Warum entschließt sich ein Soldat, zu desertieren?
Einer der Kernpunkte bei Fahnenflucht war die Frage, warum der Soldat desertierte. Natürlich spielte der berechtigte Wunsch, nicht sterben zu wollen, eine grundlegende Rolle bei jedem Fahnenflüchtigen. Darüber hinaus ließen sich in den Gerichtsakten aber noch andere Gründe finden. So spielte beispielsweise die Herkunft eine Rolle bei der Fluchtentscheidung, denn es handelte sich bei den Soldaten der Wehrmacht um eine sehr heterogene Gruppe. Knapp 60 Prozent der Deserteure waren Männer aus dem Deutschen Reich. Bei dem Rest der Soldaten handelte es sich um Österreicher, Polen und Slowenen, um Luxemburger und Franzosen.
Im Verlauf des Kriegs ging die Wehrmacht auf Grund der steigenden Verluste zu einer Politik der Zwangsrekrutierung in den besetzten Gebieten über. Ein Beispiel dafür war die Flucht von Josef Arndt, der aus Dirschau in Pommern (heute Tczew, Polen), ungefähr 40 Kilometer südlich von Danzig kam. Auf Grund seiner teilweise deutschen Herkunft war er Mitglied der „Deutschen Volksliste 3“ (DVL 3), was ihm im besetzten Polen einen privilegierten Status verschaffte. Anfang Januar 1944, als sich seine Einheit in Abwehrkämpfen in der Ukraine befand, verschwand Josef Arndt aus seiner MG-Stellung. Später ließen aufgefangene Funksprüche vermuten, dass er zu den sowjetischen Linien übergelaufen war. Aus den Vernehmungsprotokollen von Kameraden ging hervor, dass Arndt früher in der polnischen Armee gedient hatte und im Juli 1942 zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden war.
Seine Frau Josefa hatte allerdings als Polin den privilegierten Status der DVL 3 nicht erhalten und wurde von den deutschen Bewohnern des Ortes schlecht behandelt. Vermutlich war die Diskriminierung seiner Frau der ausschlaggebende Grund, warum Arndt nicht mehr bereit war, sein Leben für eine fremde Sache einzusetzen. Bei den untersuchten Deserteuren stellten die Soldaten mit polnischer Herkunft mit 15 Prozent die größte Gruppe der nicht-deutschen Fahnenflüchtigen.
Ein anderer Fluchtgrund, der in mehr als 70 Fällen explizit erwähnt wurde, war die Angst vor einer bevorstehenden Strafe. Viele Historiker sehen die strenge Wehrmachtjustiz als hauptsächliche Ursache dafür an. Dabei lassen sie aber außer Acht, dass in vielen Fällen ein Diebstahl der Grund für eine bevorstehende Strafe war.
Ein gutes Beispiel dafür war die Flucht des Unteroffiziers Walter Goebel. Goebel hatte Angst – und die war begründet, denn er hatte keinen guten Stand in seiner Kompanie. Sein Spitzname war „Pazifist“, allerdings war das nicht als Kompliment gemeint. Er galt als Feigling und als Lügner. Bereits 1942 wurde er disziplinarisch bestraft, weil er während eines Angriffs seinen Kampfstand verlassen hatte und in einem anderen Bunker Zuflucht suchte. Einige Wochen später wurde noch dazu ein Tatbericht wegen Kameradendiebstahls gegen ihn eingereicht, und er fürchtete nun auch die Strafe seiner Kameraden.





