Ein spannendes Buch! Lei-der aber ist das deutsch übersetzte Buch „Die Minoer“ von J. Lesley Fitton nur spannend für alle, die mit der minoischen Kultur sehr gut vertraut sind und Zeit haben, detektivisch die Ur?sachen dieses Fehlprodukts zu ergründen. Für den Leser jedoch, der eingeladen werden soll, sich für die Vergangenheit Kretas zu interessieren, ist das Buch leider keine Anregung. Nähme man den englischen Originaltext von Lesley Fitton, sähe das Urteil anders aus. Sie beginnt mit dem, was jeden beeindruckt, mit der kretischen Landschaft, und zeigt dann, was die Natur dem Menschen damals und heute zur Verfügung stellt. Damit wird die autarke Grundlage verständlich, auf der sich die Kultur der Minoer entwickeln konnte und die das Verhältnis zu den benachbarten bron?ze?zeitlichen Kulturen mit be?stimmte. Die Spannung zwischen den relativen Zeitfolgen, wie sie aus dem Fundmaterial bestimmt werden können, und dem Anspruch auf eine absolute Chro?nologie wird in der Einführung gut dargelegt. Des weiteren werden die Vorstufen der minoischen Palastkultur gezeigt. Veränderungen etwa in Handwerk und Handel führten zu einem Wechsel der Machtstrukturen, es wuchs eine hierarchisch geprägte Gesellschaft, die sich in stattlichen Häusern und Gräbern mit viel Luxus selbst präsentierte. Mit der folgenden Gliederung in „alte Paläste“, „neue Paläste“ und „letzte Palastphase“ hat sich Lesley Fitton ein vielleicht zu enges Korsett angelegt. Viele kulturelle Phänomene lassen sich nicht so klar nach Architektur- oder Keramikphasen trennen, was zu Wiederholungen und vielen Verweisen führt. Hervorzuheben ist aber, daß sie erfolgreich Sachverhalte, Befunde und kulturelle Zusammenhänge anhand neuester Forschungsergebnisse erklärt und dabei das tägliche Leben nicht ausblendet. Wohlüberlegt ist auch der Schluß, der über das mythologische Erbe und die Rezeption wieder in die Gegenwart zurückführt. Soweit die Beurteilung, läge hier nicht ein deutscher Text vor, bei dem man fortwährend über die Grammatik stolpert und bekannte englische Begriffe unübersetzt einen falschen Sinn ergeben: „relative“ ist eben nicht immer deutsch „relativ“. Ein falsch übersetz-tes „of?“ ergibt „Palast von Minos“, einen Ort, den es auf Kreta nicht gibt – man könnte noch mehr nennen. Wer „marine style“ mit Marine-Stil übersetzt, dem fehlt die Qua?lifikation nicht nur für fachspezifische archäologische Texte. Solche Fehler müßten aber eigentlich vom Lektorat be?hoben werden. Da darf keine „Mesara-Hochebene“, kein „Chamexi“, kein „Tholos“ die Druckfreigabe bekommen. In einem Verlag mit archäologischen Titeln an der Spitze des Programms erwartet man kompetente Mitarbeiter. Bei den „Minoern“ haben Übersetzung und Lektorat so versagt, daß man im deutschen Text das originale Werk nicht mehr würdigen kann. Von Kauf und Lektüre ist daher abzuraten.
Rezension: Hiesel, Rudolf





