte der Baldachin ein, verfehlte Agrippina jedoch. Das Boot selbst konnte von der Mannschaft nicht zum Sinken gebracht werden. Als beschlossen wurde, Agrippina zu erschlagen, sprang sie ins Wasser und schwamm um ihr Leben. Sie wurde aus dem Wasser gefischt und zu ihrer Villa gebracht. Natürlich war sie sich bewusst, wer hinter dem Anschlag steckte. In einem letzten Versuch, sich zu retten, indem sie Nero die Rückkehr zur Tagesordnung nahelegte, schickte sie einen ihrer Diener zu ihm. Er sollte Nero berichten, es habe bei der Überfahrt ein Unglück gegeben, das sie aber überlebt habe.
Nero war jedoch nicht mehr zu bremsen. Als der Diener die Nachricht überbrachte, beschuldigte der Kaiser ihn, er sei gekommen, um ihn, Nero, umzubringen – im Auftrag Agrippinas. Anicetus wurde losgeschickt, um Agrippina zu töten, diesmal in aller Öffentlichkeit und ohne vorgetäuschte Unfälle. Während Nero weiter feierte, wurde seine Mutter ermordet.
Die Bürger Roms waren erzürnt, als sie von Agrippinas Tod erfuhren. Jeder wusste, dass Nero dahintersteckte – ganz gleich, wie viele haltlose Anschuldigungen dieser nun gegen die Tote ins Feld führte. Nero hatte sogar Angst davor, nach Rom zurückzukehren. Als er schließlich doch in seinen Palast zurückkehrte, tat er alles, um die Erinnerung an seine Mutter auszulöschen. Neun Jahre sollte seine Herrschaft noch dauern. Gänzlich entfesselt, machte er Rom zu seinem Spielplatz. Die Römer wunderte es nicht: Seit dem Mord an Agrippina wussten sie, dass ihrem Kaiser nichts heilig war.
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