Patrick Geary geht es in seinem Band “Die Merowinger” gar nicht vornehmlich nur um diese Dynastie. In einem weitgesteckten Rahmen behandelt er vielmehr die Symbiose von spätantikem Imperium und barbarischer Welt der Germanen, konzentriert auf die Franken und die Begründung und Entwicklung ihres Großreichs bis zum Niedergang der Dynastie. Mit einem um 30 n. Chr. bezeugten, eher banalen Ereignis – grenz-überschreitender Viehhandel zwischen einem römischen Händler und einem barbarischen Bauer – setzt das Buch ein; diese Episode taucht leitmotivisch mehrmals wieder auf und ist typisch für Geary‘s besondere Fähigkeit, allgemeine Entwicklungen an individuellen Schicksalen und alltäglichen Begebenheiten zu veranschaulichen. Bis der Leser mit Childerich I. (dem Vater Chlodwigs) dem ersten historisch faßbaren Merowinger begegnet, ist er bereits umfassend, kompetent und verständlich über das Weströmische Reich und die Umgestaltung seiner Gesellschaft, die barbarische Gesellschaft vor und während der Völkerwanderung, die Ethnogenese der Franken sowie die frühen Kontakte der Römer mit diesen informiert. Nach ausführlicher Schilderung der Herrschaft Chlodwigs (482-511) resümiert Geary: “Nördlich der Alpen war unter Chlodwig eine neue Art von christlichem Barbarenreich errichtet worden, das den Westen Europas für immer prägen sollte.” Die folgenden drei Kapitel behandeln die weitere Entwicklung bis ins frühe 8. Jahrhundert. Dabei geht es nie nur um die im engeren Sinn politische Geschichte: die Gesellschaft (soziale Gruppen, Stämme und Regionen, Rechtsleben), die Kirche, die Wirtschaft und vieles mehr wird angesprochen, oft am konkreten Einzelbeispiel verdeutlicht. Im Schlußkapitel erörtert Geary die schon vom karolingischen Biographen Einhard vorgenommene, sich über Jahrhunderte haltende Abqualifizierung der Merowinger als “lächerliche Anachronismen” und “rois fainéants” (Taugenichtse). Gerade weil er aber nicht die Könige ins Zentrum stellt, überzeugt sein Bild von der “Einzigartigkeit der frühfränkischen Gesellschaft” und allgemein von der hohen Bedeutung der Franken als Erben Roms und der lateinischen Antike. Das glänzend geschriebene Buch bietet auch in der guten Übersetzung von Ursula Scholz eine genußreiche Lektüre.
Rezension: Nonn, Ulrich





